Drei Hofgeschichten zum Jubiläum
Am 26.09. feierten 120 Gäste das 40. Jubiläum des Landesverbandes Niedersachsen/Bremen. Mit dabei Ernst-Friedrich Maage aus Ronnenberg und Claudia Ramsperger aus Bremen. Ihre Hof- und Lebensgeschichten sind eng verwoben mit der Geschichte des Bioland Landesverbands. Gleiches gilt für Ada Fischer.

Ernst-Friedrich Maage (Mitte) mit Frau Ulrike (weiße Bluse), Sohn Maarten (schwarze Jacke) und Team.
Bioland ist der größte und zweitälteste Bio-Verband in Deutschland. Seit 1971 steht der Verband für eine moderne, wissenschaftlich fundierte und verantwortungsvolle Landwirtschaft.
Im Jahr 1986 ereignete sich der Reaktorunfall in Tschernobyl. Die Katastrophe veränderte das Bewusstsein vieler Menschen für Lebensmittel, Herkunft und Verantwortung. Es wurde klar: Landwirtschaft ist keine Randfrage – sondern ein zentraler Teil unserer Lebensgrundlagen. Bioland ist damals stark in Bewegung, breitet sich über ganz Deutschland aus und bekommt durch das Ereignis weiteren Zulauf. Nur vier Tage nach dem Unfall gründet sich am 30.04.1986 der Landesverband Niedersachsen/Bremen.
Grund, die Landwirtschaft nicht aufzugeben: Ökologische Landwirtschaft
Auch für Ernst-Friedrich Maage und seine Frau Ulrike ist Tschernobyl, die damit verbundenen Ängste und Unsicherheiten, ein prägendes Ereignis. „Wir hatten uns einer Gruppe von rund zehn Landwirten angeschlossen, trafen uns monatlich und tauschten uns zu unseren Erfahrungen aus“, erinnert sich Maage. Er hatte den elterlichen Betrieb in den 70er Jahren übernommen. Nach 15 Jahren konventioneller Landwirtschaft war er auf dem Absprung. „Wir wollten den Betrieb aufgeben, ich hatte eigentlich bereits einen anderen Job. Dann kam 1982 unser Sohn Maarten dazwischen“, erinnert sich Landwirt Maage. Sein Sohn hatte starke Allergien. Die Eltern beschäftigten sich mit Ernährung und Zusatzstoffen. Sie kamen auf die Idee, die Lebensmittel selbst anzubauen, ohne künstliche Dünger und Pflanzenschutzmittel. Das Paar Maage entdeckte die ökologische Landwirtschaft als Lösung für viele Probleme, tastete sich an das Thema Bio heran, orientierte sich neu und blieb so der Landwirtschaft treu. 1987 beantragte Maage die Aufnahme in den Bioland Verband. „Entscheidend war für uns die offensive Art, mit der Bioland die ökologische Landwirtschaft voranbringen wollte“, sagt Maage. „Nicht nur in der eigenen Blase bleiben, sondern den Anspruch haben, dass der ökologische Landbau die bessere Form der Landwirtschaft ist.“
Eine alleinstehende Frau als Hofnachfolgerin entsprach nicht den gesellschaftlichen Erwartungen
Im gleichen Jahr übernahm Ada Fischer den elterlichen Betrieb südlich von Cuxhaven. Im Folgejahr stellte sie den Hof auf ökologische Landwirtschaft um und schloss sich 1990 offiziell Bioland an.
Ada Fischer studierte in den 80er Jahren Agrarwissenschaften in Witzenhausen. Die Universität Kassel hatte dort 1981 die erste Professur für den Ökologischen Landbau eingerichtet und gilt seither als Pionier auf diesem Gebiet. Als Fischer 1987 auf den elterlichen Betrieb zurückkehrt, hatte sie die ökologische Sichtweise verinnerlicht und engagierte sich ehrenamtlich für den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft. Als Referentin hatte sie gut verdient und kannte das Großstadtleben. „Mein Vater ging in Rente und musste den Betrieb abgegeben. Ich wollte den Hof erhalten. Der Generationswechsel stand an und ich habe bei dieser Übergabe meinen eigenen Weg nicht zur Diskussion gestellt“, erinnert sich Fischer. Ihre Eltern hätten keine andere Wahl gehabt. „Es entsprach damals ja nicht den gesellschaftlichen Erwartungen, dass die Tochter, also eine Frau, die Verantwortung übernimmt, ohne einen passenden Mann mit nach Hause zu bringen.“
Netzwerk und Austausch als Bereicherung des Arbeitsalltags
Der Austausch zwischen den Betrieben nahm in Regionalgruppen Fahrt auf und ein starkes Netzwerk zwischen den einzelnen Akteuren entstand. Die Gärtnerei rhizom ist früh Teil dieses Netzwerks. 1987, zunächst als Verein gegründet, feiert rhizom im nächsten Jahr ihr 40. Jubiläum. Mitgründerin der Gärtnerei und frühe Betriebsleiterin ist Heidrun Kersting. In ihrer Erinnerung war der Austausch zwischen den Betrieben immer besonders wertvoll. Auch ihre Kollegin und später Nachfolgerin Claudia Ramsperger bestätigt: „Noch heute sind Veranstaltungen wie die jährliche Wintertagung oder themenbezogene Exkursionen und Austauschformate für meinen Arbeitsalltag extrem bereichernd.“
Heidrun Kersting und Claudia Ramsperger von der Bremer Gärtnerei rhizom.
