Kraut stampfen im Rhythmus der Musik: Bei der Aktion Sauer Crowd lud Slow Food zum Selbermachen von Sauerkraut ein (Foto: Udo Tremmel)
21.12.2013
Interview mit Slow-Food-Vorsitzender

"Schnecken sind überhaupt nicht mein Fall"

Kein Verein steht so sehr für Esskultur wie Slow Food. An erster Stelle steht dabei stets der Genuss - der soll vor allem regional und ökologisch sein.

IM FOKUS: Die Schnecke ist das Symbol für Slow Food. Essen Sie gerne Schnecken?

Hudson: Als Gärtnerin sollte ich das wahrscheinlich - aber nein, Schnecken sind überhaupt nicht mein Fall. Die Schnecke in unserem Logo steht vielmehr für die Zeit, die man sich beim Zubereiten und Genießen von guten Essen nehmen sollte.

IM FOKUS: Gutes Essen kostet. Viele Menschen können sich das nicht leisten...

Ursula Hudson ist die Vorsitzende von Slow Food Deutschland (Foto: Slow Food)
Hudson: Ja das stimmt auf den ersten Blick, aber da ist grundsätzlich etwas falsch dran. Denn genauer betrachtet müssten unsere Lebensmittel mehr kosten. Über unsere Steuergelder, also EU-Zuwendungen, bekommen wir zwar vermeintlich günstige Lebensmittel auf den Tisch. Aber die Kosten verschmutzter Böden und Wasser sind da nicht einberechnet. Also muss die Steuergemeinschaft ein zweites Mal zahlen: Etwa, wenn das Grundwasser von den Rückständen von Pestiziden und Düngern gereinigt werden muss. Der Preis wird also künstlich niedrig gehalten. Sonst gäbe es keine so große Preisspanne zwischen Bio- und konventionellen Produkten.

IM FOKUS: Dagegen kann der einzelne aber nichts tun.

Hudson: Doch. Indem man sich für die Zusammenhänge, in denen unsere Lebensmittel stehen, interessiert. Das fängt damit an, dass man sich Zeit für gutes Essen nimmt. Zum Beispiel wenn man direkt da einkauft, wo Menschen ökologisch und nachhaltig Lebensmittel erzeugen, wenn man saisonal einkauft und kocht. Das ist übrigens auch durchaus günstig.

IM FOKUS: Aber muss nicht auch die Politik einen entsprechenden Rahmen setzen?

Hudson: Natürlich muss auch die Politik in die Pflicht genommen werden. Die müsste etwa dafür sorgen, dass keine Subventionen mehr an die Agrarindustrie gezahlt werden. Aber auch der Verbraucher hat eine Macht, die er nicht unterschätzen darf. So gibt es zum Beispiel so gut wie keine Käfig-Eier mehr in den Supermärkten. Leider gibt es sie noch in verarbeiteten Produkten, dennoch ist die Verweigerung des Verbrauchers was Käfighaltungseier angeht, ein Signal der Käufer, das die Produzenten ernstgenommen haben.

IM FOKUS: Ist Essen also auch politisch?

Hudson: Durchaus –  jedes Mal, wenn wir essen, entscheiden wir darüber, welches System der Lebensmittelerzeugung wir unterstützen – ein nachhaltiges, oder ein nicht-nachhaltiges.

IM FOKUS: Brauchen wir eine Chips-Steuer wie in Ungarn?

Hudson: Nein, wir setzen darauf, dass das Interesse und die Freude des Einzelnen am Essen ausreicht, um maßvoll mit sich und dem Essen umzugehen. Die Kenntnis und das Wissen um unsere Lebensmittel, die bewusstes Handeln ermöglichen, sind viel wichtiger als Steuerung von außen, durch Steuern etwa. Gesundheit ist zu einem gewissen Grad ein recht relationaler Begriff. Was gerade als gesund beziehungsweise ungesund bewertet wird wechselt immer einmal wieder. Von "bösen" Fetten über "böse" Kohlenhydrate hatten wir schon alles Mögliche. Auf solche Gesundheitsforderungen kann die Lebensmittelindustrie recht gut reagieren. Das rohe, unverarbeitete Lebensmittel jedoch nicht. Bei einer Karotte kann man nun mal nicht einfach die Herstellung oder Zutaten verändern – je nachdem, was gerade „in“ ist.

