Blumen sind auch ein landwirtschaftliches Produkt, stehen aber weniger im Fokus als Lebensmittel (Foto: Soja31, pixelio.de)
25.03.2015
Zierpflanzen

Sag mir, woher die Blumen sind

Blumen und andere Zierpflanzen sind ein riesiger Markt mit globalisierter Produktion. Biologischer Anbau spielt dabei bisher kaum eine Rolle, auch weil meist eher die Arbeitsbedingungen in den Erzeugerländern im Blickpunkt stehen. Dabei ginge es auch anders. Von Martin Rasper

Deutschland, Feierabend. Im Supermarkt herrscht Hochbetrieb. Tiefkühlpizza, Dosenbier, Butter, Brot und Schinken wandern übers Kassenband. Dazwischen, ab und zu, irgendwie verletzlich erscheinend unter all den Verpackungen, ein bunter Farbklecks: ein Tulpenstrauß. Oder eher: ein Tulpenbündel. Schmale grüne Stifte, an einem Ende etwas verdickt und zugespitzt, unter dem Grün rötlich oder gelblich schimmernd. 10 Stück für 2,99 Euro, 20 Stück für 5,99 Euro.

30 Cent für eine Blume. Die irgendwo gewachsen ist, gegossen und gedüngt wurde, geschnitten, verpackt, an den Großhandel geliefert, dort verkauft, weitertransportiert an den Laden, dort in den Aufsteller gestellt und schließlich an den Kunden verkauft. 30 Cent. Für eine Blume, die ihren Zweck erfüllen wird, keine Frage, sie wird ein paar Tage in der Vase stehen, mehr oder weniger aufblühen und im Zusammenspiel mit ihren neun oder 19 Kolleginnen die Farbe zeigen, die ihr mitgegeben wurde. Und wenn sie nach drei Tagen schlappmacht, ist es auch wurscht. Bei dem Preis reklamiert niemand.

80 Prozent der Zierpflanzen werden importiert

Der Markt für Schnittblumen ist ein Riesengeschäft. Jedes Jahr geben die Deutschen rund 8 Milliarden Euro für Zierpflanzen aus, davon zwischen einem Drittel und der Hälfte für Schnittblumen. Es ist der weltweit drittgrößte Markt nach den USA und Japan. Rosen sind der Favorit, sie machen allein 40 Prozent des Umsatzes aus, gefolgt von Tulpen und Chrysanthemen. Der allergrößte Teil der Blumen kommt allerdings nicht aus Deutschland; rund 80 Prozent werden importiert, bei Schnittblumen noch mehr. Bei Blumen gibt es im Gegensatz zu Obst und Gemüse keine Pflicht zur Herkunftsangabe. So ist es denn nur ein Teil der Wahrheit, dass wiederum 80 Prozent der deutschen Importe aus den Niederlande kommen - dorthin nämlich gelangen sie zum Großteil erst kurz zuvor aus ihren Herkunftsländern. Und das sind meist Entwicklungs- und Schwellenländer in den Tropen. Hier ist das Klima günstig und die Sonneneinstrahlung stabil, hier sind die Tage gleichmäßig lang und die Löhne niedrig.

Rosen sind mit Abstand die beliebtesten Schnittblumen (Foto: M.Grossmann, pixelio.de)
So kommen Edelrosen am ehesten aus Ecuador und Kolumbien, Billigrosen und Nelken vor allem aus Israel und Kenia. Die Produktion dort geschieht oft mit massivem Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden; die Mengen sind in den Blumenfarmen in Afrika, Lateinamerika und Asien oft doppelt oder gar dreimal so hoch wie in Deutschland. Meist werden die Schutzmaßnahmen kaum eingehalten, die Arbeiter im Umgang mit den Mitteln nicht geschult, es ist keine Schutzkleidung vorhanden. Zum Teil werden noch Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die in Deutschland und Europa längst verboten sind. Die Folge sind gesundheitliche Schäden: Die Arbeiterinnen (es sind überwiegend Frauen)  bekommen Kopfschmerzen, Schwindel, Augenerkrankungen, sie leiden an Atembeschwerden, Asthma, Ekzemen bis hin zu Nervenleiden, bekommen Fehlgeburten und Krebs.

All dies ist bei Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen seit langem bekannt. Geändert hat sich über die Jahre wenig. Erst kürzlich hat Silke Peters, die zuletzt als Geschäftsführerin des "Flower Label Programm" arbeitete, in einem übersichtlichen, gut geschriebenen Buch das Thema dargestellt. Das Flower Label Programm versuchte ein System zu etablieren, bei dem Produzenten und Händler gemeinsam faire Preise und faire Arbeitsbedingungen garantieren sollten. Es scheiterte letztlich am zu geringen Zuspruch der Verbraucher.

In Sozialleistungen zu investieren, lohnt sich nicht

Peters beschreibt ihn ihrem Buch sehr genau die Zwänge und Mechanismen des Marktes - unter anderem das Dilemma, dass es sich für die Produzenten nicht lohne, in Sozialleistungen, Arbeitssicherheit oder andere Verbesserungen für die Arbeiter zu investieren: "Wenn der Produzent einen existenzsichernden Lohn zahlen würde, wäre das ein Verlustgeschäft für die Farm. Investiert er dagegen in bessere Technologien, effizientere Pflanzenschutzmittel oder günstigere Verpackungsmaterialien, steigt seine Marge. Bezogen auf Umwelt- und Sozialstandards heißt dies, dass Umweltschutzmaßnahmen aus Sicht des Produzenten nur dann sinnvoll sind, wenn sie ihm helfen, seine Produktionskosten zu senken. Die Einhaltung von sozialen Standards ist aus seiner Perspektive aber höchstens ein Zugeständnis an Kundenwünsche. Sie geschieht nicht aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen."

