26.03.2014
Interview mit Verbraucherschützerin

"Weniger Bio wäre nicht im Sinn der Verbraucher"

Die EU will die Regeln für Bio komplett reformieren - zum Schutz der Verbraucher. Verbraucherschützerin Jutta Jaksche ist dennoch nicht restlos begeistert, im Interview kritisiert sie unnötige Härten für Biobauern und Hindernisse für mehr Bio.

IM FOKUS: Die EU will das Vertrauen in Bio stärken. So begründet die Kommission die geplante Reform der Öko-Verordnung. Befindet sich denn Bio tatsächlich in einer Vertrauenskrise beim Verbraucher?

Neue Regeln für Bio

Die wichtigsten Änderungesvorschläge für die EU-Öko-Verordnung im Überblick:

  • Keine Teilumstellungen mehr möglich: Das heißt, wer Bio-Bauer sein will, muss einen kompletten Betrieb auf bio umstellen. Bei den Anbauverbänden ist das schon von Anfang an so.

  • Alle Einzelhändler sollen nun kontrollpflichtig werden. Es werden also nicht mehr nur die Erzeuger und Verarbeiter kontrolliert, sondern nun auch der komplette Handel.

  • Für Bio-Lebensmittel gelten künftige eigene, besonders strenge, Grenzwerte für Pestizide und gentechnisch veränderte Organismen. Das ist ein Systemwechsel: Die Kontamination im Endprodukt steht im Vordergrund und weniger die umweltfreundliche Methode.  

  • Die Umstellung auf ökologisches Saat- und Pflanzgut soll forciert werden (bis 2021).

Jaksche: Ja und nein. Einerseits nimmt die Zahl der Bio-Einkäufer immer weiter zu. Andererseits könnte der Zuwachs größer sein - wären da nicht immer mal wieder offene Fragen zur Kontrolle und Diskrepanzen zum Bio-Verständnis. Der Skandal um umdeklarierte Eier oder auch die Bilder von nicht artgerecht gehaltenen Hühnern auf sehr großen Bio-Höfen sind Beispiele dafür.

IM FOKUS: Was wollen denn die Verbraucher?

Jaksche: Höherwertige Qualität: Das beschränkt sich dabei nicht nur auf das Produkt selbst und seine Verarbeitung, indem beispielsweise weniger Zusatzstoffe verwendet werden dürfen, sondern auch auf eine höhere Qualität bei der Tierhaltung oder  höhere Umweltleistungen. Außerdem wollen Verbraucher mehr regionale Lebensmittel, viele Bioprodukte werden aber importiert.

IM FOKUS: Und kann ein Regelwerk der EU das ändern? Die EU-Öko-Verordnung soll ja völlig reformiert werden.

Jaksche: Eine Reform regelt ja auch immer einen bestimmten Standard. An den müssen sich alle halten: Das heißt die EU-Länder und solche, die in die EU importieren wollen. Es muss vor allem die Kontrolle verbessert werden, die sicherstellt, dass diese Standards eingehalten werden. Gerade bei Nicht-EU-Ländern herrscht da noch Verbesserungsbedarf.

IM FOKUS: Die EU-Kommission will, dass auf Bio-Lebensmitteln kaum Pestizide zu finden sind. Das klingt doch eigentlich ganz gut.

Jaksche: Ja, der Verbraucher will keine Pestizide und der Biobauer setzt sie auch nicht ein. Aber Pestizide können auch abdriften. Deshalb halte ich den Vorschlag der Kommission für falsch, denn: Künftig soll gelten, wenn auf einem Lebensmittel Pestizid-Spuren zu finden sind, dann gilt es nicht mehr als bio. Die Biobauern müssen für den Pestizid-Einsatz der konventionellen Bauern büßen. Das ist nicht im Sinne der Verbraucher. Hier wird gegen zwei wichtige Prinzipien verstoßen: Das Vorsorge- und  das Verursacherprinzip. Besser wäre es den Pestizideinsatz im Vorhinein einzudämmen und in der konventionellen Landwirtschaft besser zu kontrollieren.

IM FOKUS: Beim Saatgut soll sich ja auch einiges ändern. Fortan darf nur noch Bio-Saatgut eingesetzt werden. Das heißt: Eine Bio-Zucchini soll künftig nur dann eine Bio-Zucchini sein, wenn auch das Saatgut bio ist. Wie bewerten Sie das?

Jaksche: Als Verbraucherschützerin finde ich diesen Ansatz gut. Ich finde es naheliegend, dass Verbraucher in allen Phasen der landwirtschaftlichen Produktionsstufe eine konsistente Landwirtschaft wollen. Saatgut soll daher genau wie Futter oder andere Produktionsmittel aus der "besonders guten" Landwirtschaft stammen. Der Nachhaltigkeitsrat hat den ökologischen Landbau als den Goldstandard bezeichnet - da sollten wir auch beim Saatgut hinkommen und kein konventionelles verwenden. Bio muss schon beim Saatgut anfangen.

