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Der Wert der Weidewirtschaft

Landwirtschaft, Agrarpolitik, VerbandSüdtirolBioland Südtirol25.06.2026

Martin Unterweger im Gespräch mit Agnes-van-den-Pol-van-Dasselaar

Im Rahmen des EU-Projekts Grazing4Agroecology (G4AE) arbeiteten Bioland Südtirol und das Versuchszentrum Laimburg gemeinsam an Themen rund um die Weidehaltung. Auch nach Projektabschluss sollen die gewonnenen Erkenntnisse und internationalen Kontakte für die Südtiroler Landwirtschaft genutzt werden.

Eine wichtige Projektpartnerin war Agnes van den Pol-van Dasselaar, Professorin für Grasland an der Hochschule Aeres in den Niederlanden und anerkannte Expertin für Grünland und Weidehaltung. Im Interview mit Martin Unterweger, dem Projektverantwortlichen bei Bioland Südtirol, teilt sie ihre Erfahrungen aus Forschung und Praxis und erklärt, warum erfolgreiche Weidehaltung nicht nur von Technik, sondern auch von der Einstellung der Landwirte abhängt.

1) Weidehaltung ist in ganz Europa rückläufig. Was sind deiner Ansicht nach die Hauptgründe dafür?

Agnes van den Pol-van Dasselaar: Ich sehe mehrere Hauptgründe für den Rückgang der Weidehaltung in Europa: die Schwankungen in Menge und Qualität der Grasproduktion, die zunehmende Größe der Milchviehherden, die Zersplitterung der landwirtschaftlichen Flächen sowie die steigende Milchleistung pro Kuh, die nicht allein durch Weidehaltung erreicht werden kann. In jüngerer Zeit hat zudem die zu-nehmende Verbreitung automatischer Melksysteme diesen Trend weiter verstärkt.

2) Wie ist die generelle Einstellung der Landwirte zur Weidehaltung? Gibt es dabei Unterschiede innerhalb der europäischen Länder?

Agnes: Grundsätzlich ist die Einstellung zur Weidehaltung positiv. Eine Umfrage unter Junglandwirten in acht europäischen Ländern zeigte jedoch deutliche Unterschiede: Während die Bedeutung der Weidehaltung in Irland am höchsten eingeschätzt wurde, fiel die Bewertung in den Niederlanden und in Südtirol vergleichsweise niedriger aus.

3) Ist die junge Generation aufgeschlossener gegenüber Weidehaltung?

Agnes: Ich würde sagen, dass es eine Kluft zwischen Alt und Jung gibt. Die ältere Generation ist mit der Weidewirtschaft aufgewachsen und hat viel Erfahrung in dieser Form der Landwirtschaft gesammelt. Es folgte eine Phase der Intensivierung, die nicht gerade zu großem Interesse an der Weidewirtschaft geführt hat. Nun hat sich die Situation wieder geändert. Und ja, auch wenn ich in der vorherigen Frage ge-antwortet habe, dass niederländische Landwirte am schlechtesten abgeschnitten haben, sehe ich in den Niederlanden ein erneutes Interesse an der Weidewirtschaft bei der jungen Generation.

4) Du kennst auch Südtirol und das Berggebiet recht gut. Hast du einen guten Rat für Landwirte, die hier Weidehaltung betreiben wollen, die topografischen Herausforderungen jedoch manch einen daran hindern?

Agnes: Ich würde sagen, dass die Topografie nicht nur eine Einschränkung darstellt, sondern auch Teil der Lösung sein kann, wenn man sein System daran anpasst. Dafür gibt es einige entscheidende Faktoren:

• Steile und wechselnde Hanglagen bedeuten, dass eine einheitliche Bewirtschaftung selten funktioniert. Stattdessen können Landwirte davon profitieren, wenn sie das Land in kleinere Weideeinheiten aufteilen und die Besatzdichte sowie den Weidezeitpunkt an die örtlichen Gegebenhei-ten anpassen.

• Die Tierart und die Robustheit sind wichtig. Rassen, die gut daran gewöhnt sind, längere Strecken zurückzulegen und mit schwankender Futterqualität zurechtzukommen, werden viel besse-re Leistungen erbringen als auf Flachland ausgelegte Systeme mit hohem Input und hohem Out-put. Die Anpassung der Tiere an die Umgebung ist oft ein wirksames Mittel, um den Druck zu verringern.

• Auch in Bergregionen ist eine gute Infrastruktur wichtig: Strategisch platzierte Zäune, Wasserstellen oder Zugangswege können den Arbeitsaufwand verringern.

• Ein weiterer, allgemeiner wichtiger Punkt ist der Wissensaustausch und das Lernen von anderen unter ähnlichen Bedingungen. Berglandwirtschaftssysteme haben eine lange Tradition, und unter den Landwirten selbst ist viel praktisches Wissen vorhanden. Der Besuch anderer Betriebe, die Teilnahme an Diskussionsgruppen oder die Einbindung in Beratungsnetzwerke kann sehr praktische Lösungen liefern, die in Lehrbüchern und Schulen nur schwer zu finden sind.

• Schließlich, und das ist vielleicht das Wichtigste, möchte ich die Landwirte ermutigen, den Mehrwert dieser Systeme zu erkennen. Die Weidewirtschaft in Bergregionen sorgt oft für Biodiversität, Landschaftsqualität und kulturellen Wert, was von der Gesellschaft zunehmend anerkannt wird. Dies kann Möglichkeiten für den Verkauf von grasbasierten Produkten aus den Bergen eröffnen, wobei für diesen Mehrwert ein finanzieller Aufschlag auf den Preis gewährt wird: entweder über Nischenmärkte, Agrarumweltprogramme oder tourismusbezogene Aktivitäten.

5) Wenn du einen Wunsch frei hast für die Weidehaltung in Europa. Wie würde dieser lauten?

Agnes: Eine stärkere Anerkennung des vollen Wertes von Grünland und der weidebasierten Landwirtschaft. Dabei geht es nicht nur um die Produktion, sondern auch um Biodiversität, Kohlenstoffbindung, Klimaresilienz, Tierschutz usw. Dies sind Werte für die Gesellschaft und für die Landwirte, und die Bedeutung für die Gesellschaft sollte sich im Preis der Produkte widerspiegeln. Daher brauchen wir eine besse-re Abstimmung zwischen Praxis, Politik und Verbrauchern, damit Landwirte wirklich dabei unterstützt werden, Weidesysteme zu erhalten und weiterzuentwickeln, die sowohl der Landwirtschaft als auch der Gesellschaft zugutekommen.

Weitere Informationen zum Projekt findet man auf der Projekthomepage:

https://grazing4agroecology.eu/country/italy/

Kontakt: Martin Unterweger, martin.unterweger@bioland-suedtirol.it oder +39 3801874266

Weidewirtschaft | Bioland e.V.