Sicherheitsnetz der Pestizidzulassung erhalten
Die EU-Kommission plant Lockerungen bei der Pestizidzulassung – Bioland fordert die Bundesregierung zum Einsatz gegen die Vorhaben in Brüssel auf.

Pestizide bleiben meistens nicht auf den Flächen, auf denen sie ausgebracht werden, sondern landen durch Abdrift auch in der Umwelt und auf Bio-Flächen. In solchen Fällen ist der Schaden schnell groß - und die Haftungsfrage schwierig zu klären.
Die Europäische Kommission will die Zulassungsregeln für Pestizide deutlich lockern: Künftig sollen Wirkstoffe nicht mehr regelmäßig neu bewertet werden müssen, sondern grundsätzlich unbefristet zugelassen bleiben. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina warnt eindringlich vor den Folgen für Mensch und Umwelt. Bioland fordert die Bundesregierung auf, die Warnungen aus der Wissenschaft ernst zu nehmen und sich auf EU-Ebene klar gegen die Pläne zu positionieren.
Pläne der EU-Kommission stehen im Widerspruch zur angestrebten Pestizidreduktion
„Eigentlich hat die EU sich die Pestizidreduktion auf die Fahnen geschrieben – aus gutem Grund: Die Auswirkungen vieler chemisch-synthetischer Pestizide auf Umwelt und Artenvielfalt sind gut dokumentiert. Umso unverständlicher ist es, dass die EU-Kommission die regelmäßige Überprüfung dieser Stoffe abschaffen will, obwohl wir ihre fatalen Auswirkungen oft erst nach jahrelanger Anwendung vollständig erkennen. Das ist, als würde man den TÜV für Autos abschaffen, weil die Kontrollen Zeit kosten und Aufwand verursachen. Und das ist vor allem kein sinnvoller Bürokratieabbau sondern der Abbau wichtiger Sicherheitsnetze“, betont Bioland-Präsident Jan Plagge.
Die Pläne der Kommission stehen im Widerspruch zu den erklärten Zielen der EU, den Pestizideinsatz zu reduzieren und die Biodiversität zu schützen. Denn trotz jahrzehntelanger politischer Debatten und zahlreicher Ankündigungen ist die Abhängigkeit der Landwirtschaft von chemisch-synthetischen Pestiziden nach wie vor hoch. Die jüngsten Eurostat-Zahlen zeigen sogar einen erneuten Anstieg: Im Jahr 2024 wurden in der Europäischen Union rund 316.000 Tonnen Pestizide verkauft – acht Prozent mehr als im Vorjahr. Deutschland gehört weiterhin zu den vier größten Absatzmärkten für Pestizide in Europa.
Die Leopoldina weist zudem darauf hin, dass seit 2009 mindestens 165 zuvor zugelassene Wirkstoffe ihre Zulassung verloren haben – häufig aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder verbesserter Bewertungsmethoden. Gerade deshalb seien regelmäßige Neubewertungen ein unverzichtbarer Bestandteil eines lernfähigen und wissenschaftsbasierten Zulassungssystems.
Die Risiken tragen Umwelt, Verbraucher und Bio-Betriebe
„Die Entwicklung zeigt: Freiwillige Appelle und politische Ankündigungen allein reichen nicht aus. Solange die Ursachen des Pestizideinsatzes nicht angegangen werden, bleibt die Landwirtschaft in einem System gefangen, das immer neue chemische Lösungen für die Probleme hervorbringt, die es selbst geschaffen hat. Dabei zeigen wir im Ökolandbau seit Jahrzehnten, dass Pflanzenschutz und gute Erträge auch ohne chemisch-synthetische Pestizide möglich sind“, so Plagge.
Die Folgen des Pestizideinsatzes tragen nicht nur Insekten, Gewässer und die Artenvielfalt. Auch Bio-Betriebe leiden regelmäßig unter Pestizidabdrift von benachbarten Flächen. Werden Bio-Flächen mit chemisch-synthetischen Pestiziden verunreinigt, entstehen schnell Schäden in fünfstelliger Höhe – und wenn der Verursacher nicht gefunden werden kann, bleiben Öko-Landwirtinnen und -Landwirte auf diesen Kosten sitzen.
Beispiel aus der Praxis: „Können keine Glaskuppel über unsere Felder bauen“
Besonders problematisch ist die Situation für Betriebe, die Heil- und Arzneipflanzen anbauen. In diesem sensiblen Bereich gelten besonders strenge Grenzwerte für Pestizidrückstände. Werden diese durch Abdrift überschritten, darf die betroffene Ernte nicht vermarktet werden und muss vernichtet werden.
Jonas Winter vom Bioland-Betrieb Gärtnerei Winter GbR in Magstadt: „Wir beobachten, dass die Rückstände von Pflanzenschutzmitteln mit flüchtigen Wirkstoffen wie Prosulfocarb in den vergangenen Jahren zunehmen. Gleichzeitig werden die zulässigen Grenzwerte für Verunreinigungen weiter verschärft. Das passt nicht zusammen. Wer problematische Pestizide reduzieren will, muss vor allem bei ihrer Zulassung ansetzen. Stattdessen wird die Verantwortung auf Betriebe wie uns abgewälzt, die das Problem gar nicht verursachen. Wir können nicht jeden Pestizideinsatz im Umkreis von mehreren Kilometern kontrollieren – und wir können auch keine Glaskuppel über unsere Felder bauen.“
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