Aufgeklärte Verbraucher wissen: Das Wesentliche steht im Kleingedruckten (Foto: Martin Rasper)
16.05.2014
Verbraucherschutz

"Wir leuchten die Grauzone aus"

Die Tricks auf den Verpackungen, besonders bei Lebensmitteln, sind sprichwörtlich. Mit dem Internetportal lebensmittelklarheit.de hat das Bundesverbraucherministerium ein Instrument geschaffen, um für Aufklärung zu sorgen und informationswilligen Verbrauchern zu helfen. Wiebke Franz ist als Fachreferentin zuständig für die Beschwerden der Verbraucher.

IM FOKUS: Wenn man sich so durch Ihre Seiten klickt, beispielweise die Sektion "Produkte", dann bekommt man fast Respekt vor der Findigkeit der Hersteller - geht Ihnen das auch so? Oder schütteln Sie nur den Kopf darüber, wie die sich immer haarscharf an den gesetzlichen Vorgaben entlang hangeln?

Franz: Ich staune schon auch immer mal wieder. Manchmal bin ich auch empört, da geht es mir wie den Verbrauchern, die uns Dinge melden. Oder amüsiert. Aber ich muss natürlich objektiv bleiben; das ist bei uns oberstes Gebot. Die Fälle sind manchmal auch komplex. Und selten wird klar gegen Regeln verstoßen.

IM FOKUS: Auf Ihrer Seite kann jeder etwas melden, was ihn ärgert - was geschieht dann weiter?

Franz: Wir schauen uns das an und formulieren intern eine erste Einschätzung; wenn es Substanz hat, gehen wir erstmal einkaufen und besorgen das Produkt...

IM FOKUS: Sie kaufen alles nochmal ein?

Franz: Natürlich, wir müssen ja den eindeutigen Beleg haben. Manchmal, wenn wir das Produkt nicht bekommen, bitten wir auch den Melder, uns die Originalverpackung zuzuschicken. 

IM FOKUS: Worauf beziehen sich die meisten Beschwerden?

Franz: Ein großes Thema sind Fälle, bei denen vorne auf der Verpackung Früchte abgebildet sind, im Produkt steckt dann aber nur eine sehr kleine Menge, oder in manchen Fällen sogar nur Aromastoffe. Bei Süßigkeiten kommt das häufig vor, dass sie eine Fruchtfüllung versprechen, stattdessen aber nur aromatisiert sind.

IM FOKUS: Wie viele Meldungen bekommen Sie pro Tag?

Franz: Größenordnungsmäßig etwa 25 pro Woche. In der Anfangsphase, als das Portal neu war, waren es sehr viel mehr, inzwischen hat es sich eingependelt.

IM FOKUS: Okay, angenommen wir haben jetzt eine "Waldbeeren"-Müslischnitte, auf der sich vorne Blaubeere, Himbeere und Johannisbeere die Hand reichen, und auf der Zutatenliste stehen dann minimale Fruchtanteile und zusätzlich Aromen. Was dann?

Franz: Dann würden wir zunächst den Hersteller anschreiben und ihm mitteilen, dass ein Verbraucher sich von den markigen Versprechungen und dem tatsächlichen Fruchtgehalt in die Irre geführt sieht. Dann hat er sieben Tage Zeit zu reagieren und eine Stellungnahme mit seiner Sichtweise abzugeben. Jede Seite - der Verbraucher, die Verbraucherzentrale und der Anbieter -  kommen im Portal zu Wort.

IM FOKUS: Egal wie er reagiert?

Franz: Wenn er verspricht, es zu ändern, und dies auch belegt, dann veröffentlichen wir das im Portal, im Bereich "Geändert". Wenn er sich uneinsichtig zeigt und es sich um einen Fall handelt, der nach unserer Ansicht gegen das Täuschungsverbot verstößt, dann können wir auch abmahnen.

IM FOKUS: Müssen sie oft  juristischen Rat holen, oder haben Sie so viel Erfahrung, dass Sie das selbst einschätzen können?

Franz: Die erste Einordnung machen wir selbst, das geht gut. Aber alle Texte, die auf die Webseite gestellt werden, egal ob Einschätzungen einer Sachlage oder Forderungen an die Hersteller, werden vorher von den Juristen gegengelesen. Ohne Ausnahme.

IM FOKUS: Die Rechtfertigungen der Hersteller beginnen auffällig oft mit dem Satz "Das Produkt entspricht voll und ganz den gesetzlichen Vorschriften..."

Franz: Das ist genau die Grauzone, in der wir uns bewegen und die wir auszuleuchten versuchen. Sie können nicht jede kleinste Kleinigkeit gesetzlich regeln. Aber selbst in Gesetzestexten stehen bisweilen Formulierungen wie die, dass Bezeichnungen für Produkte "der allgemeinen Verkehrsauffassung entsprechen" sollen...

IM FOKUS: Das heißt, der gesunde Menschenverstand spielt schon eine Rolle?