Bioland beteiligte sich maßgeblich an der Entwicklung der ersten EU-Öko-Verordnung, die 1991 in Kraft trat und seither den Ökolandbau in Europa gesetzlich normiert. Kontrollen zur Einhaltung der Bioland-Richtlinien, die in den Anfangsjahren von anderen Betrieben durchgeführt wurden, erfolgten nun durch unabhängige und akkreditierte Kontrollstellen.
Ende der 90er professionalisierte sich Bioland weiter: Die Bioland Verlags GmbH wurde gegründet, ein Gastro-Zertifizierungssystem eingeführt. Bioland gründete gemeinsam mit anderen Verbänden den Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), den heutigen Spitzenverband landwirtschaftlicher Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Lebensmittel. Die Vision von ökologischer Landwirtschaft bekam Strukturen, Regeln, Ansprechpersonen und eine klar erkennbare Stimme. Bio wurde verlässlich. Der Landesverband baute parallel das Beratungsangebot für die Mitgliedsbetriebe zu den verschiedenen landwirtschaftlichen Betriebszweigen aus.
Hofläden für die erfolgreiche Direktvermarktung
Ada Fischer war es damals wichtig, dass der Mehrwert ihrer Produkte auf dem Hof bleibt und investierte Geld und Zeit in die Direktvermarktung, um im Hofladen ihren Kundinnen und Kunden Fleischwaren aus der eigenen Erzeugung anzubieten. Sie bildete aus. Ihre politische Arbeit fuhr sie etwas zurück, der Austausch mit anderen Landwirtinnen und Landwirten empfand sie jedoch stets als Bereicherung. „Auch wenn das Leben als Landwirtin nicht nur lustig war und ist, hat mir der Hof immer halt gegeben. Das Umfeld war stets wichtig, die Arbeit wird und wurde getragen durch den intensiven Austausch und die Einflussmöglichkeiten, die ich durch mein Ehrenamt bei Bioland habe“, betont Fischer.
Auch Familie Maage setzte von Beginn an auf die Direktvermarktung. Ulrike Maage betrieb einen zunächst kleinen Hofladen, der über die Jahre ein wichtiger Faktor für die Wirtschaftlichkeit des eigenen Betriebs wurde. „Wir verkauften unser Gemüse und unsere Kartoffeln im Hofladen und waren so in der Lage, mit einem vergleichsweise kleinen 30 ha Betrieb gut über die Runden zu kommen. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre hatten wir teilweise bis zu 5 Festangestellte“, erklärt Maage. Immer wieder betont Maage, wie wichtig es ihm war und ist, Bio aus der Nische herauszuholen. Folglich war er eines der Gründungsmitglieder der Bio Nord GmbH, zeitweise die bundesweit größte Bio-Erzeugergemeinschaft.
Maage (rechts) mit der damaligen Landwirtschaftsministerin Renate Künast.
Professionalisierung auf den Höfen und im Verband
Ramsperger erklärt in der Rückschau: „Bioland ist über die Jahre immer weiter den Kinderschuhen entwachsen. Die Qualität der Produkte und die Erwartungen der Kunden haben sich entwickelt.“ Anfangs sei es „ein bestimmtes Völkchen“ gewesen, dass sich für die Produkte der Gärtnerei interesseierte. Auch durfte das angebotene Gemüse nicht „zu schön“ aussehen, denn dann konnte es in der Vorstellung der meisten kein Bio sein.
Im Jahr 2010 wurde das bekannte Bioland Markenzeichen eingeführt, das heute die Bioland-Erzeugnisse schmückt. „Als wir begannen, den Handel und Großmarkt mit unseren Erzeugnissen zu beliefern, mussten wir uns ein Stück weit anpassen. Dadurch haben sich auch unsere Abläufe standardisiert“, erinnert sich die aus Süddeutschland stammende Ramsperger. Sie betont, dass sich dies insgesamt zugunsten der Qualität der Produkte auswirkte.
Hofnachfolge als Herausforderung
Ab Mitte der 2010er Jahre wird das Thema Hofnachfolge auch und vor allem in Niedersachsen zu einem drängenden Thema. Mittendrin Familie Maage. „Gott sei Dank hat sich auch unser Sohn für die für ökologischen Landwirtschaft entschieden!“, freut sich Maage, dass er sein Lebenswerk in die nächste Generation übergeben konnte. Sohn Maarten übernahm 2010 den Betrieb seiner Oma mütterlicherseits. Im Jahr 2013 dann auch den elterlichen Betrieb und bewirtschaftet beide Höfe als Bioland Betrieb in Barsinghausen-Ostermunzel. Den Hofladen seiner Mutter wollte Sohn Maarten nicht weiterführen, sodass dieser an Dritte verpachtet wurde.
