Täuschend echt: Wurst, aber rein pflanzlich (Foto: imago)
06.10.2014
Ernährungstrend

Das Geschäft mit den Veganern

Vegane Ernährung ist in. Das haben auch die großen Lebensmittelhersteller gemerkt - und bringen jede Menge Ersatzprodukte auf den Markt. Sogar die Rügenwalder Mühle, eine Wurstinstanz, plant jetzt ein Veggie-Sortiment. Eine gute Nachricht für Vegetarier und Veganer? Von Julia Romlewski

Wurst, die keine ist, aber so schmeckt. Pflanzlicher Truthahn. Käse-Imitate. In vielen Supermärkten tauchen seit einiger Zeit jede Menge Produkte mit Vegan-Labels auf. Die großen Lebensmittelhersteller haben eine Zielgruppe entdeckt, die lange vernachlässigt wurde, weil sie so verschwindend klein war: Veganer.

Doch rein pflanzliches Essen liegt inzwischen im Trend. Immer mehr - vor allem junge Menschen - stellen ihre Ernährung um oder essen zumindest weniger Fleisch. 240.000 bis 400.000 Menschen verzichten laut Studien inzwischen komplett auf tierische Produkte. Sie essen keinen Käse, keine Eier, keinen Honig und Fleisch und Wurst sowieso nicht. 

Zugegeben, das sind immer noch wenige im Vergleich zu den 1,6 Millionen Vegetariern (Nationales Ernährungsmonitoring) - und den Millionen Fleischessern sowieso. Doch dass es heute überhaupt Erhebungen zur Anzahl der Veganern gibt, allein das sagt schon einiges aus. Denn früher tauchten Veganer in den meisten Umfragen gar nicht auf. Veganismus galt als unbedeutende Sonderform des Vegetarismus.

Hinzu kommen die Teilzeitvegetarier

Inzwischen liegen vegane Kochbücher ganz vorn in den Schaufenstern der Buchhandlungen, gut-bürgerliche Gasthäuser setzen vegane Gerichte auf die Speisekarte, sogar im Zug bekommt man problemlos ein Gericht ohne tierisches Eiweiß. "Die vegane Ernährung hypt gerade extrem", bestätigt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern.

Und dann gibt es da noch die "Teilzeitvegetarier", sogenannte Flexitarier, die ihren Fleischkonsum bewusst einschränken. "Laut Studie gibt es elf Prozent Flexitarier", erklärt Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Veganer, Vegetarier, Flexitarier: ein wachsender Markt für Vegan-Produkte.

Wie ernst die Lebensmittelbranche den Trend zur fleischlosen Kost nimmt, zeigt das Beispiel Rügenwalder Mühle. Ausgerechnet der Wursthersteller, eine echte Instanz auf dem Fleischmarkt, will demnächst unter seiner Marke eigene vegetarische Produkte auf den Markt bringen - was einer kleinen Revolution gleichkommt.

Es riecht verdächtig nach Schnitzel

Auf Pflanzliches zu setzen scheint sich zu lohnen. Das belegen auch Marktzahlen: So ist laut der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft AMI der Umsatz mit Milchersatzgetränken 2013 im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent gestiegen, im Biosektor sogar um 25 Prozent. Jedes fünfte Bio-Milchgetränk war demnach 2013 bereits rein pflanzlich. 46 Millionen Euro gaben die Bio-Kunden für Sojadrinks und Co. aus, im konventionellen Sektor waren es 21 Millionen Euro. Ganze Supermärkte haben sich inzwischen auf rein pflanzliche Lebensmittel spezialisiert.

Die Biobranche hat da zwar weiterhin klar die Nase vorn - doch auch konventionelle Anbieter profitieren von der gestiegenen Nachfrage. Sie preschen mit neuartigen Fertigprodukten vor, die wie Fleisch aussehen und schmecken, aber rein pflanzlich sind. "Der Fleischgeschmack wird imitiert, weil viele auch nach der Umstellung auf Veganes nicht auf den Geschmack von Fleisch verzichten wollen", sagt Verbraucherschützerin Krehl.

Als sie kürzlich eine Freundin besuchte, roch es in der Wohnung der Vegetarierin verdächtig nach Schnitzel. Es war aber nur ein Ersatzprodukt, das gerade in der Pfanne vor sich hinbrutzelte, erzählt Krehl. "Sogar der Geruch wird nachgeahmt."

