Das Schaf hat in Deutschland an Bedeutung verloren (Foto: Sebastian Schäfer)
17.06.2015
Viehzucht in Deutschland

Wo sind die Schafe geblieben?

Wann ist Ihnen das letzte Mal eine Schafherde über den Weg gelaufen? Wahrscheinlich ist das schon eine ganze Weile hier. Denn in Deutschland gibt es immer weniger Schafe. Und die letzten ihrer Art führen nur noch selten ein Nomadenleben. Von Julia Romlewski

Friedliche Tiere, die auf einer saftigen Wiese grasen, während der Hirte unter einem Baum im Schatten ruht, und vielleicht ein wenig auf einer Flöte spielt. Es sind solch idyllischen Bilder, die uns meistens in den Sinn kommen, wenn wir an Schafe denken. Nur: Wo sind sie geblieben, die Schafe?

Vor hundert Jahren liefen in Deutschland noch jede Menge Schafe herum. Auf sechs Einwohner kam rechnerisch ein Schaf. Heute ist das Verhältnis 50 zu 1. Zehn Millionen Schafen waren es damals. Heute sind es laut dem Bundesverband der Berufsschäfer höchstens noch 1,6 Millionen - und es werden immer weniger. 

Dabei gehören Schafe zu unseren ältesten Nutztieren. Sie sind recht anspruchslos, liefern Wolle, Milch und Fleisch und pflegen nebenbei als sanfte Rasenmäher auf vier Beinen auch noch die Landschaft. Eigentlich ein prima Gesamtpaket.

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Doch die Zeiten haben sich geändert. Von der Wolle seiner Schafe kann kein Schäfer in Deutschland mehr leben. Die meisten von uns laufen heute in Pullis aus Baumwolle oder Synthetik herum. Legen sie sich einen Wollpulli zu, kommt der - wie die meiste andere Kleidung auch - in der Regel aus Asien. "In Westeuropa wird kaum noch Wolle verarbeitet", bestätigt Günther Czerkus vom Bundesverband Berufsschäfer. Ihre Wolle aber beziehen die Asiaten günstig aus Australien oder Neuseeland. Dort ist Platz für riesige Herden, Platz, den Schäfer bei uns nicht haben.

Die Billig-Importe drücken die Preise: Vor der Wiedervereinigung bekam ein Schäfer in Deutschland noch vier Mark für ein Kilo Wolle. Heute sind es nur noch 80 Cent für Mischwolle und vielleicht 1,40 Euro für feine Merinowolle. Oft bekommen die Schäfer aber auch gar nichts dafür und sind froh, wenn der Scherer die Wolle kostenlos mitnimmt. Scheren muss der Schäfer seine Tiere auf jeden Fall. Denn die meisten Schafe wurden auf viel Unterwolle gezüchtet, die sie ohne Hilfe nicht loswerden.

Will niemand die Wolle haben, landet sie auf dem Müll oder auf dem Komposthaufen. "Wir halten Waldschafe, das ist eine rauwollige Rasse. Da es in Deutschland keine Wollwäscherei mehr gibt, bei der man die eigene Wolle auch in kleineren Mengen wieder zurückbekommt, kompostieren wir die Wolle", sagt etwa Bioland-Schäferin Maria Peters. "Ich verkaufe die Rohwolle an jemanden, der sie ins Holz hängt, um die Rehe zu verscheuchen. Es soll funktionieren", sagt ihre Berufskollegin Angela Lösing. Manch ein Schäfer nutzt die Wolle auch als Wärmedämmung im Haus. 

Beim Scheren (Foto: Sebastian Schäfer)
Aber auch vom Fleischverkauf allein können die meisten Schäfer nicht leben. Die Deutschen sind nicht mehr besonders scharf auf Lamm -  laut der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände essen sie im Schnitt gerade mal 900 Gramm pro Jahr. Das Hauptgeschäft läuft zu Ostern und zum türkischen Opferfest. 

Viele Schäfer fühlen sich müde, weil sie viel mehr Schafe halten müssen als früher. In den Fünfzigern und Sechzigern galten 400 Schafe als stolze Zahl. "Und 200 Schafe galten als ordentlich. Davon hat man heute kein Auskommen mehr", , sagt Schäfer Czerkus. Das mittlere Jahreseinkommen einer Schäferfamilie liegt sowieso nur bei 25.000 Euro.

Czerkus selbst hat 500 Mutterschafe, mit denen er Landschaftspflege betreibt. Je mehr Schafe aber, desto mehr Arbeit fällt an und desto länger wird der Schäfer-Arbeitstag. Er muss Wasser herbeischaffen, Klauen schneiden, scheren, Geburtshilfe leisten, kontrollieren, ob es den einzelnen Tieren auch gut geht. Studien legen nahe, dass alles, was über 350 Mutterschafe hinausgeht, eigentlich eine Zumutung ist. 

Und dann ist da noch die lästige Vorschrift, jedes Tier elektronisch zu kennzeichnen. Noch so ein bürokratischer Irrsinn, der den Schäfern zu schaffen macht, meint Czerkus. Hinzu kommen strenge Hygienevorschriften für Direktvermarkter und eine immer schlechtere Infrastruktur, weil es immer weniger lokale Schlachter gibt. "Das alles und die wirtschaftlichen Probleme drücken den Schäfern ziemlich aufs Gemüt."

