Erdbeeren, Chicorée, Gemüse und Getreide: Der Hof von Andreas (links) und Klaus Engemann in Eissen ist vielfaltig (Foto: Sabine Engemann)
08.04.2015
Zu Besuch in der Bioland-Gärtnerei Engemann

Salat aus dem Keller

Die Basis für den Bioland-Hof Engemann ist rund zwei Meter hoch, drei Meter breit und vierzig Meter lang: ein riesiger Komposthaufen. Sogar etwas so edel Klingendes wie "Champost" steckt hier drin. Was es damit auf sich hat, erfährt bald unser Bloggerin Anja Riedel. Von Magdalena Fröhlich

Auf ein Experiment ist Biolandwirt Klaus Engemann aus dem westfälischen Eissen schon gespannt: Ob Chicorée-Anbau auch zuhause im Keller unserer Bloggerin Anja gut funktioniert. Auch Klaus und sein Bruder Andreas, mit dem er den Biolandhof leitet, haben anfangs lange überlegt, ob sie sich an den Chicorée wagen. "Chicorée ist nämlich etwas kompliziert", sagt Klaus. Erst vor rund 150 Jahren hat man entdeckt, dass man Chicorée-Blätter essen kann. Die Pflanze hieß damals noch Wegwarte, der Chicorée ist die gezüchtete Form daraus und hat größere Blätter. Bevor man die Blätter gegessen hat, war das mit dem Chicorée so: Man hat ihn zum Kaffeekochen benutzt. Kein Scherz, unser Salat war früher einmal Kaffee-Ersatz. Im 17. und 18. Jahrhundert hat man nämlich nur die Wurzeln verwendet - für sogenannten Zichorienkaffee. Irgendjemand muss die Wurzeln mal im Dunkeln versteckt und erst nach ein paar Wochen wiederentdeckt haben. Und siehe da: Sie haben helle Blätter gebildet. Voilà - der Vorläufer des Chicorée wurde entdeckt.

Der Chicorée-Anbau funktioniert in etwa so: Im Mai sät man den Samen im Freien aus. Von September bis November muss man dann die Wurzel ernten. Die kommt anschließend für ein paar Monate in einen kühlen, feuchten, dunklen Raum. Dort muss man den Chicorée natürlich regelmäßig gießen. Die Engemanns haben dafür ein extra Wasserbecken, wo es etwas wärmer ist. Durch die Wärme wird der Chicorée zum Wachsen angeregt. Nach circa drei Wochen ist er erntereif. Weil die Gärtner den Chicorée zu unterschiedlichen Zeitpunkten ins Wasserbecken geben, können sie ihn länger ernten. Von November bis April gibt es den Salat. Eine gute Gelegenheit also für unsere Bloggerin, die Gartensaison zu verlängern. "Wir haben dafür eine extra Wassertreiberei, so heißt der Dunkelraum, aber im Keller müsste das auch gut klappen", sagt Klaus. Und wenn nicht? Dann hilft er gerne und versucht den Chicorée doch noch zu retten. Wie man allerdings aus den Wurzeln Kaffee macht, "da müssten wir gemeinsam experimentieren". Denn Klaus trinkt eigentlich viel lieber Tee.

Grundsätzlich gilt aber beim Thema Gemüse erst mal Folgendes: Viele Blätter oder viele Früchte? Das ist die Ausgangsfrage für die Düngung. Alles, bei dem man viele Blätter möchte, braucht viel Stickstoff, zum Beispiel Salat. Da, wo es aber eher auf die Früchte ankommt, wie bei Erdbeeren, sollte man nicht so viel düngen. Wer Erdbeeren zu viel mit Stickstoff düngt, bekommt also viele Erdbeerblätter, aber kaum Erdbeerblüten, aus denen die Früchte entstehen. Das wäre schon mal der erste Tipp an unsere Hobby-Gärtner: "Wenn sie vor der Blüte schon zu viel Stickstoff abbekommen, hätten wir nur kleine und viel weniger Erdbeeren", sagt Klaus, auf dessen Hof jährlich rund 12.000 Kilo Erdbeeren geerntet werden. Klaus' Job ist es, sich um die Vermarktung, die Buchführung und um das Personal zu kümmern, rund 75 Menschen arbeiten dort. Insgesamt betreiben die Engemanns vier Betriebe und arbeiten mit weiteren Höfen zusammen. Gemeinsam verkaufen sie ihre Pilz-, Obst- und Gemüse-Ernte dann neben dem Hofladen und dem Stand auf dem Wochenmarkt vor allem an den Großhandel, das Getreide an Mühlen und Futtermittelwerke.