Die alleinstehende Fischer zieht zu dieser Zeit viel Selbstsicherheit daraus, ihren eigenen Arbeitsplatz auf dem Hof zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und zu entscheiden. Natürlich sind auch für sie Zukunftsthemen wie Hofnachfolge und die eigene Altersabsicherung wichtig. „Ich möchte gerne auf meinem Hof alt werden, dabei weiterhin im gewissen Rahmen gefordert werden“, sagt sie. Einen altersgerechten Arbeitsplatz auf dem eigenen Hof einzurichten, habe auch, aber bei weitem nicht nur damit zu tun, wie lange man noch über Gatter klettern und die Tiere auf der Weide besuchen kann. Heute habe sie einen Teil der eigenen Flächen bereits verpachtet und gebe mehr und mehr Verantwortung und Arbeiten ab, gehe Kooperationen ein.
Auf Verbandsebene wird das Junge Bioland als Verein eingetragen, die Bioland Stiftung wird gegründet, Themen wie Biodiversität, Tierzucht und Ernährungssysteme rücken noch stärker in den Fokus. Bioland-Höfe schaffen dabei Angebote für Menschen mit besonderen (sozialen) Bedürfnissen, der Verband führt eine Beratung zum Thema Soziale Landwirtschaft ein. Von jeher ein wichtiges Thema der Gärtnerei rhizom. Als Ausbildungsprojekt gegründet, ist sie ein sozialer Betrieb. Ramsperger nennt eines der ersten Arbeitstreffen auf Verbandsebene zum Thema Soziale Landwirtschaft im Museumsdorf Kiekeberg rund um das Jahr 1999 als einen Meilenstein in ihrer persönlichen Bioland-Geschichte. „Ein aus meiner Sicht wichtiges Thema gingen wir damals im größeren Kreis frisch und motiviert an“, erinnert sie sich und betont, dass das soziale Angebot, wie geförderte Beschäftigungsverhältnisse und Bildungsangebote für verschiedenste Alters- und Gesellschaftsgruppen in ihrer Gärtnerei ebenso wicht seien, wie die ökologische Landwirtschaft.
Bioland heute
Heute vernetzt, gestaltet und wirkt Bioland auf Bundes- und Landesebene, hauptamtlich sowie ehrenamtlich über die Landwirtschaft hinaus. Denn die Frage, wie wir unsere Lebensgrundlagen schützen, ist nicht länger eine Fachdebatte. Sie ist gesellschaftliche Aufgabe. Claudia Ramsperger nach ihren Wünschen für Bioland zum Jubiläum gefragt, antwortet: „Ich finde Bioland toll und stehe dazu. Daher wünsche ich Bioland: Weiter so! Nicht so viel Gegenwind! Und ich wünsche mir, dass die Deutschen Lebensmitteln endlich mehr Wertschätzung zukommen lassen!“
Ernst-Friedrich Maage ist heute als Altenteiler noch immer zwei bis drei Tage in der Woche auf dem Hof und packt mit an, worüber er sich sehr freut. „Der Weg war steinig und mühsam, aber wenn man schaut, wo wir heute stehen, haben wir etwas geschafft“, schaut Maage zurück und wünscht sich für die Zukunft, dass der Weg, die Landwirtschaft umzubauen und Bio zur Regel zu machen, weiterbeschritten wird. Bioland habe in der Vergangenheit dabei für ihn eine wichtige Rolle gespielt. Er hofft und wünscht, dass dies auch in der Zukunft der Fall sein wird.
Ada Fischer sagte die Teilnahme an der Jubiläumsfeier ab. Die Arbeit auf dem Hof und ideale Wetterbedingungen für einen weiteren Schnitt auf dem Grünland hielten sie ab. „Ich ziehe Kraft und Erholung aus meiner Arbeit auf dem Hof und wenn ich unterwegs bin zu meiner Muttertierherde“, sagt Ada Fischer. Die Rinder verbringen den Sommer auf den Grünlandflächen im Deichvorland und damit im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. „Allerdings kippt dieser Erholungswert. Die Naturgewalten nehmen zu, der Wolf ist bei uns gegenwärtig. Das muss man aushalten können“, deutet Fischer an, dass im Jubiläumsjahr ihres Landesverbandes die Landwirtschaft und auch der ökologische Landbau unter Druck stehen. „Bäuerliche Strukturen weichen dem EU-Bio Anbau, der Naturschutz frisst wertvolle Weideflächen“, kritisiert sie. Daher gelte heute und für die Zukunft: Bioland vernetzt, gestaltet und wirkt auf Bundes- und Landesebene, hauptamtlich sowie ehrenamtlich über die Landwirtschaft hinaus. Denn die Frage, wie wir unsere Lebensgrundlagen schützen, ist nicht länger eine Fachdebatte. Sie ist gesellschaftliche Aufgabe.