Josef Jacobi hat die Upländer Bauernmolkerei mitgegründet (Foto:privat)
23.02.2016
Upländer Bauernmolkerei

Wo die Kühe eckig sind

Vor 20 Jahren beschlossen Biobauern im Sauerland, ihre Milch selbst zu verarbeiten und zu vermarkten. Sie gründeten die Upländer Bauernmolkerei in Usseln. Eine Erfolgsgeschichte. Von Julia Romlewski

Jahrelang musste Bioland-Bauer Josef Jacobi aus Körbecke in Nordrhein-Westfalen seine Bio-Milch zu konventionellen Preisen hergeben. Es fehlte einfach an Verarbeitern in der Region. Jetzt ist Jacobi froh, eine "eigene" Molkerei zu haben. "Das ist schon ein gutes Gefühl." 

Im Flur der Molkereiverwaltung im hessischen Usseln macht eine Kuh Gymnastik. Das lustige Plakat hat Karin Artzt-Steinbrink geschenkt bekommen, weil sie selbst Yoga macht und natürlich viel mit Kühen zu tun hat - oder besser gesagt: mit Milch. Artzt-Steinbrink ist die Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei - der Molkerei mit den blau-weißen eckigen Kühen. Die grinsen von den Schokomilch-Bechern herunter, die gerade im Lagerraum stehen.

Die Upländer Bauernmolkerei wirbt unter anderem mit eckigen Kühen für ihre Bioprodukte (Foto: Julia Romlewski)
Die eckigen Kühe trifft man allerdings vor allem als Hingucker auf Verpackungen im Supermarkt. Für Hofläden und Naturkostgeschäfte gibt es dezentere Verpackungen mit dem Upländer-Logo, dem Schriftzug in einem Oval, darauf.

Auch wenn eckige Kühe und Upländer-Logo auf der Verpackung fehlen, kann Upländer Milch drin sein: Denn die Molkerei füllt auch für die Handelsmarke Alnatura ab. Und die hat wiederum ihre ganz eigenen Verpackungen.

Die Bauernmolkerei  ist eine GmbH, die zu 75 Prozent den Biobauern der Milcherzeugergemeinschaft Hessen gehört. "Die Bauern sind durch Stammeinlagen, die sich nach der Milchliefermenge richten, an der Molkerei beteiligt", erklärt Geschäftsführerin Artzt-Steinbrink. Aber auch einige Privatleute, der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und die Biobauern-Beteiligungs-AG im Sauerland, eine Aktiengesellschaft, die den Biolandbau unterstützt, haben in die Upländer investiert.

Mutiger Schritt

Gewinnausschüttungen gibt es für die Bauern nicht. "Das Wichtigste ist für uns sowieso der Milchpreis", erklärt Bauer Jacobi. Hart war es am Anfang schon. "Wir mussten all unseren Mut zusammennehmen und das Geld zusammenkratzen." Er ist heute Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft und sitzt im Aufsichtsrat der Molkerei.

Die Upländer Bauernmolkerei ist eine reine Bioland-Molkerei. Das war nicht immer so. Als Biobauern sie 1996 gründeten, kam zunächst auch konventionelle Milch in die Tanks. Denn die Bauern hatten eine stillgelegte konventionelle Molkerei übernommen, die auf viel mehr Milch ausgelegt war als die eine Million Liter, welche die damals 18 Bio-Landwirte liefern konnten.

Bereits zehn Jahre zuvor hatten sich Biobauern zu einer Milcherzeugergemeinschaft in Nordhessen (heute die Milcherzeugergemeinschaft Hessen) zusammengeschlossen. Einige ließen ihre Milch in einer kleinen Molkerei im hessischen Sachsenberg verarbeiten. Die Zukunft dieser Molkerei war allerdings unsicher. Darum entschlossen sich die Biobauern, den Schritt zu wagen und ihre Milch selbst zu verarbeiten und zu vermarkten. Als eigene regionale Marke.

Test auf Antibiotikarückstände

33 Millionen Liter Rohmilch, vor allem aus Hessen und Nordrhein-Westfalen, verarbeiten die Upländer derzeit pro Jahr. Reine Bio-Milch. Damit gehören die Upländer nicht zu den großen Verarbeitern von Bio-Milch in Deutschland. Zum Vergleich: Branchenprimus Andechser bekommt pro Jahr rund 88 Millionen Liter Bio-Rohmilch angeliefert. "Ganz groß" ist allerdings auch relativ. Deutschlands größte konventionelle Molkerei DMK verarbeitete 2014 rund 6,7 Milliarden Liter Rohmilch - 76 Mal so viel wie die Andechser.

