Nach der Geburt werden männliche Ferkel meist kastriert (Foto: Scott Bauer, U.S. Department of Agriculture, Wikimedia)
20.01.2014
Interview zur Ferkelkastration

Muss das sein, Herr Striezel?

Ob bio oder konventionell - männlichen Schweinen werden in Deutschland nach der Geburt die Hoden entfernt. Warum? Sie könnten sonst stinken wie eine alte Sporttasche, Urin und Moschus zusammen, erklärt Tierarzt Andreas Striezel. Aber ist Kastration wirklich die einzige Lösung?

IM FOKUS: Warum werden Ferkel kastriert?

Striezel: Weil einige männliche Ferkel stinken und somit auch ihr Fleisch. Der Geruch entwickelt sich nicht automatisch bei allen männlichen Tieren und auch erst ab einem Alter von fünf Monaten. Deshalb werden alle männlichen Ferkel kastriert. Alle, das heißt jährlich 25 bis 30 Millionen allein in Deutschland.  

IM FOKUS: Nach was riecht denn so ein Eber?

Striezel: Grob gesagt: Wie eine alte Sporttasche eines stark riechenden Mannes, gepaart mit Urin und Moschus. Kein Wunder also, dass sich ein so übel riechendes Fleisch schlecht verkaufen lässt. 74 bis 80 Prozent der Menschen können den Geruch wahrnehmen und empfinden ihn meist als ekelerregend. Hinzukommt: Im Gedächtnis bleibt der Geruch lange haften.

IM FOKUS: Und warum stinken nur die männlichen Schweine?

Striezel: Für den Geruch ist hauptsächlich der Stoff Androstenon verantwortlich. Das ist ein Stoffwechselprodukt des männlichen Geschlechtshormons. Androstenon ist ein Pheromon, das im Hoden gebildet wird. Im Fettgewebe, besonders im Nackenfett, reichert es sich an und gelangt so auch zu den Speicheldrüsen, wo der Stoff mit dem Speichel in die Luft abgesondert wird. Sauen können deshalb übrigens Trüffel durch den Geruch finden, weil von den Pilzen Androstenon ausgeschieden wird.

IM FOKUS: Kann man Eberfleisch bedenkenlos essen, schmeckt und riecht das Fleisch nur anders? 

Striezel: Es geht in keiner Weise um Gesundheitsgefährdung oder hygienische Beeinträchtigung, bereits jetzt werden Jung-Eber ja auch schon vermarktet, aber nur mit Geruchstest.

IM FOKUS: Ist das nur bei uns ein Geschmacksproblem oder macht man das in anderen Ländern auch?

Striezel: Die Ebermast hat in einigen europäischen Staaten wie Irland, Großbritannien, Spanien und Portugal eine längere Tradition. Hier werden die Tiere aber bereits mit 70 bis max. 100 kg geschlachtet. Dann sind sie ungefähr 4-7 Monate alt und haben ihren Geruch noch nicht so ausgebildet. Auch bei uns gibt es bereits Ebermäster.

IM FOKUS: Wäre das ein Problem für die anderen Schweine, wenn so ein Stinker dabei ist?

Striezel: Nein, weder wegen des Geruchs noch wegen des Temperaments. Ebermäster habe durchaus positive Erfahrungen gemacht, wenn man ein paar Regeln einhält. Jung-Eber sind deutlich lebhafter als  kastrierte und weibliche Tiere. Das zeigt sich besonders zu Beginn der Mast. Wenn es ums Futter geht, dann kann es da schon zu heftigeren Rangauseinandersetzungen kommen. Auch für den Bauern hat die Ebermast einen Vorteil: Männliche Tiere mit Hoden sind bessere Futterverwerter - und zwar um zehn bis fünfzehn Prozent, sie brauchen also weniger Futter, um schneller zu wachsen. Außerdem ist ihr Fleisch-Fett-Verhältnis besser, sie haben also mehr Fleisch als Fett. Wichtig ist aber, dass die Eber getrennt von den weiblichen Tieren gemästet werden, sonst bilden sie stärker den Ebergeruch aus. 

