Es könnte auch umgekehrt sein - dass aus Kühen oder Schweinen Plastik wird (Foto: Oliver Haja, pixelio)
03.02.2014
Interview

Wie viele Tüten machen Sie aus einer Kuh, Herr Koller?

Aus Nutztieren kann man Plastik machen. Das sagt zumindest Martin Koller. Er tüftelt an der Uni Graz an einer Methode, wie man aus Schlachtabfällen Kunst- und Treibstoff herstellen kann.

IM FOKUS: Wie kommt man eigentlich darauf, aus Schlachtabfällen Plastik herzustellen?

Koller: Dem Projekt Animpol liegen drei Überlegungen zu Grunde: Erstens müssen wir Alternativen zum Erdöl finden. Erdöl ist eine endliche Ressource, und auch die Preise steigen immer mehr. Außerdem ist die Verwendung von auf Erdöl basierenden Produkten nicht besonders umweltfreundlich. Zweitens soll diese Alternative nicht in Konkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln treten. Und drittens soll die Herstellung möglichst wenig kosten. Die Ausgangsstoffe, die wir verwenden, würden nicht nur im Müll landen, ihre Entsorgung bedeutet heute sogar Kosten für jene Industriebetriebe, in denen sie anfallen.  

IM FOKUS: Das Ganze hat also Vorteile für Umwelt und Geldbeutel?

Koller: Genau. Wir sparen uns die Ackerfläche, den Anbau inklusive den gesamten Kosten für Düngung, Ernte und so weiter sowie weite Transporte. Schlachthäuser gibt es ja fast überall. Und Gentechnik ist bei uns an Tieren sowieso nicht erlaubt. Die Lipide, also die Fette, die wir verwenden, werden normalerweise entsorgt, beziehungsweise thermisch verwertet. Wir können also ein Abfallprodukt nutzen. Und deshalb ist es billiger, Bio-Plastik auf diesem Weg herzustellen.  

IM FOKUS: Wie viel spart man denn dabei?

Koller: Im Vergleich zu Bio-Plastik , das auf der Basis von stärkehaltigen Pflanzen produziert wird, ist unser Bio-Plastik aus Fett rund 50 Prozent günstiger. Denn der Anbau von Mais und Zuckerrüben verschlingt rund die Hälfte der Herstellungskosten.  

IM FOKUS: Welche weiteren Vorteile hat Bio-Plastik aus Lipiden?

Martin Koller mit einer Tüte Schlachtabfällen (Foto: Animpol)

Zur Person:

Martin Koller arbeitet am Institut für Biotechnologie und Bioprozesstechnik der TU Graz. Dort leitet er das EU-Projekt Animpol. Hier wird daran geforscht, wie man aus Tierabfällen Kunststoff und Treibstoff erzeugen kann. Denn jährlich fallen europaweit rund eine halbe Million Tonnen Lipide, also Fette, aus Schlachthöfen und Tierkörperverwertungsanstalten an. Davon wird der Großteil verbrannt.

Koller: Da es biologisch abbaubar ist, können wir es sehr gut in der Medizin verwenden. Fäden, die sich im Körper nach einer Naht binnen kurzer Zeit selbst auflösen, gibt es ja schon. Wir können da aber noch viel weiter gehen. Ein Beispiel aus der Kinderchirurgie: Wenn sich ein Kind den Oberschenkel bricht, wird bislang ein Implantat aus Titan eingesetzt, damit das Bein stabil bleibt. Dieses Implantat muss aber in einer weiteren Operation wieder herausgeholt werden, sobald die Knochen wieder zusammengewachsen sind. Mit einem Bio-Plastik-Implantat wird diese Operation überflüssig, denn es löst sich selbst im Körper auf. Bis ein solches Implantat am Markt ist, dauert es aber noch ein paar Jahre. Demnächst testen wir das Bio-Plastik an Ratten und Schafen. Es sieht aber bereits sehr vielversprechend aus.  

IM FOKUS: Wie viele Plastiktüten können Sie denn aus einer geschlachteten Kuh machen?

Koller: Grundsätzlich ergibt eine Tonne Lipide 0,7 Tonnen Bio-Plastik. Eine Kuh hat rund fünf Prozent Körperfett, das als Schlachtabfall übrigbleibt. Eine Kuh wiegt im Schnitt 600 Kilo. So können wir 30 Kilo Fett pro Kuh nutzen. Also sagen wir 20 Kilo Bio-Plastik. Das ist jetzt aber wirklich ein sehr theoretischer Wert.  

IM FOKUS: Und ab wann liegen Ihre Bio-Plastik-Tüten in den Geschäften?

Koller: Das Projekt geht noch bis Ende diesen Jahres. Dann soll es eine Pilotanlage geben. Wir haben aber schon viele Firmenanfragen. Das gilt auch für die Nebenprodukte.  

IM FOKUS: Die da wären?

Koller: Bio-Diesel. Das ist ein Vorprodukt vom Bio-Plastik. Der Treibstoff ist sehr langkettig, es gibt also viele Kohlenstoffmoleküle in einer Reihe. Das Problem beim Bio-Diesel aus Schlachtabfällen ist, dass er leicht gefriert. Aber Bakterien können die leicht gefrierenden Anteile zu Bioplastik verwerten. Mit dem verbleibenden Rest lässt sich fahren. Dieser Bio-Diesel ist übrigens schon auf dem Markt. Wir wissen, dass sich Plastik und Treibstoff aus Schlachtabfällen gut und günstig herstellen lassen, aber bis das alles in großen Umfang produziert wird, wird es noch etwas dauern.  

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

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