Bio-Branche muss sich mit Saat- und Pflanzgut rüsten
Ab 2037 gilt für Bio-Betriebe das Gebot, nur noch Bio-Saat und -Pflanzgut zu verwenden. Die Branche will sich frühzeitig auf die EU-Ökoverordnung einstellen. Eine Saatgut-Konferenz will aufrütteln.

Künftig braucht es mehr ökologisch gezüchtetes oder vermehrtes Getreide (Foto: Niklas Wawrzyniak)
Bislang dürfen Landwirte und Landwirtinnen im Ökolandbau auf konventionell erzeugtes Saatgut zurückgreifen, sofern adäquates in Bio-Qualität fehlt. Diese Regelung gilt ab dem Jahr 2037 nicht mehr. Dann dürfen Bio-Erzeuger:innen ausschließlich Bio-Vermehrungsmaterial verwenden. So sieht es die Europäische Kommission in der EU-Ökoverordnung vor.
Die Zeit drängt
Obwohl bis dahin noch zehn Jahre ins Land gehen, drängt die Zeit. Denn Züchtungs- und Zulassungsprozesse dauern entsprechend lange. Deshalb versntaltet das Forschungsinstitut für biologischen Landbau im Juli eine Saatgutkonferenz mit dem Titel "100 Prozent Bio-Saat- und -Pflanzgut bis 2037 – Wie realistisch ist das Ziel?".
„In Deutschland stammt beispielsweise nur jede zehnte Bio-Möhre aus Bio-Saatgut – und bei vielen weiteren Gemüsesorten sieht die Lage ähnlich aus", erklärt Dr. Freya Schäfer, Projektkoordinatorin am FiBL. Am schwierigsten sei die Versorgung im Raps-, Wein- und Obstbau: "Hier steht aktuell nur sehr wenig bis gar kein ökologisches Pflanzenvermehrungsmaterial zur Verfügung.“
Schon heute ist für Bioland-Präsident Jan Plagge klar: "Auch vor dem Hintergrund, dass möglicherweise schon innerhalb der nächsten zehn Jahre neue gentechnische Verfahren in der konventionellen Züchtung verwendet werden könnten, müssen wir jetzt die Verfügbarkeit von Bio-Saat- und -Pflanzgut entschlossen ausbauen. Damit sichern wir die Versorgung des Ökolandbaus langfristig.“
Gesamte Wertschöpfungskette gefordert
Nicht nur Züchter und Züchterinnen sollen sich an dem Prozess beteiligen. Bei der FiBL-Saatgut-Konferenz am 7. und 8. Juli im Biohotel LindenGut bei Fulda diskutieren Vertreter:innen aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Politik, Handel und Verbänden Strategien, um Versorgungsengpässe zu verhindern und Angebot und Nachfrage entlang der Wertschöpfungskette gezielt auszubauen. „Es ist eine enorme Herausforderung, die Deadline 2037 zu halten. Man muss umgehend jetzt aktiv den Weg gestalten und tragfähige Lösungen entwickeln", so Steffen Reese, Co-Geschäftsführer des FiBL in Brüssel. Ohne koordinierte Maßnahmen drohten erhebliche Engpässe bei Bio – vom Acker bis ins Supermarktregal.
Zu Impulsvorträgen und Diskussionen mit Expert:innen aus Praxis und Forschung sowie Workshops zu Züchtung, Gentechnik und Lieferkettentransparenz bietet die Veranstaltung Raum für Austausch und Vernetzung. Schäfer, die die Veranstaltung koordiniert, hofft auch auf die Teilnahme von Vertreter:innen aus Handel und Verarbeitung. „Das Thema Saatgut wird von der nachgelagerten Wertschöpfungskette selten mitgedacht. Dabei können wir die Zukunft des Ökolandbaus nur gemeinsam gestalten.“