Tatkräftig, fröhlich, politisch: Aktivisten im Münchner Gemeinschaftsgarten "o'pflanzt is!" (Foto: Franziska Hasse)
02.06.2014
Urban Gardening

Die neue Lust am Gärtnern in der Stadt

Urban Gardening ist in aller Munde, ständig entstehen neue Projekte und Gartenformen. Aber was soll das Ganze überhaupt? Ist Urban Gardening nur eine kurzlebige Mode überspannter Städter – oder doch Vorbote einer dauerhaften Entwicklung? Von Martin Rasper

Der Name ist Programm: Ackerhelden. Die Botschaft: Wer heutzutage sein eigenes Gemüse anbaut, ist ein ganzer Kerl. „Supermarkt kann jeder – echte Helden ackern selbst!“, verkündet die Webseite der Ackerhelden und versucht die künftigen Gärtner sowohl am Eigeninteresse als auch an der Ehre zu packen: "Sichere dir deinen eigenen Gemüseacker und nimm es selbst in die Hand." Auf diese Weise wollen die Ackerhelden, zwei junge Unternehmer aus Essen, Menschen davon überzeugen, ihr eigenes Gemüse anzubauen. Für 248 Euro pro Saison (Mitte Mai bis Mitte November) können Ackerwillige 40 Quadratmeter, für 445 Euro 80 Quadratmeter  pachten - dafür wächst auf dem Land, wenn man es im Mai übernimmt, bereits einiges an Gemüse, das der Landwirt vorgezogen und gepflanzt hat. Und den Rest der Saison braucht man nur gießen und jäten - und ernten. Solche "Selbsterntegärten", wie sie auch genannt werden, gelten als bester Weg für Einsteiger.

Privat-öffentliches Bürgersteiggärtlein in Berlin (Foto: Martin Rasper)
Die Ackerhelden sind nur eines von vielen Beispielen für eine neue Entwicklung: Die Deutschen gärtnern wie verrückt. Besonders in den Städten. Das Treiben hat viele Facetten und viele Namen: Urban Gardening, City Farming, Gemeinschaftsgärten, Guerilla Gardening, mobile Landwirtschaft, Stadtlandwirtschaft, urbane Subsistenz. Selbst der Schrebergarten hat sein Spießerimage abgelegt und ist salonfähig geworden. Und immer häufiger sieht man auf Bürgersteigen und Verkehrsinseln, an Baumscheiben und Grünstreifen kleine Beete, die jemand dort angelegt hat und seither pflegt. Einfach so.  

Am aufsehenerregendsten sind sicherlich die neuartigen urbanen Gartenprojekte. Der 2009 eröffnete Prinzessinnengarten in Berlin, der auf einer 6000 Quadratmeter großen Brache in Kreuzberg  Kräuter und Gemüse anbaut, ist längst zum Anziehungspunkt des Viertels avanciert, seine Gründer sind gefragte Gesprächspartner auf Podien und in Talkshows. In Hamburg ist das "Gartendeck" auf dem Dach einer Tiefgarage mitten in St. Pauli aktiv, in Köln werkelt die Initiative "Neuland" auf einer ehemaligen Industriebrache. In Leipzig betreibt die "Initiative für zeitgenössische Stadtentwicklung" den Nachbarschaftsgarten "Annalinde", in Dresden belebt der "Aprikosengarten" den Stadtteil Pieschen, in München zeigt die Initiative "O'pflanzt is!" zwischen Schwabing und Neuhausen, wie Hochbeete und Biotope auch aus Recyclingmaterial entstehen können. Ob in Hannover oder Nürnberg, Kassel oder Bielefeld oder in einem von Hunderten weiterer Projekte (allein in Berlin gibt es drei Dutzend) - überall wird mitten in der Großstadt ökologisches Gemüse gezogen.  