Kaum noch Wanderschäfer

Dabei lieben sie ihren Beruf eigentlich sehr. Auch wenn sie mit ihrer Herde nicht mehr einfach quer durchs Land ziehen können wie früher. Dazu ist Deutschland inzwischen viel zu sehr zugeplastert. Straßen, Autobahnen und Bahnlinien versperren die Triebwege.

Und es fehlen Futterflächen. Denn viele Bauern lassen keine Schafe mehr zum Abfressen auf ihre Felder. Sie spritzen lieber. "Feldfrüchte fallen für uns so weitestgehend flach", sagt Czerkus. Es kann aber auch noch einen anderen Grund geben, wenn Bauern keine Schafe mehr bei sich stehen haben wollen: aus Ärger über einen Schäfer. Manche pflegen die anvertrauten Flächen nicht ordentlich, lassen die Tiere zu lange am selben Fleck stehen, sodass der Boden vermoddert, verrät ein Insider. "So kann man es sich natürlich auch mit den Bauern verscherzen." Solche Probleme kennt Bioland-Schäfer Achim Koop in Wesel in Nordrhein-Westfalen nicht. Er hat Kooperationen mit mehreren befreundeten Biobauern.

Viele der 2000 Berufsschäfer, die es noch gibt, kommen nur mit Agrarförderung und Landschaftspflege halbwegs über die Runden: Sie beweiden Natur- und Wasserschutzgebiete, Grünstreifen in Städten oder an der Autobahn, Solarparks und Deiche.

Texel-Schafe auf dem Deich (Foto: Sebastian Schäfer)
Auf den Deichen machen sich allerdings immer öfter Biogasbetreiber breit. "Der Schäfer bekommt die Deichpflege dann nicht mehr", erklärt Schäfer Czerkus. Statt der Schafe kommt dann die Mähmaschine, das Gras landet in der Gäranlage anstatt im Schafmagen. Dabei sind Schafe eigentlich die besseren Rasenmäher. Sie beißen tief ins Gras, sodass sich dieses mit der Zeit verdichtet und fester wird, treten den Boden fest und schaufeln Löcher wieder zu, die Wühlmäuse oder Maulwürfe gegraben haben. All das macht den Deich stabiler und schützt vor Hochwasser.

Die Schäfer tun also jede Menge für den Erhalt von Grünland. Das aber wird von der Politik nicht ausreichend honoriert, klagen sie. Im Gegenteil: 2005 wurde auch noch die Mutterschafprämie abgeschafft. Seitdem werden die Subventionen für Schäfer wie für Landwirte nach der Betriebsfläche berechnet. Viele Schäfer aber haben wenig eigene Flächen.

Die Folge dieser Agrarpolitik: Die Schafzahlen schrumpften weiter drastisch. Allein in Bayern zählte man acht Jahre nach der Agrarreform 25 Prozent weniger Schafe. "Es wird viel zu wenig für uns getan. Dabei machen wir doch genau das, was die Gesellschaft von Tierhaltern fordert: Wir halten die Schafe draußen und versorgen sie übers Grünland", sagt Stefan Völl, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände. Er wünscht sich die Tierprämie zurück.

René Gomringer vom Landesverband bayrischer Schafhalter will die schlechte Stimmung mancher Kollegen so nicht teilen. In Bayern gibt es durchaus Schafhalter, die gut zurechtkommen, sagt er. "Zum Beispiel dann, wenn der Schäfer Landschaftspflege und Direktvermarktung von Lammfleisch kombiniert." Es stimme auch nicht, dass niemand mehr Schäfer werden wolle. Es gebe allerdings wenig Schafhalter, die es sich leisten könnten, einen ausgebildeten Gehilfen einzustellen. Trotzdem machen jedes Jahr zehn Menschen in Bayern die Meisterprüfung oder den Gehilfenabschluss. Die meisten arbeiten dann auf dem elterlichen Betrieb mit. Schäfer ist ein Ausbildungsberuf wie jeder andere und dauert in der Regel drei Jahre. 

Schafe im Melkstand von Bioland-Schäfer Sebastian Schäfer (Foto: Sebastian Schäfer)
Bioland-Schafhalter Sebastian Schäfer hat seine Nische gefunden: Schafskäse und Joghurt. 120 Milchschafe hält er, hat 30 Hektar Weide gepachtet. "In den Siebzigern gab es Milchschafe nur in Hobbyhaltung", erzählt Schäfer. Dann aber setzte die Raus-Aufs-Land-Bewegung ein. Viele Städter hatten das Buch des Briten John Seymour, dem Apostel der Selbstversorgung, gelesen, und träumten von einem eigenen Stück Land.

Schäfer erfüllte sich diesen Traum, kaufte 1983 sein erstes Schaf. Er begann wie einige andere mit dem Melken im größeren Stil. Und machte auch weiter als die Vorschriften strenger wurden und viele kleinere Schafhalter wieder aufgaben, weil sie ihre Schafsmilch nicht mehr in der eigenen Wohnküche weiterverarbeiten durften.

"Milchschafe sind sicher eine Marktlücke", sagt Gomringer. Trotzdem wird in Deutschland kaum gemolken. Das Landwirtschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen schätzt, dass bundesweit lediglich 10.000 Schafe in den Melkstand kommen. Seltsam eigentlich, ist doch Schafkäse bei den Verbrauchern durchaus beliebt. Gomringer erklärt sich das so: "Die Hürden sind sehr hoch. Man muss heutzutage gleich groß einsteigen und viel Geld investieren." Geld, das viele Schäfer nicht haben.

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