Auf dem Bioland-Hof Bölingen ist die Ernte in vollem Gang (Foto: Marta Fröhlich)
25.09.2018
Besuch bei einem Apfelbauer

Wo Elise und Santana wachsen

Alte Apfelsorten sind in Mode. Doch ist der Hype berechtigt? Bert Krämer baut auf dem Bioland-Hof Bölingen alte und moderne Sorten an - und liebt sie alle gleich. Von Marta Fröhlich

Mira fackelt nicht lang. Kaum geht die Tür des roten Transporters auf, sitzt die kleine Mischlingshündin auf der Frontbank. Endlich kann sie wieder mitfahren, raus auf die Apfelfelder in Bölingen bei Bonn, wo seit ein paar Wochen der Teufel los ist. Dort baut ihr Herrchen auf etwa 15 Hektar vorwiegend Äpfel an, und die stehen seit Mitte Juli voll im Saft und müssen vom Baum.

Elke und Bert Krämer (Foto: Biohof Bölingen)
Elke und Bert Krämer (Foto: Biohof Bölingen)
Vor 33 Jahren entschied sich der Kölner Bert Krämer, ein Stück Land in der kleinen Gemeinde in der Grafschaft zu kaufen. "Ich habe damals ganz bunt mit Gemüse, Kräutern, Kartoffeln und Obst angefangen", erinnert er sich. "Doch ich merkte schnell: Der Boden hier in der Region und die Trockenheit sind für Gemüsebau nicht gut geeignet. Außerdem habe ich mich immer mehr für Dauerkulturen begeistert", sagt er, während der Transporter über die staubige Piste schaukelt. "Das Schöne an so etwas wie Apfelanbau ist, dass man über 20, 25 Jahre mit der Pflanze zusammenwächst."

Artenvielfalt auf dem Biohof Bölingen

Auf dem Feld des Biohofs Bölingen summt und brummt es bis in den Winter hinein. Insgesamt 15 Kilometer ein- und mehrjährige Blühstreifen zwischen den Baumreihen bieten Insekten und Vögeln Schutz und Nahrung. Das hat für den Obstbauern Krämer auch einen wirtschaftlichen Nutzen.

Blühstreifen zwischen den Baumreihen (Foto: Biohof Bölingen)
Blühstreifen zwischen den Baumreihen (Foto: Biohof Bölingen)

Nur selten muss Bert Krämer auf Honigbienen zur Bestäubung zurückgreifen. Wildbienen sind sehr standorttreu und bleiben die komplette Saison über auf seinem Feld und finden in artgerecht gestalteten Insektenhotels Nistplätze. Da sie früher im Jahr als Honigbienen ihre Arbeit aufnehmen und nicht so empfindlich auf Wind und Wetter reagieren, reichen etwa 1000 Wildbienen, um 20.000 Honigbienen bei der Bestäubung zu ersetzen.

Der Blick schweift über Hunderte, Tausende stramm in den blauen Himmel ragender Apfelbäume. Die Früchte leuchten rot in der Spätsommersonne. Die Grafschaft bei Bonn ist berühmt für ihre saftigen Äpfel, die in ganz Deutschland Abnehmer finden. Zum größten Teil arbeiten hier die Bauern konventionell, der Hof Bölingen ist einer der wenigen Biobetriebe. Seit 1985 wirtschaften die Krämers nach Bioland-Richtlinien, nutzen keine chemisch-synthetischen Pestizide, lagern ihre Äpfel ohne das synthetische Begasungsmittel "Smart Fresh" ein, lassen zwischen den Baumreihen ein- und mehrjährige Blühstreifen für Insekten und Vögel stehen - und setzen auch in ihrem Sortiment auf Vielfalt.

Bis zu 30 Sorten hat Bert Krämer nach und nach gepflanzt, darunter sehr alte wie die Ananasrenette. Die Sorte ist schon 450 Jahre alt. Doch dem Hype um die sogenannten alten Sorten steht der Apfelbauer skeptisch gegenüber. Die Vielfalt entsteht für ihn erst durch den Mix. Wendig umtänzelt Mira die Baumstämme, an denen Schilder mit den jeweiligen Apfelnamen baumeln: Elstar, Rosenapfel, Goldparmäne, aber auch Elise und Santana, zwei moderne Züchtungen, die aus einer Zusammenarbeit mit den Universitäten Bonn und Wageningen hervorgegangen sind. "Die sind besser als manche klassische alte Sorte für Allergiker geeignet", erklärt er. Der Biohof Bölingen arbeitet als Testbetrieb für ökologischen Anbau mit dem Land Rheinland-Pfalz zusammen, hier wachsen frisch gezüchtete Sorten, die auf ihre Eignung für den Bioanbau überprüft werden.

