Die Herbaria-Mitarbeiterinnen Annette Haugg und Sonja Epp im Kräuterladen auf dem Betriebsgelände (Foto: Dominik Baur)
09.08.2016
Herbaria

Wo die wilde Hilde mit den krummen Kerlchen...

Man muss ja nicht gleich da hin, wo der Pfeffer wächst. Im bayerischen Oberland, fast am Fuße des Wendelstein, hat die Firma Herbaria ihren Sitz. Hier hat man sich der feinen Kunst des Würzens verschrieben. Von Dominik Baur

Von wegen Schall und Rauch: Nicht nur angehende Eltern, die nach einer guten Alternative für Kevin oder Chantal suchen, wissen, wie wichtig Namen sind. Auch die Gewürzfirma Herbaria verwendet viel Zeit auf die Suche nach passenden Namen für ihre Kreationen. Bestes Beispiel ist der neueste Renner im Sortiment: "Schweinskopf al dente". Auf ihn weisen Plakate und Postkarten in der gesamten Firma hin.  

Moment mal: Schweinskopf? Al dente?? Herbaria??? Da stimmt doch was nicht. Der Sache sollten wir nachgehen. Fangen wir aber zunächst, wie es sich gehört, da an, wo alles begonnen hat, und das ist im Jahr 1919. In diesem Jahr wurde Herbaria gegründet, eine Firma für die Herstellung und den Versandhandel von Heilmitteln. Die gibt es heute noch im Sortiment - neben Tee, Kaffee und Gewürzen.  

Herbaria verwendet Wacholderbeeren aus einem Bergdorf im Südwesten Bosniens: Die Sammlerin Mejra Mustafici zeigt stolz ihre Ernte (Foto: Herbaria)
Überhaupt hat sich viel in den knapp 100 Jahren verändert - bis hin zum Firmensitz. Gegründet in Philippsburg bei Karlsruhe wird das Unternehmen in den Achtzigern kurzerhand nach Bayern verpflanzt. Der Grund: Otto Greither, Erbe des Naturarzneimittelherstellers Salus in Bruckmühl und überzeugter Biopionier, hat die Firma gekauft und möchte sie lieber in seiner Nähe haben. Daher zieht Herbaria nun zunächst nach Schliersee, im Jahr 2000 ein paar Kilometer weiter nach Fischbachau. 1991 wird die Unternehmensgruppe noch um das Walther Schoenenberger Pflanzensaftwerk ergänzt.

Inmitten voralpenländischer Postkartenidylle hat sich Herbaria nun niedergelassen. Sucht man das Betriebsgelände, orientiert man sich am besten an einer überdimensionalen Gewürzdose, die in den Himmel ragt: Der Turm diente einst als Auffanglager für die Sägespäne, als hier noch Obstkisten hergestellt wurden. Auch eine Baumkuchenfirma residierte hier bereits.  

Am Firmensitz befinden sich das Lager, die Verwaltung und der Vertrieb, hergestellt werden die Produkte mittlerweile ausschließlich bei Partnerfirmen, vor allem bei Salus und Walther Schoenenberger.  

Achtung, scharf! Neben Kurkuma befinden sich bis zu 35 verschiedene Gewürze im Curry – in den Kreationen von Herbaria mitunter sogar Maracuja oder grüner Tee (Foto: Dominik Baur)
Und was macht nun ein gutes Gewürz aus? Die Rohstoffe, die Rohstoffe und - vor allem - die Rohstoffe. Für ihren Einkauf ist Annette Haugg zuständig. Die 36-jährige Agrarwissenschaftlerin steht in ständigem Kontakt mit Lieferanten und Erzeugern in der ganzen Welt. Sie stellt sicher, dass die Ware den Firmenstandards entspricht. "Unsere Rohstoffe werden sensorisch geprüft und eingehend auf Pestizidrückstände analysiert." Die wichtigsten Instrumentarien zur Überprüfung sind daher Labor und Zunge. Kompromisse gibt es keine: Wenn sich im Labor rausstellt, dass ein Rohstoff nicht die geforderte Bioqualität hat, lässt Herbaria ihn zurückgehen. So musste Haugg jüngst nach der Analyse eine Pfefferlieferung aus Indonesien ablehnen. Wie sich später herausstellte, hatten sich die Plantagenarbeiter mit einem Insektenspray eingesprüht - und dabei dummerweise auch die Pflanzen erwischt. Aber es gibt auch Ware in bester Bioqualität, die ihren Weg nicht in die Herbaria-Produkte findet, so wie neulich die Steinpilze aus dem Kosovo. Ihr Aroma hat einfach nicht überzeugt.  

Besonders stolz ist Herbaria, dass sieben ihrer Gewürze nun auch schon das Bioland-Siegel tragen, darunter eine Gewürzmischung. Herbaria versucht, so weit wie möglich in Deutschland produzieren zu lassen, so stammen etwa auch Thymian und Koriander aus heimischem Anbau. Wo genau die jeweiligen Produkte herkommen, kann der Verbraucher auf dem Etikett lesen. Die Transparenz ist Herbaria wichtig, kostet allerdings manchmal auch: Fällt ein Lieferant kurzfristig aus, müssen die Etiketten neu gedruckt werden.  

Turm oder Dose? Das „Wahrzeichen“ von Herbaria (Foto: Dominik Baur)
Der Grundstein für den heutigen Erfolg des Unternehmens wurde 2006 gelegt - mit der "Feinschmecker"-Serie. Für die ausgefeilten Gewürzmischungen ist derzeit der renommierte Koch Hans Gerlach zuständig. Seit dem Produktrelaunch wächst Herbaria, mittlerweile arbeiten schon 32 Mitarbeiter am Firmensitz. Aber grenzenloses Wachstum ist nicht das Ziel des Unternehmens. Immer wieder hört man den Satz: „Small is beautiful.“ Es ist fast schon so etwas wie ein Motto. "Wir möchten speziell bleiben" erklärt Sonja Epp. Die 26-Jährige ist zuständig fürs Marketing. "Uns ist es sehr wichtig, den Manufaktur-Charakter zu bewahren."  

Natürlich steht bei Herbaria die Qualität im Vordergrund. Aber es zählen nicht nur innere Werte. Auch "Äußerlichkeiten" spielen eine Rolle. Das beginnt schon bei der schicken Weißblechdose, in der die Gewürze verkauft werden. Ein neues Produkt wird auch mal als "echte Innovation im Convenience-Regal" angepriesen (es geht um knusprige Brösel). Und dann natürlich die Namen! Eine Agentur liefert Vorschläge, wie das neue Produkt heißen könnte. Im Team wird dann noch lange diskutiert, bevor das Produkt final getauft wird. Wilde Hilde heißt es dann zum Beispiel, aber auch Krumme Kerlchen, Grandma's Flash, Schätze der Karibik und Kleene Lene.  

Und der "Schweinskopf al dente"? Ach ja, der Name stammt von Rita Falk. In dem Fall geht es allerdings nicht um eine Gewürzmischung, sondern um die Verfilmung ihres gleichnamigen Niederbayern-Krimis. Einer der Sponsoren: Herbaria.  

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