Libellen reagieren auf Pestizide besonders empfindlich (Foto: Uschi Dreiucker/pixelio)
23.06.2014
Pestizide im Wasser

"Pestizide töten das Leben im Wasser"

Mehr Artenvielfalt in Flüssen klappt nur durch schärfere Zulassungsmethoden von Pestiziden, sagt Matthias Liess, Wasser-Experte am Helmholtz-Zentrum für Umweltwissenschaften in Leipzig. Im Interview kritisiert er die Methoden der Spritzmittelindustrie und erklärt, warum auch kleine Tiere wie der Bachflohkrebs wichtig für uns alle sind.

IM FOKUS: Sie untersuchen, inwiefern Pestizide Tiere und Pflanzen in Bächen und Flüssen schaden. Wie kommen denn die Pestizide ins Wasser?

Liess: Vor allem durch die Landwirtschaft. Wenn der Bauer etwa bei starkem Regen Pestizide spritzt oder wenn der Boden kein Wasser mehr aufnehmen kann. Dann läuft das Wasser mit den Pestiziden über die Felder und gelangt so in die Gewässer. Aber auch Kleingärtner und Kommunen tragen ihren Teil dazu bei, wenn beispielsweise mit der Pestizidspritze Unkräuter auf Gehwegen vernichtet werden. Dann werden die Pestizide in den Gulli geschwemmt und landen dort über die Kanalisation in der Kläranlage. Diese leitet das Wasser dann in die Flüsse.    

Europäische Gewässer stärker durch Chemikalien belastet als bislang angenommen

So titelte mitte Juni das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Bei dieser Untersuchung ging es generell um die chemische Belastung in Gewässern. Die meisten der Substanzen, die in der Studie als Risiko für die Umwelt eingestuft wurden, waren auch hier Pestizide.  

Weitere Infos: www.ufz.de

IM FOKUS: Wie schlimm steht es denn um unsere Flüsse und Bäche?

Liess: Laut einer Studie des Helmholtz-Zentrum für Umweltwissenschaften (UFZ) sind es in Europa rund 30 Prozent, die aufgrund von Pestiziden in einem ökologisch schlechten Zustand sind. Das heißt: Die Pestizide sind dafür verantwortlich, dass es in diesen Bächen und Flüssen nur sehr wenige Arten gibt. In dieser Untersuchung sind aber auch Regionen eingerechnet, in denen es kaum Landwirtschaft gibt: die Alpen zum Beispiel oder auch Lappland, also der ganze nördliche Teil Skandinaviens - dort ist natürlich keine Belastung vorhanden. Insgesamt wird im Norden viel weniger mit chemischen Insektiziden gespritzt. Das liegt daran, dass es dort deutlich kälter ist und es somit insgesamt weniger schädliche Insekten in der Landwirtschaft gibt.

IM FOKUS: Und was sagt die EU dazu?

Liess: Die EU schreibt in ihrer Wasserrahmenrichtlinie vor, dass bis 2015 alle Gewässer in einem "guten Zustand" sein müssen. Das bezieht sich einerseits auf den chemischen Zustand, also dass etwa die Nitratwerte in Ordnung sein müssen und dass keine giftigen Chemikalien im Wasser sein dürfen. Andererseits sollen die Gewässer bis zum nächsten Jahr auch ökologisch in einem "guten Zustand" sein, in den Flüssen und Bächen sollen also möglichst viele Arten leben.    

IM FOKUS: Und klappt das?

Liess: Nein. Das Umweltbundesamt schreibt: Für 62 Prozent aller Gewässer ist das unwahrscheinlich und für weitere 26 Prozent unsicher. Das liegt aber nicht nur an Chemikalien, sondern auch an zu hohen Nitratwerten und an Flussbegradigungen.   

IM FOKUS: Was richten die Pestizide denn im Wasser an?

