Klage gegen Kartoffelkäfer-Pestizid
Streit um Notfallzulassung von biotechnologisch hergestelltem Calantha

Um Kartoffelkäfer zu bekämpfen, gibt es ausreichend Alternativen zu Calantha. (Foto: Sonja Herpich)
Zwei Umweltorganisationen ziehen gegen ein neuartiges Pestizid vor Gericht: Pollinis und Nature & Progrès Belgique haben Klage gegen die Notfallzulassung des Mittels Calantha eingereicht und fordern, dass sie sofort aufgehoben wird.
Calantha ist ein biotechnologisch hergestelltes RNAi-Pestizid gegen die Larven des Kartoffelkäfers. Es enthält den Wirkstoff Ledprona. RNAi-Pestizide eliminieren Schadorganismen, indem sie essenzielle Gene ausschalten. Obwohl Ledprona in den USA bereits auf dem Markt ist, kritisieren ihn verschiedene Organisationen aus dem Lebensmittelbereich stark. Grund dafür sind Bedenken hinsichtlich seiner Sicherheit und seiner möglichen Auswirkungen auf Nicht‑Zielorganismen. Ledprona wird derzeit von den europäischen Behörden bewertet.
Das US‑Unternehmen GreenLight Biosciences drängt darauf, mit Calantha in den europäischen Markt einzutreten. Die Verantwortlichen warten nicht auf eine europäische Zulassung und haben stattdessen eine Notfallzulassung in Belgien beantragt. Daraufhin hat Belgien eine auf 120 Tage befristete Zulassung für Calantha erteilt. Diese Entscheidung stützt sich auf Artikel 53 der EG-Verordnung Nr. 1107/2009, der Ausnahmen im Falle einer „Notsituation“ erlaubt.
Für die Kläger ist dies ein unzulässiger Vorgriff. „Genetische Pestizide basieren auf einem neuen Wirkprinzip, das eine strenge und angepasste Bewertung erfordert“, erinnert Julie Sohier, Geschäftsführerin von Pollinis. Sie hält es für „äußerst besorgniserregend“, dass eine Ausnahmegenehmigung erteilt wurde, obwohl die Risikoprüfung noch läuft.
Die belgische Regierung beruft sich auf eine EU‑Regel, die in Notfällen Ausnahmen erlaubt. Doch genau diesen Notfall sehen die Organisationen nicht. Der Kartoffelkäfer, gegen den das Mittel eingesetzt werden soll, könne auch anders bekämpft werden. Auch Nature & Progrès hält die Begründung für vorgeschoben. „Die Vorschriften setzen sehr enge Grenzen für Notfallzulassungen. Im Fall von Calantha wird keine dieser Bedingungen erfüllt“, sagt Vertreterin Virginie Pissoort. Es gebe genügend Alternativen, ein akuter Handlungsdruck sei nicht erkennbar. Der Streit reicht über Belgien hinaus.
Sollte die Zulassung bestehen bleiben, könnte das Signalwirkung für ganz Europa haben. Dann könnten künftig häufiger Pestizide genehmigt werden, deren Wirkstoffe nicht abschließend geprüft sind.