Sogar im eigenen Garten steht ein Gewächshaus

Das Zeug zum Landwirt und Gemüse-Gärtner hat Klaus vor allem auf einem anderen Biolandhof und von seinem Bruder Andreas gelernt. Mit Gemüse hat er vorher kaum etwas am Hut - eigentlich wollte er zunächst Landschaftsgärtner lernen. Mit seinem Bruder Andreas betrieb er in den achtziger Jahren zunächst eine Bio-Verteilstation und später einen Abo-Kisten-Betrieb. Dazu haben die Brüder selbst in der Nähe von Gütersloh Gemüse gezogen und verkauft. Später, 1988 haben die Brüder den Hof ihrer Eltern bewirtschaftet, zuvor waren die Flächen nämlich an einen anderen Landwirt verpachtet. Hier auf dem Hof in Eissen ist auch der Stammsitz, wo die beiden Brüder ihren Schreibtisch haben. "Vom Acker oder Gewächshaus bin ich immer weiter ins Büro gerutscht", sagt Klaus und lacht.

800 Tonnen Kompost fallen jedes Jahr an, die als Dünger für die Beeren und das Gemüse genutzt werden (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ganz kann er es aber dann doch nicht lassen: Wenn es im Frühjahr keimt und sprießt, dann lässt er es sich auch nicht nehmen, doch mal ein paar Tage dabei zu helfen, die ersten Jungpflanzen zu setzen. Selbst in seinem eigenen Garten baut er noch ein paar Gurken, Kräuter und Tomaten an. Von dort hat der 49-Jährige auch einen Blick auf ein großes rotes Dach. Darunter: Jede Menge Champignons. Wie ein Landwirt zu einer Pilzzucht kommt? "Mit Kompost", so Klaus. In den achtziger Jahren hatte er die Idee, ein Kompostwerk aufzumachen. Eine Bio-Tonne gab es damals in der Gegend noch nicht. Klaus dachte sich: "Es muss doch irgendwie möglich sein, all den Gartenabfall und die Reste, die etwa beim Heckenschneiden übrigbleiben, sinnvoll zu verwerten und die Nährstoffe wieder dem Boden zurückzugeben." Aus der Kompostanlage wurde nichts. Dafür aus den Pilzen. Für die braucht man nämlich eine gute Kompost-Unterlage, die vor allem aus Pferdemist besteht, und mit dem Pilz geimpft wird. Sind die Pilze abgeerntet, nennt man das, was übrig bleibt "Champost". Und das wiederum ist ebenfalls ein super Kompost: "Da sind viele Nährstoffe drin", erklärt er. Deswegen mischt er es mit unter seinen Kompost, mit dem alles Gemüse - vom Kohlrabi bis zur Zucchini - und die Beeren gedüngt werden.

Der Kompost fürs Gemüse und die Beeren besteht praktisch aus allem, was auf dem Hof anfällt, jedes Jahr macht das einen 800 Tonnen schweren Haufen aus: Hackschnitzel, Blätter, die übriggeblieben sind (der Fachmann spricht hier von "Ernteresten"), Kleegras und Hühnermist. Denn auf dem Hof leben auch 220 Hühner und drei Hähne in einem Hühnermobil. Vereinfacht gesagt funktioniert das so: Man schmeißt jede Komponente auf einen kleinen Haufen und mischt dies dann zu einem großen Haufen zusammen. Den muss man ab und an mit einer Maschine, die aussieht wie eine Fräse, dem Kompostwender, durchwälzen, damit alles gut verrottet. Weil es innen deutlich wärmer ist als außen, wird dort aus den Abfällen schneller feiner Humus. Der riecht so wie Blumenerde. Nimmt man dagegen ein bisschen was vom Ackerboden zwischen die Finger, dann riecht der eher nach Schlamm, weil es hier auf dem Feld recht lehmig ist. "Im Humus sind viele Nährstoffe drin, das ist praktisch unser Dünger", sagt Klaus, denn: "Als Bioland-Bauern verwenden wir weder chemisch-synthetische Pestizide noch künstlichen Mineraldünger. Unsere Pflanzen müssen sich all ihre Nährstoffe selbst aus der Erde holen. Deshalb brauchen wir einen gesunden Boden." Alle Pflanzen bekommen bei den Engemanns also den gleichen Dünger - den Kompost. Nur eben zu verschiedenen Zeitpunkten und unterschiedlich viel. Die Erdbeeren erstmal weniger, der Salat etwas mehr.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.engemann-bio.de