Laborantin Franziska Kramer macht den Antibiotika-Schnelltest (Foto: Julia Romlewski)
Die Milch wird in der Regel alle zwei Tage abgeholt. Die Bauern melken trotzdem täglich und lagern die Milch bei vier Grad. Kommt die Milch in Usseln an, ist erst einmal das Upländer Labor gefragt: Die Rohmilch wird auf Antibiotika getestet, bevor sie in die großen Tanks geschüttet wird. Laborantin Franziska Kramer erhitzt ein paar Tropfen Milch in einem Testgerät auf 47,5 Grad. Das ist die richtige Temperatur, um Antibiotikarückstände zu ermitteln. Der Schnelltest dauert nur wenige Minuten. Es ist ein bisschen wie bei einem Schwangerschaftstest. Nur dass zwei Striche Entwarnung geben: "Keine Spuren von Antibiotika."

Obwohl der Schnelltest sehr zuverlässig ist, machen die Labormitarbeiter danach noch einen mehrstündigen Test. Sicher ist sicher. Da ist die Milch dann schon längst in einem großen Tank gelandet. Schlägt der zweite Test an, wird es für den Lieferanten teuer. Das aber passiert selten. "Manche Bauern bringen auch selbst Milchproben von einer Kuh, wenn unklar ist, ob die Wartezeit nach einer Antibiotikabehandlung ausreichend war oder wenn womöglich eine kranke Kuh aus Versehen gemelkt wurde", erklärt Artzt-Steinbrink. Die Vorschriften für Bio-Kühe sind streng. Bekommt eine kranke Kuh Antibiotika, darf ihre Milch doppelt so lange nicht verkauft werden wie konventionelle.

Kunden zahlten freiwillig mehr

Seit 2009 verarbeitet die Molkerei keine konventionelle Milch mehr. Es gab inzwischen genug Biobauern, die an die Upländer lieferten. Vier Jahre zuvor hatte es noch kritisch ausgesehen: Die Milchpreise waren im Keller, denn die Discounter hatten angefangen, Milch unter dem Einkaufspreis zu verkaufen. Da die Preise für Bio-Milch damals noch an die konventionellen Preise gekoppelt waren, bekamen auch die Bio-Bauern zu wenig für ihre Milch: 35,7 Cent pro Liter zahlten die Molkereien im Schnitt nur noch. Einfach den Verkaufspreis für die eigenen Milchprodukte erhöhen - das trauten sich die Upländer nicht. "Da hätte der Handel auch nicht mitgemacht", erklärt Artzt-Steinbrink.

Die eckigen Kühe begrüßen jeden Kunden des Upländer Hofladens (Foto: Julia Romlewski)
Die Upländer hatten eine andere Idee. Die Kunden sollten freiwillig fünf Cent mehr bezahlen. Die Kunden machten mit, der Absatz der Upländer stieg um bis zu 30 Prozent. "Das war ein schöner Erfolg", erinnert sich die Geschäftsführerin. Zwei Jahre später führten die Upländer dann für alle ihre Produkte faire Preise ein. Neben Milch gibt es auch Rahm, Butter, Schmand, Buttermilch oder Handkäse aus Usseln.

2015 waren die Preise für Bio-Milch auf einem historischen Hoch von durchschnittlich knapp 49 Cent pro Liter. Die Upländer Bauernmolkerei allerdings kann ihren Mitgliedern nicht ganz so viel zahlen. Dabei, sagt Bauer Jacobi, waren sie mal bundesweit an der Spitze.

Dass das gerade nicht mehr so ist, liegt an den Restschulden, die die Molkerei wegen eines Käse-Abenteuers noch hat. Denn 2011 kauften die Upländer eine Käserei dazu. "Es lief gut, wir wollten expandieren und uns ein zweites Standbein aufbauen", erklärt Artzt-Steinbrink. Das aber ging schief. Um die Käserei auszulasten, mussten sie auch konventionellen Käse anbieten. "Den konnten wir aber nicht so billig herstellen wie der Handel das wollte."

Zwei Jahre später meldete die Käserei Insolvenz an. Ergebnis: Fast vier Millionen Euro Schulden, Zwist und Streit in der Bauerngemeinschaft. Mehr als 40 Bio-Bauern warfen der Geschäftsführung Versagen vor und verließen die Molkerei. Die übrigen akzeptierten vorübergehend Milchpreise von nur noch 22 Cent. Harte Zeiten.

Schöne Landschaft: Usseln zieht auch Touristen an (Foto: Julia Romlewski)
In die ehemalige Käserei ist ein Tofuhersteller eingezogen. Und in Usseln schaut man wieder nach vorne und sucht nach neuen Milchlieferanten. 150 Lieferanten waren es vor der Krise, jetzt sind es schon wieder 120.

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