Ist der Boden schon vollgesaugt mit Wasser oder fährt der Bauer zu dicht mit der Pestizidspritze an den Bach, landen dort die Chemikalien (Foto: Andreas Hermsdorf/pixelio)
Liess: Sie sorgen für einen dramatischen Rückgang der Biodiversität. Meist sind es ja Bäche, die gleich neben einem Feld liegen - und wird dort auf dem Acker gespritzt, bedeutet das im Schnitt 40 Prozent weniger Arten im Wasser. Also Insekten, Muscheln, Krebse, Fische und Frösche. Libellen sind ein guter Indikator. Die finden Sie nicht, wenn Pestizide im Wasser sind. Denn die legen nur einmal im Jahr Eier. Sind viele davon zerstört, dauert es, bis wieder Nachwuchs kommt - oder er bleibt eben ganz aus. Schnecken dagegen reagieren eher unempfindlich, denen machen Pestizide kaum etwas aus. In einem Bach, der in einem ökologisch guten Zustand ist, leben rund 100 Arten, in einem, der in ökologisch schlechten Zustand ist, weniger als die Hälfte.    

IM FOKUS: Wozu brauchen wir denn diese 100 Arten? 

Liess: Klar kann man sagen: Wer braucht schon Köcherfliegen oder Schwimmkäfer? Aber: Solche Insekten sorgen für die Selbstreinigungskräfte der Gewässer. Ein Beispiel: Die Insekten fressen oder zerkleinern Blätter, die in den Bach gefallen sind - so kommt wieder mehr Licht in den Bach. Und Licht wiederum ist wichtig für die Photosynthese der Pflanzen. Ein Bachflohkrebs lebt zirca zwei Jahre und kann in seinem Leben rund 35.000 Liter Wasser reinigen, weil er abgestorbene Pflanzenreste und sogar tote Tiere frisst. Ohne den Bachflohkrebs wäre unser Wasser also weniger sauber. Außerdem sind Larven und Insekten oft Nahrungsquelle für andere Tiere. Weniger Insekten bedeutet auch weniger Futter für Vögel und somit auch weniger Vögel. Das gilt auch für Amphibien wie Frösche. Dass Pestizide auch für Amphibien tödlich sein können, zeigt eine vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebene Studie der Universität Koblenz-Landau. 

IM FOKUS: Aber woher wissen Sie denn, dass es an den Pestiziden liegt?

Liess: Das fragen die Pestizidhersteller auch immer. Der Artenrückgang könnte ja ganz andere Ursachen haben, behaupten sie. Aber nicht nur meine Arbeitsgruppe hat wissenschaftlich bewiesen: Pestizide töten das Leben im Wasser. Wir haben zum Beispiel vor und nach einer Pestizidanwendung gemessen, wie viele Tiere im Bach waren. Bei hohen Konzentrationen sterben nämlich viele Tiere schon ein paar Stunden später. Zum Beispiel Libellen. Werden lediglich geringe Pestizidmengen eingetragen, dann merkt man erst später einen Rückgang, etwa wenn kaum Nachkommen schlüpfen. Außerdem berücksichtigen wir sämtliche Faktoren für den Artenschwund, etwa das Wetter: Wenn es stark regnet, wird natürlich auch das Sediment weggespült - und mit ihm die Tiere, die dort wohnen.    

IM FOKUS: Also gibt es keine Gegenargumente?

Liess: Erinnern Sie sich noch an Asbest? Das hat auch mehrere Jahrzehnte gedauert, bis man allgemein anerkannt hat, dass es höchst krebserregend ist. Vorher hat man gesagt: Der Tod Asbest belasteter Menschen kann ja auch andere Ursachen haben. Mit dem Insektenvernichtungsmittel DDT war es das Gleiche. Auch hier konnten wissenschaftliche Untersuchungen dramatische Umweltwirkungen aufzeigen. Ein Verbot ist dann erst Jahrzehnte später erlassen worden. Man hat also immer lange gebraucht, um die Wirkung niedriger Giftkonzentrationen, die nicht sofort töten, zu erkennen.    

IM FOKUS: Was ist das Problem mit der derzeitigen Risikobewertung von Pestiziden?

Liess: Die Bewertung der Toxizität findet nicht im Freiland, sondern im Labor oder sehr naturfernen Testsystemen statt. Dort gibt es aber nicht die harten Anforderungen an die Tiere, die es im Freiland gibt: Bejagung durch Räuber, Konkurrenz und Hunger, zum Beispiel. Wenn aber gleichzeitig zu diesen natürlichen Stress auch noch Pestizide hinzukommen - dann reichen in vielen Fällen schon sehr niedrige Konzentrationen aus, um die Organismen umzubringen.

IM FOKUS: Führen Ihren Ergebnisse denn auch dazu, dass Grenzwerte für Pestizide herabgesetzt werden?

