25.07.2019

Von 1 bis 4 – Was die Ziffer auf dem Schnitzel aussagt

Bio, regional, Weidehaltung, Initiative Tierwohl, Tierschutz kontrolliert, Fair&Gut, FairMast,– die Informationen auf den Fleischverpackungen verwirren mehr als dass sie aufklären. Ein Logo neben dem anderen möchte für bessere Haltungsbedingungen der Tiere werben, aus denen Steak, Bratwurst oder Schnitzel hergestellt wurden.

In Zukunft müssen Verbraucher noch genauer hinschauen: Die großen Handelsunternehmen haben bereits ein eigenes Kennzeichen eingeführt und das Bundeslandwirtschaftsministerium plant seit langem ein freiwilliges Tierwohllabel. Doch: Einfacher und vor allem besser für die Tiere wird es nicht.

Staat vs. Handel

Dem Handel dauerte das Ganze zu lang. Deshalb ergriff er selbst die Initiative und brachte sein eigenes Label – die „Haltungsform“ – in Umlauf. Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Penny, Netto und Rewe haben diese Kennzeichnung im April 2019 eingeführt. Geregelt ist die Haltung von Schweinen, Hähnchen, Puten und Rindern, wobei die niedrigste Stufe (1) den gesetzlichen Mindeststandard kennzeichnet. Anfang Februar 2019 stellte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner das staatliche Tierwohllabel und dessen Kriterien für die Schweinhaltung vor. Das Label wird es nach entsprechender Gesetzgebung wahrscheinlich erst 2021 in die Läden schaffen. Auf Begeisterung ist sie mit ihrem Vorschlag bei Bio-Verbänden nicht gestoßen. 

Nicht nur, weil das Label bisher nur mit Anforderungen an die Schweinehaltung aufwarten kann. Das staatliche Label ist in die Stufen (1) bis (3) aufgeteilt, die in wichtigen Punkten nicht über den gesetzlichen Mindeststandard hinausgehen. Eine eigene Stufe für Bio-Fleisch ist nicht vorgesehen. Die Haltungsform des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) reicht von Stufe (1) bis (4), wobei Stufe (4) Bio und konventionelle „Premium“-Haltung zusammenfasst. Man ahnt es bereits: Transparenter wird hier wenig.

Betrachtet man das geplante staatliche Tierwohllabel und die Haltungsform des LEH im Vergleich zu den EU-Bio- und Bioland-Vorgaben, wird die verwirrende Komplexität der Stufen sichtbar – und die Tatsache, dass sie häufig nicht über den gesetzlichen Mindeststandard hinausgehen.

Klarheit? Fehlanzeige!

Verwirrend ist bereits die Skala: Die Einstiegsstufe bei beiden Labels ist Stufe (1). Es gilt also: Je höher die Stufe, desto besser die Tierhaltung. Dies ist der von Verbrauchern gelernten Kennzeichnung von Eiern, die seit Jahren etabliert ist, entgegengesetzt. Dort steht (0) für Bio, (1) für Freilandhaltung, (2) für Bodenhaltung usw.

Darüber hinaus erhalten die Schweine noch nicht einmal in den höchsten Stufen der beiden Labels annähernd soviel Platz im Stall (inklusive Auslauffläche) wie es im Öko-Recht Standard ist (2,3 qm gegenüber maximal 1,5 qm). Auslauf erhalten die Tiere nur in den obersten Stufen. Auch im Bereich des Einsatzes von Antibiotika und Arzneimitteln weist keine der Stufen eine Einschränkung auf. Der Verbraucher dürfte hingegen davon ausgehen, dass mit jeder Stufe auch eine stufenweise Besserung der entscheidenden Kriterien einhergeht. Stattdessen werden die Käufer in die Irre geführt. Wo Tierwohl drauf steht ist leider noch längst keines drin. 

(K)ein Herz für Sauen und Ferkel

Ein weiterer großer Kritikpunkt an der Kennzeichnung des LEHs ist, dass sie keine gesonderten Vorgaben für die Sauen- bzw. Ferkelhaltung macht. Gerade Sauen und Ferkel haben besondere Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen. Die Sauenhaltung ist der Beginn eines jeden Schweinelebens. Auch das staatliche Tierwohllabel klammert die Sauenhaltung weitgehend aus. Bei beiden Labels hat jedes Tier in allen Stufen maximal 2,5qm Fläche zur Verfügung, wie auch beim gesetzlichen Mindeststandard. Hinlegen gerade so möglich. Kastenstände, also die Fixierung von Sauen kurz vor und nach der Geburt, bleiben erlaubt. Genauso wie das Kupieren der Schweineschwänze, welches lediglich beim staatlichen Tierwohllabel und da auch erst ab Stufe 2 nicht mehr erlaubt ist.

Vorgaben für Sauen und Ferkel? Bei der Haltungsform Fehlanzeige. Und passt der Begriff „Tierwohllabel“ zu weiterhin erlaubten Kastenständen?

 

Löchrig wie ein Schweizer Käse

Als Fazit bleibt: Das Tierwohllabel und die Haltungsform sind kaum dazu geeignet, dem Verbraucher die Kaufentscheidung zu erleichtern. Sie verwirren mit komplizierten Abstufungen und berufen sich zu oft auf den gesetzlichen Mindeststandard, um sich wirklich mit dem Aufdruck „Tierwohl“-Label schmücken zu können. Wer Wert auf Tierwohl und artgerechte Haltung legt, sollte deshalb (weiterhin) zu Bio-Produkten oder Erzeugnissen der Bio-Verbände greifen. Hier haben die Tiere mehr als 50 Prozent mehr Fläche im Stall und Auslauf ins Freie zur Verfügung als in den höchsten Stufen der beiden Labels, das Futter stammt zu 100 Prozent aus ökologischer Erzeugung, Muttertiere haben ausreichend Platz um sich zu bewegen (7,5 qm entgegen max. 2,5 qm in allen Stufen der Label) und die Säugezeit für die Ferkel ist nahezu doppelt so lang (40 Tage im Vergleich zu 21 Tagen bei der Haltungsform des Handels). Insbesondere bei den Verbänden sind die Tiere zudem kürzeren Transportwegen ausgesetzt. Bioland war darüber hinaus der erste Verband, der Ferkelkastration ohne Betäubung verboten hat.

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