Sojafeld in Bayern: Das meiste Soja in Deutschland wächst im Süden (Foto: Florian Jobst)
20.05.2015
Bio und Soja

Der Hunger nach Proteinen

Soja ist schwer gefragt. Weltweit essen wir aber nur zwei Prozent der Bohnen. Das meiste wird verfüttert. Das Problem: Es wird bei uns nicht genug Soja angebaut, auch Biobauern sind auf Importe angewiesen. Das soll sich ändern. Von Julia Romlewski

Eigentlich klingt es nach einem richtig guten Geschäft. Trotzdem ist Florian Jobst eher die Ausnahme in Deutschland. Der Biobauer baut bei Dingolfing in Bayern auf fünf Hektar Acker Sojabohnen an, vor allem als Futter für Schweine und Geflügel. Jobst wollte etwas Neues ausprobieren und die Fruchtfolge auflockern, sagt er. Und ist zufrieden - mit der Ernte des vergangenen Jahres und mit den Einnahmen auch. "Die Preise für Soja sind sehr gut."

"Soja ist die teuerste Komponente im Futter", bestätigt Rudolf Joost Meyer zu Bakum, der seit 25 Jahren Biofuttermittel vertreibt. Weil die Bohne nicht überall wächst, weniger Ertrag bringt als andere Pflanzen und erst noch geröstet oder getoastet, also dampferhitzt, werden muss, damit Hühner und Schweine das Eiweiß gut verdauen können. Für europäische Bio-Bohnen werden derzeit pro Tonne 650 bis 800 Euro bezahlt- doppelt so viel wie für Getreide. 

Was kostet Soja?

Für europäische Soja-Futterbohnen zahlt man derzeit 900 bis 1000 Euro pro aufbereitete Tonne. Sojabohnen aus China liegen deutlich drunter, sie sind im Schnitt 20 Prozent günstiger und werden meist für Biofutter hergenommen, das nur dem EU-Ökostandard entsprechen muss und nicht den strengeren Richtlinien der Bio-Anbauverbände. Zum Vergleich: Andere Bestandteile von Bio-Futtermischungen für Schweine und Hühner sind zum Teil um die Hälfte günstiger. Getreide liegt bei 300 bis 400 Euro pro Tonne, Futtererbsen bei 400 bis 500 Euro und Sonnenblumenkuchen bei 400 Euro. Der Preis für konventionelle Sojabohnen liegt bei 350 bis 450 Euro pro Tonne.

Soja ist eine der wichtigsten Eiweißquellen für Schweine, Rinder und Geflügel weltweit. "Weil die Bohne so viele essentielle Aminosäuren enthält", erklärt Soja-Expertin Ann-Kathrin Spiegel vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl). Das ist gut für die Mast und die Eierproduktion. Soja galt bei uns aber lange als exotisch und nicht fürs hiesige Klima geeignet. Wahrscheinlich gibt es deshalb noch so wenig Anbauer in Deutschland und Europa.

Viel zu wenige. Das Sojaprotein, das Bauern bei uns verfüttern, stammt überwiegend aus Übersee. Das ist auch in der ökologischen Landwirtschaft so - was nicht gerade dem Ökogedanken von regionalen Kreisläufen entspricht.

Risiko Gentechnik

Die Abhängigkeit von Übersee ist auch bedenklich, was Transparenz und Kontrollen angeht. Und es wird immer schwieriger, gentechnikfreie Ware zu garantieren. Früher kauften Biofuttermittelhersteller auch Soja aus Kanada und den USA ein. Das geht heute kaum noch. Das Risiko, verunreinigte Bohnen zu erhalten, ist zu hoch.

Viele Biofuttermittelhersteller sind daher auf China, Brasilien und Indien ausgewichen. 40 Prozent der Sojabohnen, die als sogenannter Sojakuchen in Deutschland auf dem Markt sind, stammen zurzeit aus diesen drei Ländern, 30 Prozent aus anderen EU-Ländern und mickrige sechs Prozent von deutschen Äckern.

So hoch standen die Sojapflanzen am 1. Juli 2014 in Bayern (Foto: Florian Jobst)
Für Bioland-Futtermittelanbieter wie Meyer zu Bakum kommt Import-Soja aus China nicht infrage. Man behilft sich anders: Die Vermarktungsgesellschaft Bioland Markt etwa ist schon länger dabei, ein eigenes europäisches Lieferantennetz in Osteuropa aufzubauen.

In mehreren Ländern pflanzen ausgewählte Bauern Soja an. "Unser oberstes Gebot sind direkte Geschäfte mit den Bauern", erklärt Einkaufsleiter Graf. "Es gibt keine Händler dazwischen. Außerdem holen wir die Bohnen direkt bei den Erzeugern ab." Sie werden in Deutschland weiterverarbeitet und dann an Mischfutterhersteller verkauft. So soll verhindert werden, dass Betrügereien wie unlängst mit dem pestizidbelasteten Bio-Sonnenblumenkuchen aus der Ukraine passieren können.

Die meisten Bioland-Sojabohnen kommen zurzeit aus Rumänien und Kroatien: Mehrere Betriebe bauen dort jährlich 10.000 bis 12.000 Tonnen Sojabohnen für die Bioland Markt GmbH an. Auch der österreichische Verein Donau Soja ist entlang der Donau aktiv, um den Anbau von gentechnikfreiem Soja in Europa zu fördern - bio und konventionell. "Die meisten Verbraucher wollen ja eine gentechnikfreie Fütterung", erklärt Fibl-Expertin Spiegel.