Und die angesprochenen Kundenwünsche sind natürlich für einen Produzenten in Kenia oder Ecuador, der nach Europa liefert, weit weg. Gerade bei Blumen können die Kunden oft am wenigsten nachvollziehen, woher sie kommen. Dabei entfällt schon jetzt der größte Anteil an den Produktionskosten, nämlich rund 30 Prozent, auf den Transport. Und der fiele nun mal großteils weg, wenn die Blumen in der heimischen Region produziert würden.

Zeit also, darüber nachzudenken, ob man nicht auch hier wieder in größerem Maßstab Schnittblumen produzieren könnte - und natürlich möglichst auf biologische Weise. Noch ist der Bio-Blumenmarkt eine winzige Nische. Ein kaum benennbarer Bruchteil der Schnittblumen, die in Deutschland verkauft werden, stammt aus biologischem Anbau, Zahlen dazu gibt es erst gar keine. "Das Interesse der Verbraucher an Bioblumen ist zunächst mal nicht so groß wie bei Lebensmitteln", sagt Andrea Frankenberg, eine der Koordinatorinnen des Bio-Zierpflanzenprojekts, "schließlich isst man Blumen ja nicht."

Es gibt in Deutschland nur ein paar Dutzend Betriebe, die überhaupt in größerem Maßstab Bio-Zierpflanzen anbauen; und da konzentrieren sich die meisten auf die langlebigeren und wertvolleren Stauden, also mehrjährige Pflanzen für Garten und Balkon. Die Rufs im hessischen Bad Nauheim waren in den neunziger Jahren absolute Pioniere, als sie mit ihren Bio-Rosen anfingen. Die Brüder Schöwerling in Halle/Westfalen gehören zu den wenigen, die ausschließlich Bio-Schnittblumen anbauen; sie verkaufen vor allem auf Märkten und über Fachgeschäfte. Mit Bernd Brüx in Straelen am Niederrhein ist jetzt der erste zumindest mittelgroße Erzeuger, der den Großhandel beliefert, in die Umstellung gegangen (s. Interview). Ansonsten gibt es zahlreiche Biobauern und -gärtner, die nebenher ein wenig Blumen machen und ihrer Abokiste beigeben oder im Hofladen verkaufen. Aber das sind alles winzige Mengen im Vergleich zum Gesamtmarkt.

Keine Nachfrage, kein Angebot

"Lange Zeit war es so, dass sich da die Katze in den Schwanz gebissen hat", sagt Andrea Frankenberg. "Die Produzenten hatten keine Planungssicherheit, auf Bio-Anbau umzustellen, weil die Großhändler ihnen keine Zusage machen konnten, weil es keinen Markt gab."

Doch allmählich gibt es Signale, dass sich zumindest der Ansatz eines Umdenkens anbahnt. "Aus Sicht des Naturkosthandels spricht einiges dafür, Bio-Zierpflanzen in das eigene Sortiment aufzunehmen", schrieb die Fachzeitschrift BioHandel in ihrem Heft 2-2014. Davon, dass hier viel Luft nach oben ist, davon ist auch Jan Niessen überzeugt, der im Bioland-Verband für das Marketing zuständig ist: "In der Biobranche wird der Nonfood-Bereich immer wichtiger." Dazu gehöre auch, dass die Gartenkultur als Teil eines nachhaltigen Lebenstils zunehmend Bedeutung gewinne.

Bio-Blumen halten länger, weil sie gegen Widerstände wachsen mussten (Foto: BettinaF, pixelio.de)
Ein paar kräftige Impulse gibt das "Bio-Zierpflanzenprojekt": Mit Bioland als Projektträger und den Kooperationspartnern Landwirtschaftskammer NRW und der Anbaugemeinschaft Bio Zierpflanzen, finanziert im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau, verfolgt man seit 2011 unterschiedliche Fragestellungen: Was macht den Bio-Zierpflanzenanbau aus, welche Sorten sind geeignet, welche Dünger liefern die besten Ergebnisse, wie kann man Krankheiten wirksam vorbeugen? Wie könnten neue Vertriebswege aussehen, was sind die Bedürfnisse des Handels und der Kunden?

Letztlich wird es an den Kunden hängen, sagt auch Andrea Frankenberg, ob Bioblumen sich ihren Markt erobern können. Dabei spricht vieles dafür, dass Bioblumen über das gute Gewissen und den Beitrag zum Landschaftsschutz hinaus den Kunden handfeste Vorteile bieten: Sie sind kräftiger und widerstandsfähiger und halten auch in der Vase besser aus. Dietmar Schöwerling erklärt, warum das so ist: "Bioblumen müssen sich im Wachstum viel stärker gegen Krankheiten und Unkraut durchsetzen. Das hat zur Folge, dass sie langsamer wachsen, eine härtere Zellfaser und dickerer Stiele entwickeln. Das wiederum ermöglicht eine bessere Wasserversorgung. Und deshalb sind Bio-Schnittblumen haltbarer und widerstandfähiger als die industriell produzierte Ware." Das hat freilich seinen Preis - aber der sollte es uns wert sein.

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Interview mit Silke Peters auf utopia.de