Grüne Utopie: das Motto der Stadtgärtner (Foto: Martin Rasper)
02.06.2014
Grüne Metropolen

Wie Urban Gardening die Städte verändert

Minigärten auf Verkehrsinseln, Hochbeete auf Flachdächern und Gemüse auch im letzten Winkel - schon jetzt beginnen sich die Städte durch das Neue Gärtnern zu verändern. Von Martin Rasper

Private Stadtbegrünung in Seattle (Foto: M. Philips)
Wie oft wurden die Städte nicht schon für tot erklärt! In den achtziger und neunziger Jahren etwa gab es eine Phase, als nicht nur Science-Fiction-Autoren düstere Visionen vor sich hin faulender Metropolen pflegten. Dabei lebt seit 2008 nach Schätzung der Uno erstmals überhaupt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Die Experten sind sich einig, dass der Trend anhalten wird - und dass die Städte gar keine Wahl haben, als zu funktionieren und lebenswert zu bleiben.

"The city is not the problem, it’s the solution" - die Stadt ist nicht das Problem, sie ist die Lösung, verkündete schon vor Jahren der brasilianische Politiker und Stadtplaner Jaime Lerner, der mit relativ einfachen Mitteln aus der südbrasilianischen Millionenstadt Curitiba eine Mustermetropole machte. Inzwischen sind sich die meisten Fachleute einig, dass die Stadt der Zukunft vor allem eines ist: grüner. Und Grün, auch das ist Konsens, bedeutet nicht nur Gras und Bäume, sondern: produktives Grün.   

Das wäre im Prinzip gar nicht so neu. Landwirtschaft und Stadt waren über Jahrhunderte miteinander verwoben. Der Marktplatz war der Mittelpunkt jeder Stadt, Speichergebäude und Lager in der Nähe, zum Markt getriebenen Herden gehörten zum Alltagsbild. Zwar wurden seit der Industrialisierung die Warenströme stärker kanalisiert, das Vieh in Schlachthöfe geliefert, Obst und Gemüse in Großmarkthallen verkauft; aber auch die lagen noch ziemlich zentral. Auch Mälzereien, Öl-, Reis- und Getreidemühlen arbeiteten lange inmitten der Städte, Brauereien und Bäckereien sowieso.  

Gärten in der Stadt gab es schon immer - nur nicht solche

Immer existierten in den Städten auch Gärten. Viele mittelalterliche Häuser hatten auf der der Straße abgewandten Seite einen kleinen Garten zur Selbstversorgung, der auch bei späteren Stadterweiterungen oft erhalten blieb. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts berichtet der britische Gartengestalter William Robinson von Stadtgärten in Paris mit intensiv genutzten Hochbeeten, wo „die Besitzer dieser kleinen Familiengärten den Zustand aller angebauten Früchte mit einem Blick erfassen können“.  

Gemüse- und Weinbau im öffentlichen Raum: Andernach gilt vielen Kommunen längst als Vorreiter (Foto: Martin Rasper)
Im Prinzip also wäre es nichts Neues, einen Teil der Lebenswirklichkeit, die Herstellung von Nahrung nämlich, in der Stadt stattfinden zu lassen. Die Voraussetzungen dafür sind heute so gut wie lange nicht. Die schmutzigen Industrien haben die Städte verlassen, das Benzin ist bleifrei, der Dieselruß zunehmend gefiltert. Die Luft in den Städten ist heute besser als jemals in den vergangenen Jahrzehnten.  

Und während die Theoretiker noch Pläne machen, haben die Praktiker schon mal angefangen. In Leipzig etwa hat sich die "Initiative für zeitgenössische Stadtentwicklung" aufgemacht, an der Gestaltung ihrer Stadt teilzuhaben. "Wie wollen wir in Zukunft erfüllt leben?", fragen die Leute von der IFZS sich und ihre Mitbewohner; "welche Aufgaben übernehmen dabei unsere Städte? Und welche Rolle spielt urbanes Grün?" Unverzichtbar in diesem Prozess, soviel steht für die Leipziger fest, sind Gärten. In ihrem Garten "Annalinde" im Stadtteil Plagwitz wird seit 2011 das gemeinschaftliche Gärtnern praktiziert: Säen, Pflanzen, Ernten und Verarbeiten. Das Gartencafé bietet erntefrische Gerichte - von der Gemüsepfanne bis zur Erdbeertorte.