Wer sein eigenes Gemüse anbaut, kann mitreden

Was ist da los? Den urbanen Gärtnern, sagen Soziologen, geht es schlicht um alles: darum, etwas Sinnvolles zu tun, gemeinsam mit anderen; nicht zuletzt auch darum, den öffentlichen Raum mitzugestalten. Es geht ganz grundsätzlich ums Pflanzen, Säen, Ernten. Um Selbstversorgung, um frisches gesundes Gemüse. Darum, wieder teilzuhaben am Prozess der Lebensmittelerzeugung.

Im Gartenprojekt Ton, Steine, Gärten in Berlin Kreuzberg (Foto: Martin Rasper)
"Die Leute fühlen sich zunehmend abgeschnitten vom Produktionskreislauf der Lebensmittel", urteilen die Soziologen Daniel Dahm und Gerhard Scherhorn. Die immer dreisteren Lügen auf den Verpackungen und die nach wie vor ungebremste Industrialisierung und Vergiftung der Landwirtschaft schärfen das Bewusstsein dafür, wie sehr sich die Food-Industrie von den Bedürfnissen vieler Menschen entfernt hat. Wer dagegen sein eigenes Gemüse anbaut, kann mitreden und lässt sich nicht mehr so leicht für dumm verkaufen.  

Für Christa Müller, ebenfalls Soziologin und zugleich Geschäftsführerin der Stiftungsgemeinschaft Anstiftung und Ertomis, die viele Gartenprojekte unterstützt, ist das, was in den Städten geschieht, deshalb auch mitnichten eine Bewegung "zurück" zu irgendetwas - sondern eine sehr zeitgemäße Neuorientierung. "Modernität bedeutete ja bisher immer, dass man sich nicht selbst versorgen muss", sagt sie, "sondern dass man das delegiert. An die Bauern, an die Supermärkte, an die Lebensmittelindustrie. Und das hat ja auch eine Weile ganz gut geklappt. Aber jetzt spüren immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergeht." Auch die Ackerhelden appellieren genau an dieses Unbehagen: "Ist es nicht Zeit, deinem Essen mal auf den Grund zu gehen? Im wahrsten Sinn des Wortes die Wurzeln zu sehen? Bei uns kannst du damit anfangen."  

Historische Parallelen

Ein interessanter Aspekt an dieser neuen Entwicklung ist, dass sie verblüffende historische Parallelen aufweist. Es gab schon einmal eine Zeit, in der die Menschen in den Städten sich gegen wirtschaftliche und politische Fehlentwicklungen selbst zu organisieren begannen: gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Damals entstand eine Schicht von Industriearbeitern, die kaum eine Wahl hatten, was sie zu essen bekamen; sie waren abhängig von den Händlern in der Nähe ihrer Wohnungen, und diese nutzten ihre Position oft schamlos aus. Überhöhte Preise, gestrecktes Mehl, verfälschter Kaffee und andere Gaunereien waren Alltag. So entstanden die Genossenschaftsvereine, in denen die Menschen begannen, sich ihre Lebensmittelversorgung selbst zu organisieren. Gleichzeitig entwickelte sich der Schrebergarten zum Refugium, das private Autonomie und einen gewissen grundsätzlichen Freiraum versprach.    

Protest gegen die Saatgutindustrie: Beim Urban Gardening geht es auch darum, wer die Kontrolle über die Lebensmittel hat (Foto: Martin Rasper)
Heute geht es den Stadtgärtnern darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die Abhängigkeit von der Agroindustrie und zugleich Alternativen aufzuzeigen. Bei den Überlegungen von Stadtplanern und Politikern, wie unsere Städte zukunftsfähiger werden können, spielt das urbane Gärtnern eine wesentliche Rolle. "Urbanisierung heißt in Zukunft Wachstum der Grünräume", prophezeit der Berliner Architekt und Stadtplaner Friedrich von Borries. Und: "Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr", sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstand des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Zwischen diesen beiden Spannungsfeldern wird sich die Bedeutung des urbanen Gärtnerns entfalten. 

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