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Gute Weide lässt Kälber gedeihen

Tierhaltung30.04.26

Für ökologische Milchkuhbetriebe ist die Kälberweide verpflichtend. Darüber hinaus sprechen viele Vorteile für das System.

Kälbergruppen auf der Weide zeigen die Bewegungsfreude der Tiere. (Foto: Landpixel)

Die Jungtiere führen jedem vor, welchen Wert der Weidegang für ihr Wohlbefinden hat: Sie leben ihren Bewegungs- und Spieldrang aus, entwickeln arteigenes Verhalten unter Gleichaltrigen in der Gruppe. Außerdem lernen die Jungtiere bereits sehr früh, Weidefutter zu fressen, betont Anne Verhoeven von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: „Eine gut geführte Kurzrasenweide bietet den Kälbern eine hochwertige Futtergrundlage, welche nicht nur der natürlichen Ernährung der jungen Wiederkäuer entspricht, sondern einem Kraftfutter in der Regel auch ökonomisch überlegen ist.“

Gute Entwicklung mit Vollweide

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Judith Stratbücker hat Verhoeven im Ökobetrieb Haus Riswick (Landwirtschaftskammer NRW) Weidekälber ab dem vierten Lebensmonat wissenschaftlich beobachtet: Mit 800 g Tageszunahmen erfüllte die Vollweide die Erwartungen an die Kälberaufzucht. Denn das System der Kurzrasenweide bietet qualitativ hochwertige, energiereiche und hochverdaulichen Gräser und Weißklee für die Kälberaufzucht, zeigte sich in dem Weideprojekt von 2015 bis 2017. Zusätzlich zum Weideaufwuchs müssen die Kälber stets Mineralstoffe und Vitamine angeboten bekommen sowie stets Zugang zu frischem, sauberem Tränkewasser haben.

Der Zuwachs unterlag jedoch starken täglichen und monatlichen Schwankungen zwischen 400 g/Tier und Tag im Mai 2017 und dem Spitzenwert von 1.200 g/Tier/Tag im August 2016. Wechselnde Wetterbedingungen prägten Futterquantität und -qualität. Während ausgeprägter Niederschlagsphasen zeigten die Jungtiere wenig Lust zu Fressen. Allerdings ließ sich in den Versuchsjahren kompensatorisches Wachstum deutlich beobachten: „Zeiträume mit geringen Lebendmassezunahmen, beispielsweise bei nass-kalter Witterung oder in extrem trockenen Sommermonaten, werden in wüchsigen Phasen mit besonders großen Wachstumsschüben kompensiert“, so Verhoeven.

Steter Blick auf Wetter und Tiere

Dauert das Wetterextrem aber über einen längeren Zeitraum, müssen Bio-Landwirte unbedingt zufüttern. Haben die Jungtiere auf entfernteren Weiden weder Stallzugang noch zusätzliches Futter erhalten, zeigte sich im Projekt, dass man sie dann besser aufstallt, damit sie gesund bleiben und nicht zu viel Zuwachsleistung verlieren. Als Schutz vor intensiver Sonne, Nässe und Wind sollte für die Jungtiere ein trockener, windgeschützter Liegeplatz zur Verfügung stehen. Hierfür kann schon ein einfacher Unterstand oder ein Großraumiglu, das im Sommer beschattet sein muss, ausreichen. Der Unterstand sollte zur Hauptwindrichtung hin geschlossen sein. Auch an eine sichere Umzäunung mit einer ausreichend tiefen untersten Stromlitze müssen Tierhalter:innen denken und die Kälber zuvor daran gewöhnen.

Auch den Weideabtrieb im Herbst sollten Bio-Landwirt:innen so wählen, dass nicht zu viel Leistung im Vergleich zu einer bedarfsdeckenden Stallfütterung verloren geht. Ein anhaltender Leistungseinbruch nach dem Aufstallen sei unbedingt zu vermeiden. „Kälber, die etwas zu schwach entwickelt von der Weide zurückkommen, können im Stall die stagnierende Entwicklung schnell kompensieren“, sagt Verhoeven. Sie brauchen dafür eine Ration für Kühe und fressen dann erfahrungsgemäß viel. Damit die Rinder vor der Besamung aber nicht verfetten, sollten sie nach einigen Wochen eine Rinder-Ration erhalten.

Richtige Zufütterung organisieren

Bio-Landwirt:innen müssen Weideaufwuchs und Körperkondition der Kälber gut im Blick behalten. Scheinen die jungen Tiere nicht mehr ausreichend Futter auf der Weide zu finden, kann gutes Heu und gegebenenfalls Kraftfutter oder der Laktationsmischung dem Futtermangel und einer Wachstumsdepression vorbeugen. Die Rinderexpertin der Landwirtschaftskammer warnt aber, den Jungtieren nicht zu viel Futter im Stall anzubieten, damit sie weiterhin fleißig weiden. Wird der Weideaufwuchs nicht effizient genutzt, entstehen ökonomische Einbußen.

Auf Parasitenbefall achten

Das Immunsystem der wenige Monate alten Kälber ist in der Regel schwach. Sie sind anfällig für Weideparasiten wie Magen-Darm-Würmer und Lungenwürmer. Ein hochgradiger Befall kann zu Wachstumsverzögerungen, Durchfall, Gewichtsverlust und in schweren Fällen auch zum Tod führen. Um die Gesundheit der Kälber zu schützen, sind ein effektives Parasitenmanagement und Weidehygiene wichtig. Ein geringgradiger Parasitenbefall beeinträchtigt frohwüchsige, gut entwickelte Kälber auf Weiden mit hochwertigem Futteraufwuchs erfahrungsgemäß nicht. Zusätzlich kann man die Immunabwehr der jungen Weidetiere phytotherapeutisch oder homöopathisch stabilisiert werden.

Jüngere Kälber brauchen mehr

Die Vollweide eignet sich noch nicht für Tränkekälber oder Jungtiere in der Phase des Absetzens, wenn sie noch nicht ausreichend Weidefutter aufnehmen können, also mindestens 3 kg TM/Tier/Tag. Diese Jungtiere brauchen im Stall oder an einem trockenen Standort auf der Weide Milch und Kraftfutter oder ein Kälbermüsli, die Kälbermischration oder die Laktationsmischung bei Absetzern. Zudem muss man bei den Tränkekälbern noch aufmerksamer die Wasseraufnahme kontrollieren und durch ausreichend saubere Tränken an attraktiven Orten fördern. Besonders bei hohen Sommertemperaturen deckt das in der Milch enthaltene Wasser nicht deren Tränkewasserbedarf und die Kälber leiden schnell unter Wassermangel. Die Versuche zeigten auch, dass die Jungtiere das Fressen auf der Kurzrasenweide erst lernen müssen. Eine Phase der Weidegewöhnung unterstützt die notwendigen, guten Zunahmen.

Kurzrasenweide liefert gute Futter auch für Kälber | Bioland e.V.