In Breisach hat die Regionalwert AG 2011 ihren ersten Biomarkt eröffnet (Foto: Regionalwert AG)
06.08.2014
Bürgeraktiengesellschaft "Regionalwert AG"

"Wir investieren in die Region"

Christian Hiß wurde vom Bio-Bauern zum Aktienhändler. In der Regionalwert AG verkauft er Wertpapiere zum Erhalt regionaler Bio-Höfe. Obwohl es noch keine Dividende gibt, investieren die Aktionäre im Schnitt 4500 Euro. Hiß erklärt, warum.

IM FOKUS: Herr Hiß, vor zehn Jahren haben Sie noch Gemüse angebaut, heute sind Sie der geschäftsführende Vorstand einer Aktiengesellschaft. Das müssen Sie uns genauer erklären.

Hiß: Wir, eine Gruppe von Kollegen und Konsumenten, wollten etwas dagegen tun, dass immer mehr kleine Bauernhöfe sterben und sich das Prinzip "Wachse oder weiche!" durchsetzt. Wir wollten einen Gegenentwurf zum jetzigen Wirtschaftssystem finden. Die Landwirtschaft ist ja in einer besonderen ökonomischen Situation. Man braucht im Schnitt 380.000 Euro, um einen Arbeitsplatz auf einem Hof einzurichten. Statistisch gesehen kann dieser Arbeitsplatz 80.000 Euro Umsatz im Jahr erwirtschaften. Das schaffen aber viele kleine Höfe nicht und müssen aufgeben, und vor allem außerfamiliäre Existenzgründer können keinen Hof erwerben. Die freien Flächen fallen dann an andere Höfe, die immer größer werden, um rentabler wirtschaften zu können. Aber was heißt schon rentabel?

IM FOKUS: Welche Kriterien sind denn für Sie entscheidend?

Der Breitenweger Hof in Eichstetten ermöglicht seinen Hühnern dank Hühnermobil viel Auslauf (Foto: Regionalwert AG)
Hiß: Unser Blick zielt stark auf die externen Effekte der ökologischen Landwirtschaft. Entscheidend ist für uns deshalb, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt, dass wir wissen, woher unsere Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden, dass wir Arbeitsplätze auf dem Land erhalten, in Ausbildung investieren, attraktive Arbeitsplätze mit fairen Löhnen auf dem Land haben, die Artenvielfalt erhalten, etwas gegen Umweltzerstörung tun und, und, und...

IM FOKUS: Und das kann eine Aktiengesellschaft leisten?

Hiß: Die Aktiengesellschaft ist ja nur die geeignete Form für den Zweck, den wir verfolgen. Der Hauptzweck ist, dass Konsumenten der Region in die ökologische Landwirtschaft ihrer Region investieren können. Wir investieren aber nicht nur in Landwirtschaft, sondern in die ganze Wertschöpfungskette vom Acker bis zum Teller. Das gilt für bestehende Betriebe wie auch für Existenzgründer. Mit der Regionalwert AG sorgen wir für die Attraktivität der Region, in der wir leben.

IM FOKUS: Lässt sich denn damit Geld machen?

Hiß: Langfristig ja, denn ich bin überzeugt davon, dass die regionale und ökologische Landwirtschaft diejenige sein wird, die im Rennen übrig bleibt. Das hat ökonomische Gründe: Die industrialisierte Landwirtschaft ist schlicht zu teuer, wenn man die externen Kosten einrechnet. Heute kann man immer noch Schäden an Natur und Gesellschaft anrichten und muss nicht dafür bezahlen. Aus diesem Grund sind unsere Gewinne noch versteckt, so wie die Risiken der industrialisierten Landwirtschaft versteckt sind. Bei der Regionalwert AG gab es bislang noch keine finanzielle Gewinnbeteiligung, wir konnten noch keine Dividende ausschütten. Unsere Anleger haben aber auch einen anderen Wertbegriff. Sie investieren in ihre Region. Trotzdem ist es natürlich das Ziel, dass es irgendwann auch eine finanzielle Gewinnausschüttung gibt.

IM FOKUS: In der Jahresbilanz steht dann also keine Geldsumme, sondern die Anzahl neuer Arbeitsplätze und ob am Ackerrand seltene Wildblumen wachsen oder Rebhühner nisten?

Hiß: Die Jahresbilanz ist ganz klassisch, wie bei jeder Aktiengesellschaft oder einem anderen Betrieb, also mit Umsatzzahlen, finanziellen Gewinnen und Verlusten. Wir haben aber außerdem 70 Indikatoren, über die jedes beteiligte Unternehmen Auskunft geben muss. Das sind soziale, ökologische und regionale Kriterien. Ich kann also sehen, wie mein Kapital qualitativ gewirkt hat. Gewinn und Verlust bekommen einen erweiterten Status, mit dieser Prämisse ist der Biolandbau ja auch angetreten.

