Diese Bio-Tomaten sind geschützt - es können keine Pestizide von konventionellen Nachbarfeldern abdriften (Foto: Gerald Wehde)
26.03.2014
Kommentar zur neuen EU-Öko-Verordnung

Pestizide? Wollen wir auch nicht!

Gut gemeint, schlecht gemacht: Die EU-Kommission will die Wünsche der Verbraucher nach hochwertigen Bio-Lebensmitteln erfüllen und bewirkt mit ihren neuen Gesetzesvorschlägen das Gegenteil: Sie schaden Bio-Bauern und -Kunden. Von Gerald Wehde

Die EU-Kommission hat ihren Entwurf zur Revision der EU-Öko-Verordnung vorgelegt. Danach soll es in Zukunft für Bio-Lebensmittel eigene und besonders scharfe Grenzwerte für Pestizide, gentechnisch veränderte Organismen (GVO) und andere unerwünschte Stoffe geben. Damit geht die EU-Kommission in eine gefährliche und falsche Richtung.  

Bio-Bauern verwenden keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel, und auch gentechnisch veränderte Sorten sind strikt verboten. Die Bio-Branche unternimmt enorme Anstrengungen, damit Bio-Produkte während des Anbaus, des Transports und der Verarbeitung nicht von außen verunreinigt werden. Deshalb enthalten die allermeisten Bio-Lebensmittel keine oder nur minimale Rückstände. Trotz aller Sorgfalt lässt sich aber nicht jede Kontamination vermeiden.  

Schärfere Grenzwerte für Bio-Lebensmittel würden Bio-Bauern und Herstellern von Bio-Lebensmitteln große zusätzliche Kosten und Risiken aufbürden. Damit werden die Falschen bestraft, denn auch Bio-Bauern wirtschaften nicht unter einer Glasglocke. Durch Abdrift von konventionellen Nachbarfeldern, aber auch durch Wind und Regen gelangen Pestizide auch über längere Strecken auf Bio-Ware. Das ist in der Landwirtschaft wie in der Industrie: Die Schadstoffe bleiben nicht nur bei dem, der sie einsetzt.  

Wäre es da nicht viel sinnvoller, erst gar keine Pestizide zuzulassen, statt Bio-Bauern mit unrealistisch scharfen Grenzwerten und teuren Analysen zu bestrafen? Also chemisch-synthetische Mittel vom Acker zu verbannen? Dann hätte Bio-Gemüse nicht nur 180-mal weniger Pestizidspuren als konventionelle Ware, sondern gar keine. Und der Wunsch der Verbraucher wäre erfüllt. Darüber haben sie zuletzt in einer Online-Umfrage der EU-Kommission mit 45.000 Teilnehmern abgestimmt.  

Die ökologische Landwirtschaft definiert sich bis heute über ihre Verfahren und Methoden. Ein Bio-Produkt ist „Bio“, weil die Bauern weder chemisch-synthetische Pestizide noch gentechnisch veränderte Organismen einsetzen. Das ist gut für die Umwelt und die Gesundheit. Mit meinem Konsumverhalten unterstütze ich diese Art der Landwirtschaft. Sollten für Bio-Produkte besonders scharfe Grenzwerte gelten, droht ein Systemwechsel: Dann steht die Rückstandsfreiheit im Endprodukt im Vordergrund und nicht mehr die umweltfreundliche Methode.  

Auch die Bio-Kunden zahlen drauf. Denn viele Bauern und Hersteller von Bio-Lebensmitteln werden aufgrund der unrealistischen Vorgaben und hoher Analysekosten wieder aus der Bio-Produktion aussteigen. Die Folge: Bio-Produkte werden knapp und teurer. Schon heute ist die Nachfrage größer als das Angebot. Das Verhältnis würde sich weiter verschlechtern. Verbraucher wollen aber mehr Bio - vor allem aus der Region - und nicht weniger.  

Wer neue Regelungen voranbringen will, muss alle Seiten einbeziehen - also auch diejenigen, die es als erste betrifft: die Bio-Bauern. Schließlich waren sie die ersten, die vor über 25 Jahren für Gesetze für den Biolandbau gekämpft haben. Lieber Herr Kommissar Ciolos. Benutzen Sie nicht die Verbraucher aus Ihrer Online-Befragung für eine falsche Entscheidung. Natürlich will keiner Pestizide und Spuren von Gentechnik in Bio-Produkten. Wir auch nicht! Also verbieten Sie endlich Gentechnik und Pestizide auf den Äckern der EU, anstatt der Bio-Branche Knüppel zwischen die Beine zu werfen! Zur Erinnerung: Es geht bei Gesetzen nicht nur um Paragrafen, sondern auch um die Folgen. Und ändern Sie ihre Vorschläge so, dass Bio in Europa weiter wachsen kann.  

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