Die Sojabohne ist eine Diva

Das hat auch die Politik erkannt, 2012 rief die Bundesregierung eine nationale Eiweißstrategie ins Leben. Sie will mehr Bauern motivieren, Eiweißpflanzen anzubauen. Für Soja gibt es in Süddeutschland, dem Hauptanbaugebiet für Soja in Deutschland, am Rhein oder auch in Ostdeutschland inzwischen diverse Feldversuche, um geeignete Sorten zu finden.

Immerhin bewegt sich etwas: Die Anbaufläche von Soja in Deutschland ist sprunghaft angestiegen. 17.000 Hektar sind es Schätzungen zufolge inzwischen -  mehr als acht Mal so viel wie noch 2009.

2018 wird es eng

Auf den 17.000 Hektar werden allerdings nicht nur Futterbohnen angebaut, sondern auch Bohnen für Sojamilch und Tofu. Der Bio-Anteil dürfe bei 2000 Hektar und mehr liegen, und damit immerhin doppelt so hoch wie 2013. Genau weiß man es nicht, weil die Soja-Anbauer nicht statistisch erfasst werden. 

"Die Sojabohne ist die Diva unter den Hülsenfrüchten. Sie hat hohe Ansprüche an Klima und Pflege", sagt Berthold Weber. Der Bioland-Bauer baut seit zwei Jahren in Baden-Württemberg Soja an. Die Sojabohne muss noch dringend züchterisch bearbeitet werden, damit sie besser zu unserem Klima passt, sagt er. "Für mich ist das aber ein realistischer Ansatz, um endlich vom Import-Soja wegzukommen."

Die Soja-Versorgungsfrage ist für die Biobranche relativ neu. "Früher, als wir noch zehn Prozent und mehr konventionelle Eiweiß-Zusätze verwenden durften, brauchten wir Soja eigentlich nicht", sagt Unternehmer Meyer zu Bakum. Fünf Prozent sind derzeit nach EU-Ökoverordnung noch erlaubt. Aber nur bis 2018. Dann soll Schluss sein. Hundert Prozent Biofütterung lautet das Ziel, da sind sich eigentlich alle einig. Das erwarten auch die Verbraucher.

Anbau in Osteuropa

Über das Wie zerbricht man sich allerdings noch den Kopf. Denn wenn konventionelles Kartoffeleiweiß und konventioneller Maiskleber ganz verboten werden, droht eine zusätzliche Eiweißlücke von bis zu 8000 Hektar. So die Schätzung der Gesellschaft für ökologische Tierernährung, dem Dachverband der Biofuttermittelhersteller. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 32.000 Hektar aus. Bereits jetzt braucht man für den deutschen Sojabedarf von rund 30.000 Tonnen 10.000 bis 12.000 Hektar im Ausland.

"Für eine komplette heimische Versorgung mit Bio-Soja reichen die Flächen in Deutschland wohl nicht", meint Bernhard Graf, Einkaufsleiter der Vermarktungsgesellschaft Bioland Markt. Was die Biobranche aber schaffen kann: die Importe aus Übersee zu minimieren. "Es sollte möglich sein, in den nächsten zehn Jahren zu 90 Prozent Bio-Soja aus Europa zu beziehen", sagt Graf. Denn anderswo ist das Klima günstiger, es sind Flächen da und Bauern, die bereit sind, auf Bio-Soja umzustellen.

Allein auf Soja zu setzen scheint allerdings nicht die Lösung zu sein. "Die Eiweißversorgung der Zukunft muss ein Strategiemix sein", meint etwa Fibl-Expertin Spiegel. Das heißt, auch den Anbau heimischer Eiweißpflanzen wie Lupine, Luzerne und Kleegras zu fördern, die auf deutschen Äckern kaum noch zu entdecken sind. "Wenn wir auf einen Mix setzen, dann ist eine heimische Versorgung mit Bio-Soja in Europa möglich, vielleicht sogar in Deutschland."

Vor allem von den Blättern der eiweißhaltigen Luzerne versprechen sich Experten viel. An der Uni Kassel etwa wurde dazu geforscht. Das Ergebnis: ein Blattmehl-Extrakt, das noch dieses Jahr auf den Markt kommen könnte. Derweil sucht der Ökolandbau eifrig weiter nach neuen Proteinquellen. Experimentiert wird etwa mit bakteriell hergestelltem Eiweiß. Chancen sehen Forscher auch in der Verarbeitung von Fliegenlarven zu proteinreichem Mehl. Zugegeben, klingt nicht gerade appetitlich, aber Hühner und Schweine dürften sich nicht daran stören. Sie sind nun mal Allesfresser.

Der Vorteil: Die Larven sind anspruchslos. Man kann sie so ziemlich mit allem füttern, was auf einem Bauernhof so abfällt: zum Beispiel mit Mist, Speiseabfällen, Grünschnitt oder Kompost. In Südafrika wird Insektenmehl bereits hergestellt, in der EU ist es als Futtermittel nicht zugelassen. Noch nicht.

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