IM FOKUS: Zum Beispiel?

Hiß: In diesem Bericht steht zum Beispiel, wie viele Auszubildende ausgebildet wurden, wie das Verhältnis zwischen Saison- und Fachkräften ist, wie die Entlohnung der Mitarbeiter ausgefallen ist. Ökologische Punkte sind etwa das Verhältnis von samenfesten zu Hybridsaatgut und was der Bauer zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit getan hat. Die regionalwirtschaftlichen Indikatoren beziehen sich vor allem auf die Beschaffung. Also: Woher bekomme ich meine Ware, wo wird sie verarbeitet und wohin wird sie letztendlich verkauft?

IM FOKUS: Also kann ich messen, dass ich mit meinem Geld beispielsweise neue Arbeitsplätze geschaffen habe?

Hiß: Ja. Rund die Hälfte der Betriebe würde ohne die Regionalwert AG nicht existieren.

IM FOKUS: Ich gebe Geld und trage so etwas zum Umweltschutz und zur Stärkung der Region bei. Wo liegt denn da der Unterschied zu einer Spende an eine Umweltorganisation?

Hiß: Wenn Sie spenden, ist Ihr Geld danach weg. Wenn Sie aber eine Aktie kaufen, dann gehört Ihnen diese. Sie können sie sogar wiederverkaufen. Und Sie übernehmen Verantwortung, indem Sie sich am Risiko für die Unternehmen beteiligen. Zudem sorgen Sie dafür, dass Existenzgründer eine Chance haben: Gerade in der Landwirtschaft haben Sie das Problem, dass Sie sehr viel Kapital brauchen, etwa teure Maschinen oder Gebäude. Es dauert aber sehr lang, bis sie das Geld wieder erwirtschaften. Ein Baum trägt erst nach ein paar Jahren Obst, und dann kann es auch zu Missernten kommen, wenn das Wetter nicht stimmt. Deshalb kommen viele Höfe schlecht an Kredite - den Banken ist oft das Risiko zu groß. Dieses Risiko geht die Regionalwert AG ein, weil wir überzeugt sind, dass sich bio mehrfach lohnt. Außerdem will ich die Biobetriebe nicht als Spendenempfänger sehen, sondern als wirtschaftende Betriebe die eine Menge von Leistungen für das Gemeinwohl bringen, und die will ich entlohnt sehen.

IM FOKUS: Was dürfen denn die Aktionäre bestimmen?

Hiß: Der einzelne Aktionär kann nicht über das Geschehen auf dem Hof oder im Unternehmen bestimmen, etwa ob Blumenkohl oder Spitzkohl angebaut wird. Er kann aber auf der Hauptversammlung fragen, warum die Zahl der Ausbildungsplätze abgenommen hat. Der Aktionär fragt, die Unternehmen müssen oder können antworten. Durch die Antworten bekommen Nichtbauern mit, wie ökologische Landwirtschaft funktioniert. Bäuerinnen und Bauern erhalten so die Möglichkeit ihre Anliegen konkret in die Gesellschaft zu tragen.

IM FOKUS: Kann ich als Anleger jederzeit aussteigen?

Hiß: Nein, Aktien sind unkündbar. Man kann sie aber wieder verkaufen: Dadurch haben die Betriebe Kapitalstabilität und müssen nicht dauernd Angst haben, dass ihnen das Kapital gekündigt wird. 

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Über Christian Hiß und die Regionalwert AG

Christian Hiß, Jahrgang 1961, hat 2006 eine Bürgeraktiengesellschaft in Freiburg gegründet: die Regionalwert AG. Das Grundkapital dazu war seine eigene Bio-Gemüsegärtnerei. Mittlerweile zählt die Aktiengesellschaft über 500 Aktionäre mit einer Kapitalsumme von 2,23 Millionen Euro. Dieses Geld wird in 17 verschiedene Betriebe aus dem Bio-Lebensmittelsektor investiert: Vom Bio-Hof bis zum Bio-Catering-Service und Bio-Laden. Ziel ist es, die gesamte Wertschöpfungskette vom Landwirt bis zum Handel in der Region zu behalten. Dafür hat er zahlreiche Auszeichnungen bekommen, unter anderem die als Social Enterpreneur des Jahres 2011.

Christian Hiß leitet außerdem die Regionalwert Treuhand, die Interessenten in anderen Regionen dabei unterstützt, eine eigene Regionalwert AG zu gründen. Die ersten Nachahmer gibt es in München und Hamburg, auch in anderen Ländern wird Hiß als Berater angefragt.

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