Für das Festival "Überlebenskunst" sammelten die Künsterinnen ein Jahr lang Vorräte aus der Region (Foto: myvillages.org)
20.08.2014
Interview zu Kunstaktion

Von paradoxem Lauch und ungeliebten Fischen

Es war ein einzigartiges Experiment: Für das Festival "ÜberLebensKunst" im Jahr 2011 sammelte die Künstlergruppe MyVillages über ein Jahr lang alles, was dann die Besucher des Festivals ernähren sollte. Die Aktion warf ein Schlaglicht auf altes, teils vergessenes Wissen über unsere Lebensmittel.

IM FOKUS: Frau Schiffers, was bitte ist "Paradoxer Lauch"?

Schiffers: Eine Lauch-Art, Allium paradoxum. Ähnlich wie Bärlauch, blüht und wächst aber noch etwas früher im Jahr. Man sagt auch Wunder-Lauch oder Berliner Bärlauch. Stammt ursprünglich aus dem Kaukasus, verbreitet sich aber schon seit langem in Deutschland, besonders eben in Berlin.

IM FOKUS: Das klang ja jetzt wie aus dem Lexikon. Das wussten Sie aber alles vorher nicht?

Schiffers: Nein. Wir haben extrem viel gelernt in dem Jahr.

IM FOKUS: Was wurde denn aus dem paradoxen Lauch?

Schiffers: Der wurde zu einem Pesto verarbeitet, und das gab's als Brotaufstrich.

IM FOKUS: Was war das überhaupt– eine Kunstaktion, ein Forschungsprojekt, ein experimentelles Restaurant?

Schiffers: Es war ein Kunstprojekt, aber mit dem konkreten Ziel, die Besucher des Festivals "ÜberLebensKunst" zu verköstigen. Die Veranstalter wollten kein normales Catering, sondern etwas, das den Geist des Festivals widerspiegelt. Wir haben dann nach einem stimmigen Bild gesucht und kamen auf den Begriff "Vorratskammer". Und das hat sich verfestigt zu der Idee, ein Jahr lang alle Lebensmittel zu sammeln und sie dann auf dem Fest zu verwenden. Die Dinge sollten möglichst nicht industriell verarbeitet sein und nur aus der Region kommen.

IM FOKUS: Hatten Sie einen Plan, oder haben Sie genommen, was kam?

Schiffers: Ein bisschen von beidem. Wir haben uns vorher mit dem Chefkoch vom Haus der Kulturen der Welt, wo das stattfand, zusammengesetzt und grob überschlagen, wie viel wir brauchen für 5000 Leute und drei Tage, wie viel Fleisch, wie viel Gemüse und so weiter. Und dann haben wir einfach angefangen.

IM FOKUS: Und wie entstand der Gedanke, die Menschen im Umland zu fragen, was sie beisteuern könnten?

Schiffers: Wir arbeiten eigentlich immer so, dass wir mit Leuten, die sich bei etwas auskennen, Kontakt aufnehmen und sie einbeziehen. Und hier ging es eben um Leute, die Kompetenzen bei der Verarbeitung und Konservierung von Lebensmitteln haben. Da war der Metzger an der Fachschule, mit dem haben wir uns über Fleisch unterhalten und gelernt, worauf wir achten müssen. Oder wir haben Frauen aus Bosnien getroffen, die Frischkäse machen konnten. Oder Frauen vom Netzwerk Haushalt, die einkochen konnten. Dann begann sich das rumzusprechen, was wir da machen, und es kamen immer mehr Leute von sich aus auf uns zu.

IM FOKUS: Das ist ja eine beeindruckende und überraschende Liste, die da zustande kam. Zum Beispiel "30 kg ungeliebte Fische", was ist das?

Fischer auf dem Sacrower See (Foto: myvillages.org)
Fischer auf dem Sacrower See (Foto: myvillages.org)
Schiffers: Das waren Plötzen aus der Havel und aus dem Sacrower See. Die Plötzen haben viele Gräten, deshalb sind sie nicht geeignet als Bratfisch und nicht so beliebt, aber man kann trotzdem viel Schönes aus ihnen machen.

IM FOKUS: Und "0,75 l Wilmersdorfer Rheingau-Perle"?

Schiffers: Das war etwas, das uns überrascht hat: Es gibt in fast jedem Berliner Stadtbezirk einen Weinberg. Und aus den Trauben wird tatsächlich Wein gemacht, das ist der sogenannte Bürgermeisterwein, der wird dann Jubilaren oder Besuchern geschenkt.

IM FOKUS: In Berlin wird Wein hergestellt?