Franz: Genau. Und das ist auch der Punkt, an dem die Verbraucher ärgerlich werden, wenn sie merken, da reizt jemand das aus. Die Meinung einzelner Verbraucher wird übrigens durch wissenschaftliche Umfragen überprüft. Das ist ein Teil unseres Konzepts, dass wir wissenschaftlich schauen, ob auch eine aussagekräftige Anzahl von Verbrauchern derselben Meinung ist. Es wird ganz differenziert gefragt, beispielsweise was die Verbraucher darunter verstehen, wenn auf einem Produkt steht "ohne Zusatzstoffe", oder "alkoholfrei", oder "aus der Region". Und da bestätigt sich immer wieder ganz klar: Der Verbraucher will nicht getäuscht werden.

IM FOKUS: Wie viele Hersteller ändern denn etwas nach Ihrer Intervention?

Franz: Etwa ein Drittel der Hersteller reagiert in unserem Sinne. Bei den Bio-Herstellern ist die Bereitschaft übrigens deutlich höher, da sind es etwa 60 Prozent. Manche stellen sich auch stur, antworten gar nicht oder sind sich keiner Schuld bewusst. Aber die Hersteller werden auch gehört. Es ist im Konzept von lebensmittelklarheit.de angelegt, dass es einen Dialog geben soll. Die Argumentation der Hersteller wird veröffentlicht, in einer kurzen Version von 400 Zeichen und auch mit der Originalfassung.

IM FOKUS: Würden Sie sagen, dass die Seite erfolgreich ist, dass sie etwas bewirkt?

Franz: Ja, sie bewirkt auf jeden Fall sehr viel, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Erstmal bietet sie viel Information. Die Produkte sind ja nur ein Bereich. Man kann sich auch über die grundlegenden gesetzlichen Regelungen informieren, es gibt einen Bereich mit Fragen und Antworten, und es gibt die Forschungsberichte. Und in dem Bereich der Produkte kann man anhand vieler Einzelfälle, die wir inzwischen eingestellt haben, sehen, wo der Graubereich liegt; dadurch kann man auch sein Einschätzungsvermögen schärfen.  Die  Seite bewirkt auch teilweise ein Umdenken - oder zumindest eine erhöhte Aufmerksamkeit - bei den Herstellern, weil die merken, dass da eine neue kritische Instanz entstanden ist.  

IM FOKUS: Wo sehen Sie noch am meisten Regelungsbedarf?

Franz: Mit das größte Ärgernis aus unserer Sicht ist die Tatsache, dass die Verkehrsbezeichnung nicht vorne auf der Packung stehen muss. Also die tatsächliche Beschreibung der Art des Lebensmittels, ob es sich zum Beispiel um ein Milchmischgetränk handelt oder um einen Fruchtsaft.

IM FOKUS: Ist denn die Verkehrsbezeichnung für alle Produkte unmissverständlich?

Franz: Zumindest für die gängigsten. Und sie ist in der Regel sachlicher und informativer als der Produktname. Bei denen zeigen die Hersteller nämlich am meisten Fantasie. Und deshalb gibt es da auch die meisten Missverständnisse, zumal in Kombination mit den Abbildungen.

IM FOKUS: Wie so etwas funktionieren kann, sieht man an der Zutatenliste. Ist da Deutschland eigentlich Vorreiter, oder ist so etwas inzwischen Standard?

Franz: Zumindest was die Industrieländer angeht, ist eine Zutatenliste mehr oder weniger Standard, mit gewissen Abweichungen. In Entwicklungs- und Schwellenländern sieht es teilweise noch anders aus.

IM FOKUS: Was sind denn so die dreistesten Lügen und Tricks? Was ist Ihr "Liebling"?

Franz: Was mich oft sehr amüsiert, das sind die "Serviervorschläge". Wobei das auch schon haarig werden kann, wenn einer einen Fleischknödel verkauft und dann vorne auf der Packung auch den Reis und das Gemüse abbildet und unausgesprochen so tut, als sei das ein komplettes Fertiggericht mit allem. Eine Sache war so dreist, die war schon wieder lustig: getrocknete Tomaten. Getrocknete, wohlgemerkt. Und vorne drauf auf der Packung waren frische knackige Tomaten fotografiert, die waren wohl noch extra mit Wasser besprengt worden, das perlte und funkelte nur so in alle Richtungen. Und daneben stand: "Serviervorschlag".

Die Fragen stellte Martin Rasper

Wiebke Franz studierte Oecotrophologie in Kiel und war von 1992 bis 2010 als Wissenschaftliche Leiterin der UGB-Akademie beim Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung in Gießen tätig. Seit 2010 ist sie als Internet-Fachreferentin bei der Verbraucherzentrale Hessen in Frankfurt, die auch das Projekt "Mehr Klarheit und Wahrheit bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln" betreut. Dort ist sie für die Bearbeitung von Produktbeschwerden für das Portal www.lebensmittelklarheit.de zuständig.

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