Die Regionalberatung: Interview mit Tasja Kälber
Seit 2022 gibt es fünf Kolleginnen und Kollegen, die Bioland in den Regionen vertreten. Wir stellen vor: Dr. Tasja Kälber, Bioland-Regionalberaterin im Nordwesten von Baden-Württemberg.

Tasja Kälber mit Ziege (Foto: privat)
Steckbrief
Name: Dr. Tasja Kälber
Region: Nordwest (Regionalgruppen Karlsruhe, Heilbronn, Stuttgart-West und Gäu-Schwarzwald)
Beratungsschwerpunkte: Regional- und Umstellungsberatung
Hintergrund: Agrarbiologie-Studium in Hohenheim (Schwerpunkte Tierhaltung, Tierernährung und Ethologie), Promotion an der ETH Zürich, Forschungspraktikum an der University of British Columbia (Kanada) und Forschungsprojekte am Thünen-Institut für Ökologischen Landbau.
Tiere außerhalb von Bioland: 21 Ziegen und ein Pferd
Interview vom 26.08.2026
Du hast dich als Wissenschaftlerin und als Praktikerin zu 100 Prozent der Landwirtschaft verschrieben. Was war dein erster Berührungspunkt?
Ein Milchviehbetrieb in der Nachbarschaft. Dort war ich als Kind oft mit meinen Eltern. Wir durften für die Kälber die Milch anrühren und beim Füttern helfen. Daran erinnere ich mich heute noch sehr lebhaft. Mein Großvater hatte außerdem Kaninchen. Tiere und Landwirtschaft gehörten für mich von Anfang an zusammen.
Was findest du am Ökolandbau besonders spannend?
Mich fasziniert das Wirtschaften in Kreisläufen. Die Idee, von der eigenen Scholle zu leben und möglichst ressourcenschonend zu wirtschaften, finde ich inspirierend. Besonders wichtig ist dabei der Boden. Wenn man sich vor Augen führt, wie viel Leben in so einem kleinen Bodenwürfel steckt und dass daraus letztlich die Fruchtbarkeit entsteht, dann bekommt man großen Respekt davor. Den Boden durch natürliche Prozesse gesund zu erhalten, ist eine der Grundlagen des Ökolandbaus. Das gefällt mir sehr.
Du warst einige Jahre am Thünen-Institut für Ökologischen Landbau und auch darüber hinaus in der Forschung tätig. Was waren dort deine Themen?
Am Thünen-Institut hatte ich meine erste intensive Berührung mit dem Ökolandbau. Dort habe ich zunächst in einem Projekt zur muttergebundenen Kälberaufzucht gearbeitet. Später ging es um die Fütterung von Rindern und Schweinen mit Mais-Stangenbohnen-Silage. Insgesamt habe ich mich in meiner wissenschaftlichen Laufbahn vor allem auf den Rinderbereich konzentriert, aber auch Erfahrungen mit anderen Tierarten gesammelt. An der ETH Zürich und an der University of British Columbia in Kanada habe ich mich vor allem mit Tierhaltung, Tierernährung und Ethologie beschäftigt. Promoviert habe ich zur Fütterung von blühenden Zwischenfruchtkulturen und deren Einfluss auf die Zusammensetzung von Milchfettsäuren, das war damals Grundlagenarbeit.
Wie bist du zu Bioland und zur Regionalberatung gekommen?
Während des Studiums hatte ich eine Vertiefungsvorlesung zur Beratungslehre und fand den Gedanken immer spannend, später einmal in die Beratung zu gehen. Auch während meiner Forschungstätigkeit hat mich das Thema nie losgelassen. Nach meiner Zeit in Norddeutschland und einem Alpsommer auf einem Milchviehbetrieb habe ich mich umgesehen und die Stelle bei Bioland entdeckt. Da ich inzwischen schon viele Berührungspunkte mit dem Ökolandbau hatte und auch einiges an praktischer Erfahrung sammeln konnte, dachte ich: Das passt perfekt!
Was macht dir an der Arbeit mit den Betrieben besonders Spaß?
Wenn ich einem Betrieb helfen kann und die Menschen sich darüber freuen. Außerdem finde ich es immer spannend, auf neue Betriebe zu kommen und die Menschen kennenzulernen. Jeder Betrieb wirtschaftet anders und hat andere Voraussetzungen. Was für den einen Betrieb funktioniert, passt für den anderen vielleicht überhaupt nicht. Der Reiz besteht für mich darin, genau zuzuhören und herauszufinden, was die Menschen tatsächlich brauchen. Die schönste Rückmeldung ist, wenn jemand später sagt: „Das hat mir wirklich geholfen.“
Wie gehst du vor, wenn du einen neuen Umstellungsbetrieb kennenlernst?