IM FOKUS: Esskultur ist neuerdings richtig zum Thema geworden. Wird Essen immer mehr zum Event?

Hudson: Ja, das kann man schon beobachten. Die Fülle der Kochsendungen etwa ändert aber nicht das Essverhalten der Menschen. Kochsendungen finden meist zu einer Zeit statt, in der man normalerweise isst. Da wird Essenszubereitung zur Unterhaltung. Auch Märkte, die nur alle vier Wochen stattfinden, sind zwar schön, ändern aber nichts an Einkaufsgewohnheiten. Das ist alles eher eine Ersatzhandlung. Toll ist, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, sich mit der Erzeugung unserer Lebensmittel auseinanderzusetzen, auch in der Großstadt, sei es beim gemeinsamen Gärtnern oder Kochen. Da geht es dann um mehr als bloßes Entertainment.

IM FOKUS: Slow Food plädiert immer wieder für eine Geschmacksbildung – lässt sich über Geschmack tatsächlich streiten?

Hudson: Absolut. Nur wissen viele Leute gar nicht mehr, was Geschmack eigentlich ist und für uns bedeutet, weil sie keine Vergleiche anstellen. Nur wenn man viel probiert, trainiert man seine Sinne.  Beim Wein ist es ja auch ganz üblich zu einer Verkostung zu gehen. Aber bei Wurst ist das wohl nicht so schick. Zu unrecht. Wofür sich Slow Food einsetzt ist der Erhalt der geschmacklichen Vielfalt, gegen die Geschmacksverflachung, die sich durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung eingeschlichen hat.

IM FOKUS: Slow Food hat einen Genussführer herausgegeben. Dort finden die Leser eine Übersicht von Lokalen, die sich um qualitativ wertvolle Produkte und regional spezifische Verarbeitungsweisen bemühen. Der bekannteste Restaurant-Führer ist aber der von Michelin. Gibt es denn Ansätze, dass sich die Kriterien für einen Michelin-Stern ändern?

Hudson: Es gibt einen Trend, der erkennen lässt, dass sich die Hochküche um eine Wiederentdeckung traditioneller Lebensmittel kümmert. Wenn die Sterneküche die regionalen Besonderheiten anpackt, dann interessieren sich auch andere dafür. Leider sind die Kriterien für einen Stern oft ganz andere - das fängt schon bei der Wahl der passenden Tischdecke an.

IM FOKUS: Was würde niemals bei ihnen auf den Teller kommen?

Hudson: Froschschenkel oder Krokodilfleisch z.B. - das würde ich nie im Leben hinunter bekommen. Bei manchen Speisekarten muss man sich wirklich fragen, ob man das jetzt auch noch braucht.

Das Interview führte Magdalena Fröhlich

Slow Food

Slow Food ist eine weltweite Bewegung, die sich für eine lebendige und nachhaltige Kultur des Essens und Trinkens einsetzt. Der Verein tritt für die biologische Vielfalt ein, fördert eine nachhaltige, umweltfreundliche Lebensmittelproduktion, betreibt Geschmacksbildung und bringt Erzeuger von handwerklich hergestellten Lebensmitteln auf Veranstaltungen und durch Initiativen mit Ko-Produzenten (Verbrauchern) zusammen.

Slow Food Deutschland wurde 1992 gegründet und ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin. Die Slow Food Bewegung zählt Ende 2013 in Deutschland über 13.000 Mitglieder in rund 80 Convivien (lokalen Gruppen), weltweit sind es mehr als 100.000 Menschen in über 150 Ländern.

Ursula Hudson:

Ursula Hudson, Jahrgang 1958, ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Außerdem lehrt sie an den Universitäten Cambridge und Oxford. Seit 2009 ist sie im Vorstand von Slow Food Deutschland. An der Uni lautete ihre erste Aufgabe eine Ausstellung zum Thema "Buch und Essen" zu gestalten, seither beschäftigt sie sich mit den Fragen, woher unser Essen kommt und wie es erzeugt wird.

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