Jede Sorte hat für Krämer ein Für und Wider: "Für mich gibt es kein gut oder böse, kein besser oder schlechter." Einerseits zeigen sich viele neue Sorten aufwendiger im Anbau, weil sie nicht ganz so robust gegenüber typischen Krankheiten wie Apfelschorf sind. Andererseits reagieren alte Sorten empfindlich auf eine Dürre, wie wir sie dieses Jahr erlebt haben. Nach 16 Wochen ohne richtigen Regen und Temperaturen bis an die 40 Grad werfen Krämers Rosenapfel-Bäume ihre Früchte ab.

Rosenapfelbäume leiden unter der Hitze (Foto: Marta Fröhlich)
Rosenapfelbäume leiden unter der Hitze (Foto: Marta Fröhlich)
In der Luft liegt ein süßlicher Duft nach überreifem Obst. Zu Dutzenden liegen sie im staubigen Boden und sind nur noch für Most zu gebrauchen. "Zwischen Zweig und Apfelstiel liegt eine etwas weichere Schnittstelle, die das Pflücken erleichtert. Man vermutet, dass diese bei den alten Sorten etwas dünner ist und der Hitze und Trockenheit nicht so gut standhält", erklärt der Apfelbauer. Nicht zu vergessen der Ertrag. Für Krämer ist klar: Allein mit alten Sorten könnte er nicht wirtschaftlich arbeiten. Denn ein Rosenapfel bringt nur die Hälfte der Menge wie ein Jonagold. "Ich liebe das, was ich hier mache. Aber ich muss auch davon leben", sagt er, als sich ein paar Reihen weiter ein Erntewagen vorbeischiebt.

Ernter pflücken Äpfel ab (Foto: Marta Fröhlich)
Drei Erntehelfer füllen mit geschickten Händen die grünen Kisten mit Topaz-Äpfeln, einer typischen Sorte im Ökolandbau. Doch sie stehen nur auf einer Seite des Wagens. Auf der anderen Seite würden sie schon zur Elise greifen. Denn in Krämers Anbau findet man alle zwei bis vier Reihen eine andere Sorte - ob moderne Züchtung oder alter Apfel.

"Vielfalt auf einem Hektar" nennt Krämer das. Das erschwert zwar die Ernte, weil diese sortenrein ablaufen muss. Dafür trickst Krämer so manche Apfelkrankheit aus. Schorf zum Beispiel spezialisiert sich gern auf eine Sorte. Ist diese nur in kleiner Menge an einem Ort zu finden, kann diese Schorfart sich nicht gut ausbreiten, und Krämer muss weniger Vorsorge treffen. Doch das, was für den Verbraucher wirklich zählt, sind Geschmack und Biss. Alte Sorten sind eher großzelliger als ihre modernen Verwandten und damit nicht ganz so knackig und fest. Bert Krämer dreht mit gekonntem Griff einen Elise-Apfel vom Baum und zückt das Taschenmesser.

Natyra - Züchtung für den Bioanbau

In Zusammenarbeit mit der Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau wurde 2011 die Apfelsorte "Natyra" gezüchtet und rein für den Bioanbau geschützt. In den vergangenen Jahren haben sich viele Sorten, die bisher als schorfresistent galten, anfällig für diese Apfelkrankheit gezeigt. "Natyra" hat sich im Testanbau auch in direkt mit der Pilzkrankheit befallener Nachbarschaft als robust erwiesen. Sie ist Teil einer ganzheitlichen Pflanzenschutz-Strategie im Ökolandbau.

Der Saft spritzt aus der sattroten Frucht, während sie in zwei Hälften zerfällt. Dichtes, glänzendes Fruchtfleisch verführt zum Reinbeißen. Der Apfel kracht laut, eine leichte Säure breitet sich im Mund aus. Frisch, knackig, saftig - so soll ein Apfel heute sein, das wünschen sich die meisten Kunden. Und sind doch überrascht, wie vielfältig so ein vermeintlich schnöder Apfel schmecken kann.

Im Oktober, wenn die Apfelernte fast beendet ist, haben die Krämers 15 bis 20 Sorten in ihrem Hofladen zum Verkosten ausliegen. In den Früchten steckt mal der Geschmack der Kindheit oder der des Lieblingsapfelkuchens. Das schmeckt auch Hündin Mira.

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