Meistens beginnt es mit einem Telefonat. Dabei kläre ich schon einige grundsätzliche Fragen und vereinbare einen Termin vor Ort. Mir ist wichtig, die Betriebe persönlich kennenzulernen, deshalb gehe ich gerne gemeinsam über den Hof, durch die Ställe und schaue mir alles an. Direkt vor Ort kann man oft am besten erklären, was für eine Bioumstellung wichtig wäre und welche Anforderungen im Ökolandbau gelten. Natürlich fühle ich mich besonders wohl auf Betrieben mit Tierhaltung, weil dort mein fachlicher Hintergrund liegt. Bei den Tieren habe ich einen geschulten Blick und kann viele Dinge direkt einschätzen. Was mir aber genauso wichtig ist: Ich lasse die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter erzählen. Warum interessieren sie sich für eine Umstellung? Was erhoffen sie sich davon? Was ist ihr Anliegen? Mich interessieren immer auch die Menschen hinter dem Betrieb.
Steckt hinter dem Umstellungswunsch oft auch ein konkretes Problem? Erlebst du das so?
Eigentlich weniger. Manchmal gibt es wirtschaftliche Schwierigkeiten auf einem Betrieb. Aber dann sage ich auch ganz offen, dass der Ökolandbau nicht automatisch die Lösung dafür ist. Natürlich gibt es Preisunterschiede und Förderungen, aber man produziert im Ökolandbau oft auch etwas weniger. Deshalb sollte die Motivation nicht ausschließlich wirtschaftlicher Natur sein. Mir ist wichtig, dass die Betriebe verstehen: Ökolandbau ist nicht nur eine Frage des Preises, sondern auch eine Haltung. Gerade bei Bioland spreche ich häufig die Bedeutung der Regionalgruppen an. Wir wünschen uns ja, dass sich die Mitglieder einbringen und den Verband mitgestalten. Es geht nicht nur darum, Bio zu produzieren und Bio zu vermarkten, sondern auch darum, den Ökolandbau gemeinsam weiterzuentwickeln. Die Pioniere des Ökolandbaus wollten schließlich etwas verändern. Dieser Gedanke gehört für mich immer noch dazu.
Was beschäftigt die Betriebe aktuell am meisten?
Ein Thema, das Landwirtinnen und Landwirte eigentlich immer beschäftigt, sind die Preise für ihre Produkte. Für einige entwickeln sich die Rohwarenpreise derzeit nicht so, wie sie es sich wünschen. Gleichzeitig sind die Kosten hoch. Wenn dann noch geringere Erträge dazukommen – in diesem Jahr etwa durch die massive Trockenheit – wird die Situation schnell schwierig. Insgesamt habe ich aber das Gefühl, dass die Lage momentan zwar angespannt ist, aber viele Betriebe Wege finden, damit umzugehen. Umso mehr freut es mich, dass ich aktuell wieder vermehrt Umstellungsanfragen erhalte.
Du kümmerst dich in deiner freien Zeit um eine kleine Ziegenherde, wie bist du dazu gekommen?
Das war eher zufällig. Während meiner Zeit in Norddeutschland habe ich einmal pro Woche auf einem Milchziegenbetrieb mitgeholfen, beim Melken und bei der Käsepflege. Dort gab es eine Ziege, von der ich nicht wollte, dass sie verkauft wird. Also habe ich sie übernommen. Sie durfte auf dem Betrieb bleiben und ich habe im Gegenzug dort mitgearbeitet. Als ich 2018 zurück nach Süddeutschland gezogen bin, durfte ich die Ziege und einige ihrer Nachkommen mitnehmen. Daraus ist dann eine richtige Herde mit heute 21 Tieren entstanden. Das klingt vielleicht lustig, aber beim Kuscheln mit Ziegen kann ich wunderbar entspannen.
Was möchtest du den Bioland-Betrieben in Baden-Württemberg mitgeben?
Vor allem Respekt und Anerkennung. Ich finde es großartig, wenn Menschen Landwirtschaft mit Überzeugung betreiben und ihr Herzblut hineinstecken. Solche Menschen brauchen wir. Gleichzeitig habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass Landwirtschaft nicht für jeden der richtige Weg ist. Wenn jemand einen Betrieb übernimmt, nur weil es von ihm erwartet wird, aber eigentlich keine Freude daran hat, dann ist das schwierig. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn jemand sagt: Landwirtschaft ist nicht mein Weg. Landwirtschaft ist nicht einfach. Es gibt viele Herausforderungen und Unsicherheiten. Aber gleichzeitig arbeitet man mit Boden, Pflanzen, Tieren und Natur. Man schafft etwas Grundlegendes und Sinnvolles. Wer sich dafür entscheidet und mit Leidenschaft dabei ist, hat einen unglaublich schönen Beruf.
Vielen Dank für das Interview!
Bioland Baden-Württemberg
Gut vernetzt in der Region: Die Regionalberatung
Unser Beratungsteam hat sich in den vergangenen Jahren noch stärker spezialisiert. Neben der klassischen Fachberatung gibt es seit 2022 fünf Kolleginnen und Kollegen, die Bioland in den Regionen vertreten.


