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Bauernhoftiere können vielen Menschen in allen Generationen und mit unterschiedlichen Problemen eine Hilfe sein (Foto: Bauernhof Göhring)

"Sie helfen zu heilen."

Was Tiere bewirken und wie sie zum Fördertier werden

15.03.2018

Delfine als Co-Therapeuten, Hunde als Co-Sozialarbeiterinnen in Schulen und Heimen - sie sind längst etabliert. Therapeutisches Arbeiten mit Bauernhoftieren dagegen ist eine vergleichsweise neue Form der Förderung.

Von Jutta Schneider-Rapp

Grundsätzlich soll die tiergestützte Förderung bestehende Therapien ergänzen. "Tiergestützte Therapie behandelt keine spezifischen Krankheiten, sondern soll das Vertrauen, die Sicherheit, das Mitteilungs- und Geselligkeitsbedürfnis der Patienten sowie ihre Motivation und Kooperation fördern", erklärt Diplom-Psychologe Rainer Wohlfahrth von Ani.Motion - Institut für tiergestützte Therapie.

Eine beliebte Aufgabe, um die Feinmotorik zu trainieren, ist das Bürsten (Foto: Bauernhof Göhring)

 

Über das Medium Tier können Therapeut*innen zu einem traumatisierten Kind schneller einen Kontakt herstellen und spezifisch psychotherapeutisch intervenieren. Um die Feinmotorik der Hand zu trainieren, bürsten Kinder lieber ein Schaf oder einen Esel als einfach nur zu kneten. Motivation kann viel bewegen.

"Tiere öffnen Türen und schaffen so einen Zustand, mit dem wir gut weiterarbeiten können. Damit ist aber auch gesagt: Tiere heilen nicht! Sie helfen uns zu heilen", sagt Wohlfahrth. Da fast alle Menschen Tiere mögen, ist die Zielgruppe potenzieller Patient*innen groß: von sprachverzögerten Kleinkindern bis zu dementen Erwachsenen.

 

Das Schwein kennt keine Höflichkeit

Von der tierischen Begleitung profitieren auch Menschen, die sich in unserer Welt der Worte schwertun, wie Menschen mit Autismus, geistiger Behinderung oder Traumata. Tiere sind ohne Worte präsent, empathisch und authentisch. Wenn uns das Minischwein freudig grunzend begrüßt, freut es sich tatsächlich und grunzt keine Höflichkeitsfloskel. Wenn die Kinder die Kuh am Strick hinter sich herzerren wollen, bleibt sie stehen. Solange, bis die Kinder es besser machen.

Beim Versorgen der Tiere erleben Menschen, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirkt. Pädagogisch ausgedrückt: Sie erfahren Selbstwirksamkeit. Das ist für Menschen mit Handicaps keineswegs selbstverständlich. Im Alltag wird eher etwas mit ihnen gemacht. Auf dem Bauernhof kehren sich die Rollen um. So lernen sie durch eigene Fähigkeiten, Dinge mit Erfolg zu bewältigen. Wenn ein Kind beispielsweise eine große Kuh führt, gewinnt es mächtig an Selbstbewusstsein.

Mit Tieren erlebt man alle Sinne an (Foto: Jutta Schneider-Rapp)

 

Darüber hinaus ist der Bauernhof mit all seinen Pflanzen und Tieren eine perfekte Sinnesschule. Hier gibt es viel mehr zu riechen, spüren, sehen, hören als im Klassenzimmer oder Therapieraum. Allein beim Tasten tut sich eine ganze Welt auf: Vom flauschigen Küken über das fettige Schaffell bis zur borstigen Schweinehaut und rauer Hühnerkralle - alles fühlt sich anders an. Genauso verschieden sind die Gerüche, die Atmung und sogar die Körpertemperatur der Bauernhoftiere. Und erst die Laute. Diese Ansprache aller Sinne nennen die Fachleute basale Stimulation. Damit lassen sich sogar Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderungen anregen.

 

Nicht alle Tiere eignen sich

Allerdings eignen sich längst nicht alle Tiere als Co-Therapeut*innen. Die meisten Bullen aber auch viele ältere Schaf- und Ziegenböcke sind aufgrund der männlichen Hormone sehr triebgesteuert. Sie sind daher unberechenbar, um Partner für Menschen mit Handicaps zu sein. Alle Bauernhoftiere müssen buchstäblich in ihre Rolle als Fördertiere hineinwachsen. Um Kalb, Lamm, Zicklein, Eselfohlen und Miniferkel an menschliche Gerüche und Geräusche zu gewöhnen, müssen sie bereits kurz nach der Geburt mit Menschen Kontakt haben. Zuerst mit ihrer Hauptbezugsperson und dann mit anderen Personen.

Danach muss sich der tierische Nachwuchs noch an Gegenstände gewöhnen, die in seinem späteren Arbeitsalltag vorkommen. Zum Beispiel Rollstühle oder Krücken. Das heißt Habituation. Nur so machen Bauernhoftiere bei allen Aktivitäten gut mit und bleiben auch bei Geschrei und abrupten Bewegungen cool. Das sorgt für die maximal mögliche Sicherheit.

Das Zicklein ist an die Gehhilfe gewöhnt (Foto: Jutta Schneider-Rapp)

 

Wer tiergestützte Arbeit auf dem Bauernhof anbietet, muss immer das Wohl von Mensch und Tier im Blick behalten. Dazu müssen die Anbieter*innen gut ausgebildet sein: eine pädagogische oder therapeutische Ausbildung und landwirtschaftliche Fachkenntnisse haben.

Pädagoginnen, Psychologen oder Ergotherapeutinnen brauchen zusätzlich Sachkundenachweise zur Tierhaltung. Bäuerinnen und Bauern müssen zusätzlich eine pädagogische oder therapeutische Grundausbildung haben.

 

Krankenkassen zahlen nicht

Da kaum jemand beide Qualifikationen besitzt, ist Teamwork gefragt. Die Bäuer*innen bilden ihre Tiere entsprechend aus und sind für die Förderprogramme auf dem Hof zuständig. Die Sonderpädagogen oder Therapeutinnen kennen ihre Klient*innen samt deren individuellen Förderbedarf. Gemeinsam legen sie dann Förderziele und -programme fest, dokumentieren und diskutieren die Fortschritte. Diese intensive tier- und klientenbezogene Vor- und Nachbereitung macht den Unterschied zur Bauernhofpädagogik aus.

Streicheln ist oft einfacher als Reden (Foto: Jutter Schneider-Rapp)

 

"Für die Kinderheilkunde im ambulanten und stationären Bereich sind Tiergestützte Interventionen eine wunderbare Möglichkeit, andere schon etablierte Therapieformen wie zum Beispiel die Ergotherapie zu bereichern", sagt Renate Reul. Die Hausärztin schickt häufig Kinder zu Bauernhoftieren.

Allerdings kann sie für Schafpflege und Schweintraining kein Rezept schreiben. Denn bisher erkennen die Krankenkassen Heilbehandlungen mit Bauernhoftieren nicht an. Daher müssen Stiftungen, Spenden und Interessierte selbst diese tierische Förderung finanzieren.

 

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