Liess: Bislang leider nicht. Bei der Zulassung von Pestiziden reichen immer noch die Laborbedingungen aus - und nicht die in der realen Welt. Aber unser System wird von immer mehr Länderbehörden, die die Wasserqualität in ihrer Region beobachten, als Messinstrument angewendet.   

Pestizid-Tests im Labor: Bei Bienen ist es ähnlich wie bei den Tieren im Bach

Bei den Bienen stehen auch Pestizide, vor allem sogenannte Neonikotinoide, in der Kritik, weil sie den Bienen schaden. Es wird jedoch auch behauptet, dass die Bienen in Labortests nicht geschädigt werden. Jedoch reicht es nicht festzustellen: Die Biene ist im Labor nicht tot umgefallen. Denn: Im Labor bekommt die Biene auch Futter und muss sich um nichts kümmern. In der Natur dagegen muss sie sich gegen Parasiten verteidigen, Pollen und Nektar sammeln, und kommt dann mit dem Pestizid in Kontakt. Auch dann stirbt sie nicht sofort. Aber: Die Biene muss auch wieder zu ihrem Stock zurückfinden - und das kann sie nicht, weil das Pestizid ihr Nervensystem angegriffen und die Biene keine Orientierung mehr hat. Dann stirbt sie. Bei Tieren im Fluss und im Bach ist das ähnlich. Da kann es auch sein, dass sie nicht unmittelbar nach dem Pestizideinsatz sterben - aber in der Natur müssen sie sich zum Beispiel noch vor Fressfeinden verstecken. Und dazu sind sie dann zu schwach.    

IM FOKUS: Wird denn beim Thema Wasser und Pestizide zu wenig kontrolliert?

Liess: Ja, man sollte im Zulassungsverfahren für Pestizide auch mal in der Natur überprüfen, ob die Vorhersagen für unbedenkliche Pestizidbelastungen stimmen. Wenn man dies tun würde, dann wird man feststellen: Die Anwendungen, die als unbedenklich angesehen werden, sind gar nicht so unbedenklich – sie haben massive Folgen für die Artenvielfalt in den Gewässern, und somit auch für die Ökosystemdienstleistungen von Bächen und Flüssen: Vom sauberen Wasser über Erholungsgebiete für uns Menschen. Und genau dafür ist unser Indikatorsystem geeignet. Aber nicht nur die Folgen für die Natur müssen beachtet werden: Pestizide können auch unser Trinkwasser belasten. Denn über Flüsse und Bäche können Pestizide in Talsperren und auch ins Grundwasser gelangen. Manche Wasserwerke beziehen ihr Wasser auch aus Uferfiltrat, also aus der Nähe von Flüssen.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Matthias Liess, Wasserexperte am Helmholtz-Zentrum für Umweltwissenschaften (Foto: privat)
Zur Person:

Matthias Liess, Jahrgang 1960 ist Biologe und leitet die Abteilung System-Ökotoxikologie  am Helmholtz-Zentrum für Umweltwissenschaften in Leipzig. Dort hat er einen Bioindikator entwickelt, "Spear". Dies steht für "Species At Risk", also Risiken für Arten. Damit untersucht er die Auswirkungen von Pestiziden in Gewässern. An der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit arbeitet Liess als externer Berater. Auch die EU-Kommission berät er, wenn es um Gesundheits- und Umweltrisiken bei Pestiziden geht. Bereits in seiner Doktorarbeit untersuchte er den schädlichen Einfluss von Insektiziden auf Pflanzen und Tiere in Gewässern.

Infos: www.ufz.de

Mehr zum Thema

Auf Bioland.de:

Im Netz:

  • Welche Tiere leben im Bach? Kindgerechte Erklärungen, Lehrmaterialien sowie ein Memorie zu Tieren im Bach: www.umweltdetektive.de

  • Inlandabsatz an Pestiziden steigt: Gemeinsame Pressemitteilung vom Bund der Deutschen Energie und Wasserwirtschaft, dem Pestizid-Aktions-Netzwerk und anderen Umweltverbänden: www.bdew.de

  • Das Umweltbundesamt zum Erreichen der Wasserrahmenrichtlinie: www.umweltbunesamt.de

  • Universität Koblenz-Landau: Pestizide gefährden Frösche www.idw-online.de

  • Europäische Gewässer stärker durch Chemikalien belastet als bislang angenommen: Pressemitteilung des Helmoltz-Zentrums für Umweltforschung: www.ufz.de