IM FOKUS: Aber das heißt doch: Wenn kein Bio-Saatgut da ist, bleiben die Regale im Bioladen leer?

Jaksche: Wenn diese Regelung von heute auf morgen umgesetzt wird, dann würde das passieren, ja. Denn im Ökolandbau gibt es gerade im Obst- und Gemüsebereich noch nicht ausreichend Saatgut. Daran sollte die Branche dringend arbeiten.

IM FOKUS: Was würden Sie also vorschlagen?

Jaksche: Einen Fahrplan mit einem klaren Ziel, etwa: In 15 Jahren muss jedes Biogemüse aus Bio-Saatgut stammen. Ich wünschte, dass das schneller ginge, wir müssen aber realistisch bleiben: Die Züchtung von neuen Sorten und ihre Vermehrung dauert mehrere Jahre.

IM FOKUS: Können wir denn in Zukunft mit mehr Bio-Anbau rechnen?

Jaksche: Nein, das ist ein heikler Punkt. Denn die Kommission will, dass ein Betrieb, der gerade dabei ist, auf Bio umzustellen, zukünftig kaum noch eigenes Futter an seine Tiere verfüttern darf. Das Argument lautet: Das Futter, also Gras und Getreide, ist ja noch kein Bio. Die Folge wäre, dass der Landwirt Biofutter zukaufen muss - ein unnötiger zusätzlicher Kostenfaktor für die Zeit der Umstellung. Der Schritt hin zu Bio sollte nicht erschwert, sondern erleichtert werden.

IM FOKUS: Viele Menschen beschäftigt das Thema Tierhaltung. Was wünschen Sie sich hier?

Jaksche: Tierhaltung nach Biostandards sollte in Zukunft nicht nur nach der Zahl der Tiere pro Fläche und dem Alter der Tiere bemessen werden. So sollte etwa die Verwendung langsam wachsender Rassen, statt sogenannter Hochleistungstiere, verbindlich gemacht werden.

IM FOKUS: Was gefällt Ihnen denn an den Kommissionsvorschlägen?

Jaksche: Es soll weniger Ausnahmen geben und die Vorgaben in den Ländern sind weniger unterschiedlich - Bio wird vergleichbarer. Auch, dass man seinen Betrieb nun komplett auf Bio umstellen muss, ist eine alte Forderung von uns. Wer etwa Biogemüse verkauft, soll zukünftig auch seine Tiere nach Bio-Vorgaben halten. Das ist nur konsequent. Schließlich handelt es sich bei Bio um Kreisläufe, die geschlossen werden sollen. Auch dass die Kontrollen strenger werden, ist gut. Denn jetzt soll nicht mehr nur der Landwirt und der Verarbeiter, sondern auch der Einzelhändler kontrolliert werden.

IM FOKUS: Und was hat gefehlt?

Jaksche: Strengere Regelungen für die Nachhaltigkeit von Verpackungen bei Biolebensmitteln. Dafür wird sich die Verbraucherzentrale auch in der Diskussion um die Revision der EU-Öko-Verordnung einsetzen. Auch für die Außerhausverpflegung, also etwa in Restaurants und Kantinen, brauchen wir einheitliche Regeln und mehr Kontrolle.

IM FOKUS: Ziehen wir ein Fazit: Hat die Kommission mit den Vorschlägen ihr Ziel erreicht, führt das neue Regelwerk zu mehr Verbraucherschutz?

Jaksche: Meine Haltung ist: Strengere Regeln führen nur in Verbindung mit mehr Kontrolle zu mehr Verbraucherschutz.

IM FOKUS: Und das geht?

Jaksche: Dass es strenger geht, zeigen ja die Verbände, die schon jetzt striktere Standards haben als es die EU-Vorgaben erlauben. Aber auch diese dürfen nicht stehen bleiben. Generell müssen Regeln praktikabel sein, sonst führt das zu weniger Bio und dies wäre nicht im Sinn der Verbraucher - die Kommission muss der Branche auch Zeit geben, sich an neue Standards anzupassen. Es kann außerdem nicht sein, nur den internationalen Markt mit Bio zu beflügeln, sondern wir wollen auch die Rahmenbedingungen für mehr regionales Bio verbessert sehen. Das liegt aber nicht in der Verantwortung der EU, sondern hier ist dann in Deutschland die Politik gefragt.      

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person

Jutta Jaksche ist Agrarwissenschaftlerin und arbeitet seit 2002 als Referentin im Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Davor war sie als Referentin in der Geschäftsstelle des Nachhaltigkeitsrates tätig.

Im Netz: www.vzbv.de

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.vzbv.de

Infos zur Revision der EU-Öko-Verordnung: www.boelw.de