Schiffers: Nein, gekeltert wird der nicht in Berlin, sondern im Westen, jedenfalls der aus den West-Bezirken, die schicken ihre Trauben in den Rheingau oder zur Nahe, und entsprechend heißt er dann auch. Und die Ost-Bezirke schicken ihre nach Dresden oder Meißen, das wird dann Elbe- oder Saale-Wein.

IM FOKUS: Und "60 St. kandierte Veilchen", was ist das?

Schiffers: Die hat Kathrin gemacht, eine von uns. Die wurden als Dekoration für das Festessen verwendet. Man konnte sie aber auch aufessen.

IM FOKUS: Zu jedem Lebensmittel gibt es eine Geschichte.

Schiffers: Klar, es ging auch darum, genau das zu zeigen: was für Geschichten an unseren Lebensmitteln dranhängen. Wir haben Führungen durch die Vorratskammer gemacht und die Geschichten erzählt. Und auf der großen Terrasse auf dem Dach gab es einen Pavillon, da haben sich die Leute präsentiert, die zur Vorratskammer beigetragen haben, haben ihre Methode vorgestellt und man konnte sie befragen.

IM FOKUS: Hat denn insgesamt alles so hingehauen, wie Sie das gedacht hatten?

Schiffers: Im Prinzip hat's super funktioniert. Es kamen fast 8000 Besucher statt der erwarteten 5000, aber für die hat's auch gereicht. Man musste halt ein bisschen flexibel sein, auch als Konsument. Es ging ja auch darum, dass nicht alles unendlich verfügbar ist, wie man das sonst gewohnt ist. Die Kartoffeln waren irgendwann alle, dann gab es Graupen. Die waren irgendwann auch alle, da gab's dann Blini, also Buchweizenküchlein. Oder der Kaffee. Wir hatten keinen richtigen Kaffe beziehungsweise nur ganz wenig, vier Kilo, die hatte die Produktionsleiterin eher zufällig im Flugzeug aus Mexiko mitgebracht. Wir hatten ja den Anspruch, im Prinzip nur das anzubieten, „was da ist“, und das hieß in erster Linie Lebensmittel aus der Region.

IM FOKUS: Wie bitte? Es gab nur 4 Kilo Kaffee für 8000 Leute und drei Tage?

Schiffers: Ja. Das heißt, es gab im Prinzip keinen Kaffee. Dafür hatten wir jeden Tag eine "Viertelstunde der seltenen Güter", da gab es Kaffee. Ansonsten nur Lupinenkaffee.

IM FOKUS: Lupinenkaffee?

Schiffers: Das war auch so eine Entdeckung. Man hat ja eher von Zichorienkaffee schon mal gehört, aus Notzeiten, und Lupinenkaffee ist so was ähnliches.

IM FOKUS: Aber ohne Koffein?

Schiffers: Natürlich, es ist kein richtiger Kaffee, es ist ein Ersatz. Das war schon hart für manche. Dafür haben wir sogar einen Konflikt mit der Festivalleitung riskiert. Das war schon grenzwertig.

IM FOKUS: Es ging auch darum zu thematisieren, dass nicht alles unbegrenzt verfügbar ist?

Schiffers: Ja. Und dass man eben nicht alles planen kann und mit dem zurechtkommt, was  da ist. „Es gibt das, was da ist“, das war das Motto. Das war beides sehr deutlich: Zum einen das schöne Gefühl der sich füllenden Vorratskammer - wie da lauter prächtige Dinge zusammenkamen, das war so ein Gefühl des Überflusses; andererseits aber, dass manches auch sehr knapp war.

IM FOKUS: Wenn man über all das Wissen verfügte, das in dieser Vorratskammer drinsteckt - könnte man sich dann mit dem, was in unseren Breiten wächst, selbst versorgen?

Schiffers: Ich weiß nicht. Was die Ernährung angeht, vielleicht - aber dann kommen ja noch die handwerklichen Sachen dazu, das Weben und so weiter... also da ist schon viel verlorengegangen.

Antje Schiffers, geboren 1967 in Heinrichsdorf, ist Künstlerin und arbeitet mit unterschiedlichsten Methoden. Eines ihrer Projekte heißt "Ich bin gerne Bauer und möchtes es gerne bleiben". Darin nimmt sie Kontakt mit Bauern und Bäuerinnen in verschiedenen Ländern auf, lässt sich von ihnen ihre Lebensgeschichte erzählen und malt ihnen im Gegenzug ein Gemälde. Seit 2003 arbeitet sie mit der Künstlergruppe "MyVillages" zusammen, mit der sie auch die "Vorratskammer" für das Festival "Überlebenskunst" organisiert hat.

Die Fragen stellte Martin Rasper

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Die Vorratskammer: Die komplette Liste
Das Festival ÜberLebensKunst
Die Seite der Künstlergruppe MyVillages