Viele Zusatzstoffe

Um das alles hinzukriegen, seien aber fragwürdige Zusatzstoffe nötig. Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Aromastoffe, Verdickungsmittel, Konservierungsstoffe. "Viele dieser Produkte sind extrem hoch verarbeitet", kritisiert die Verbraucherschützerin. Dazu kommen oft noch zu viel Salz und gesättigte statt ungesättiger Fettsäuren.

Nicht überall, wo vegan draufsteht, steckt also auch wirklich etwas Gesundes drin, das seinen Preis wert wäre.  Das sei oft einfach "Geldmacherei", so Krehl. Denn viele der vermeintlich gesunden Vegan-Fertigprodukte sind nicht gerade günstig. Das Geschäft lebt vom Glauben der Kunden, sich damit etwas Gutes zu tun.

In Biomärkten konnten Veganer schon immer viel in den Einkaufskorb packen. Obst, Gemüse, Trockenfrüchte, Soja, pflanzliche Aufstriche, Getreide. "Mehr als die Hälfte unserer Produkte ist vegan", bestätigt etwa  Alnatura-Sprecherin Stefanie Neumann. Doch seit Veganes boomt, sieht sich auch die Biobranche genötigt, gezielt auf Veganes hinzuweisen. "Wir bringen nach und nach auf alles die Vegan-Blume drauf", sagt die Alnatura-Sprecherin. 

Ruf nach staatlichem Vegan-Siegel

Der Kennzeichnungseifer hat sein Gutes: Vegan-Label können beim Einkaufen helfen, der Kunde spart Zeit, wenn er nicht mehr alle Zutatenlisten studieren muss. Allerdings ist die Bezeichnung "vegan" rechtlich nicht definiert und auch nicht geschützt, jede Firma kann theoretisch ihr eigenes Vegan-Siegel entwerfen.

In der Praxis greifen viele Anbieter auf die Vegan-Blume zurück - ein Siegel, das die Vegan Society England vergibt. Es verspricht ein zu hundert Prozent veganes Produkt, das ohne Tierversuche und tierische Bestandteile wie Gelatine hergestellt wurde.

Beliebt ist auch das grüne V-Zeichen auf gelbem Hintergrund der Europäischen Vegetarier-Union. Es verbietet etwa Kälberlab bei der Käseherstellung. Staatliche Kontrollen gibt es allerdings nicht.

Verbraucherschützer fordern daher ein staatliches Vegan-Siegel und EU-einheitliche Regeln, was sich überhaupt vegan nennen darf und was nicht. Denn was viele nicht wissen: Auch bei der Herstellung pflanzlicher Produkte kommen mitunter tierische Helferlein zum Einsatz: Gelatine etwa, um Wein oder Essig zu klären.

Wie viele Vegetarier gibt es in Deutschland?

Veganer-Demo in München (Foto imago/Rolf Peters)
Wie viele Menschen sich in Deutschland vegan oder vegetarisch ernähren, lässt sich nicht genau sagen. Es kursieren verschiedene Zahlen, die zum Teil erheblich voneinander abweichen.

Eine repräsentative Umfrage der Universitäten Göttingen und Hohenheim ergab, dass der Veganer-Anteil in Deutschland 2013 bei unter einem halben Prozent (weniger als 400.000)  lag, 3,7 Prozent ernährten sich vegetarisch.

Viel zu wenig, sagt der Vegetarierbund Vebu. Er geht von dreimal so vielen Veganern aus: 1,2 Millionen. Acht bis neun Prozent seien Vegetarier. Bestätigt sieht sich der Vebu durch eine Umfrage des Allensbach-Instituts, wonach sich 2013 fast sieben Millionen Menschen als Vegetarier bezeichneten.

Die verschiedenen Zahlen lassen sich vielleicht besser einordnen, wenn man die Nationale Verzehrstudie II (NVS II) mit 20.000 Teilnehmern zugrunde legt. Danach lag der Vegetarieranteil vor sieben Jahren bei 1,6 Prozent. Eine Folgestudie in kleinerem Rahmen (Nationales Ernährungsmonitoring) ergab dann vor zwei Jahren eine Quote von knapp zwei Prozent Vegetariern. Hinzukommen rund elf Prozent "Teilzeitvegetarier", die Flexitarier.

In einem sind sich alle einig: Der Trend gehe zu weniger Fleisch. Seltsam ist jedoch, dass sich der Pflanzen-Trend kaum auf die Fleischstatistik auswirkt. Der Pro-Kopf-Fleischkonsum liegt seit Jahren auf gleichbleibend hohem Niveau: um die 60 Kilo pro Jahr.

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