IM FOKUS: Wie viele stinken denn nun?

Striezel: Ein Beispiel: Zwei Millionen Eber hat die niederländische Firma VION in mehr als zehn Jahren geschlachtet. Davon hatten durchschnittlich vier Prozent einen starken Ebergeruch und mussten aussortiert werden. Bereits heute werden in den Niederlanden 45 Prozent aller männlichen Tiere als Eber gemästet. Zwischen den Beständen gibt es aber große Unterschiede. Die Zahlen der beanstandeten Eber reichen von 0,5 bis 10 Prozent. Das scheint auch von Eiweißgehalt in der Fütterung abzuhängen.

IM FOKUS: Und das Fleisch der stinkenden Ferkel wird einfach weggeworfen?

Striezel: In der Regel ja, es gäbe aber auch noch die Möglichkeit der Verwertung als Rohfleischprodukt wie Hartwurst oder Schinken.

IM FOKUS: Wird sich die Ebermast als Königsweg durchsetzen können?

Striezel: Das hängt sicher von den Forschungen und Erfahrungen der nächsten Jahre ab. Bislang müssen nämlich nur Bio-Betriebe ihre Ferkel mit einer Narkose betäuben. Ab 2018 ist die Kastration ohne Betäubung aber für alle verboten. Dann wird Ebermast sicherlich gängiger werden, vor allem wenn die Züchtung Eber anbietet, die weniger Geruch vererben. Es ist auch für einige Betriebe sinnvoll, Eber zu mästen, sofern sie entsprechend Platz haben. Es spart ja auch Geld und Arbeit, auf die Kastration zu verzichten.

IM FOKUS: Gibt es auch Züchtungen, damit die Eber nicht mehr stinken?

Striezel: Ja, es werden schon jetzt "geruchsärmere" Eber in den Besamungsstationen gehalten. Hier macht man eine genetische Untersuchung von Ebern, die man für die Besamung einsetzen möchte, und schaut sich deren Veranlagung zum Stinken an. So will man den Ebergeruch langfristig loswerden.

IM FOKUS: Wo ist bei der Kastration der Unterschied zwischen Bio- und konventioneller Schweinehaltung?

Striezel: Seit dem Altertum werden Ferkel ohne Betäubung und Schmerzbehandlung kastriert. Heute ist nur für die Bio-Betriebe eine Kastration mit Schmerzausschaltung vorgeschrieben. Der Bioland-Verband war hier Vorreiter und hat die Narkose als erster Verband verpflichtend eingeführt. Ansonsten gilt für Nicht-Bio-Betriebe das Tierschutzrecht: Gesunde, männliche Ferkel dürfen nach geltendem Recht bis zum siebten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden. Im Tierschutzgesetz heißt es, dass auch heute schon alle Möglichkeiten zu ergreifen sind, um Schmerzen oder Leiden der Tiere zu verringern. Das heißt also: Schmerzmittel.

IM FOKUS: Muss ich mir die Betäubung ähnlich wie eine Narkose bei Menschen vorstellen?

Striezel: Im Prinzip schon - das erfolgt entweder durch eine Spritze oder mit einer Maske, durch die Narkosegas strömt. So haben die Schweine während des Eingriffs keine Schmerzen. Nach der Operation bekommen sie zusätzlich ein Schmerzmittel, damit sie auch dann nicht zu stark leiden müssen und sich nichts entzündet.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Andreas Striezel hat 1991 seinen Doktor für Tiermedizin an der FU Berlin gemacht. Zudem ist er Fachtierarzt für Tierschutz und Spezialist für Homöopathie und Akupunktur bei Tieren. Er ist Teilhaber am Zentrum für Ganzheitliche Tiermedizin Bräuningshof und berät den Bioland-Verband in sämtlichen Fragen zum Tierschutz und zur Tiergesundheit.

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