Individuelle Beete gibt es nicht, jeder tut was nötig ist - und alle profitieren. Regelmäßig finden im Garten Feste statt, dazu Kurse und Fortbildungen. Die Teilnahme ist kostenlos, finanziert wird das Ganze durch Stiftungen. In Leipzig, das eine lange Tradition bürgerschaftlichen Engagements hat, wird der Ansatz der IFZS längst akzeptiert; so sind deren Vertreter regelmäßig auf Veranstaltungen zur Stadtentwicklung anzutreffen.

"Capital Growth" - Wachstum im Beet statt an der Börse

In großem Stil geschieht die urbane Vergärtnerung seit einigen Jahren in einer Stadt, wo es vielleicht die wenigsten vermuten würden - London. Die britische Hauptstadt hatte sich 2008, im Vorgriff auf die Olympischen Spiele 2012, ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: 2012 neue Nutzgärten innerhalb des Stadtgebiets zu schaffen, und das bis 2012. Der geschickt gewählte Name des Projekts: "Capital Growth".

London hat in acht Jahren über 2000 neue privat-öffentliche Gärten geschaffen
Mutete das Ziel zunächst fast utopisch an, so wurde es erstaunlicherweise tatsächlich erreicht: Inzwischen sind es schon mehr als 2100 neue Gärten. Die Palette reicht vom kaum zehn Quadratmeter großen Nachbarschaftsgarten in einem Problemviertel, in dem Kürbis und Zucchini angebaut werden, über Klinik- und Schulgärten und urbar gemachte Kanalufer bis zum professionellen Kräutergarten, der für den Verkauf an Restaurants produziert und einen halben Arbeitsplatz geschaffen hat. Der Erfolg der Kampagne beruht nicht nur auf einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit und dem grundsätzlichen "Segen von oben", sondern vor allem auf der geschickten Einbindung der Bürger. Diese mussten nämlich selbst den Standort finden und das Konzept entwickeln, wobei die Stadt aber bei organisatorischen und administrativen Fragen half. Unter Stadtplanern gilt "Capital Growth" längst als besonders gelungenes Beispiel, wie man dem urbanen Gärtnern einen kräftigen und nachhaltigen Impuls verleihen kann.  

Die deutsche Antwort auf London gibt es auch schon. Sie heißt "Essbare Stadt Andernach". Die Kleinstadt am Mittelrhein hat sich entschlossen, das Thema Nutzpflanzen auf allen Ebenen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. An der Schlossmauer wurde ein Weinberg mit Tafeltrauben zum Naschen angelegt, im Burggraben, in Grünanlagen und an anderen prominenten Standorten wachsen Tomaten oder Bohnen - zur Selbstbedienung. Dadurch soll bei den Bürgern das Bewusstsein für traditionelle lokale Sorten und überhaupt für die Sortenvielfalt bei den Kulturpflanzen wieder geweckt werden. Hausbesitzer werden ermutigt, an ihren Häusern Spalierobst oder Wein zu pflanzen, Firmen dazu angeregt, auf ihrem Gelände Nutzgärten anzulegen.

Auf öffentlichen Grünflächen werden statt Rasen stellenweise Wildblumenwiesen gesät, die seltener geschnitten werden müssen und bestäubenden Insekten wie Schmetterlingen und Wildbienen Nahrung bieten. Und eine ökologische Ausgleichsfläche außerhalb der Stadt wird für einen Permakulturgarten genutzt, dessen Erzeugnisse in der Stadt verkauft werden. Unter Stadtplanern und Kommunalpolitikern ist Andernach längst kein Geheimtipp mehr. Lutz Kosack, der bei der Stadtverwaltung für die Grünflächen und den Naturschutz zuständig ist und das Projekt ins Leben gerufen hat, staunt jetzt schon seit drei Jahren über den anhaltenden Erfolg: "Wir werden immer noch von Anfragen überhäuft", sagt er.

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