Die Klingenberger Sandsteinterrassen wurden bereits im Mittelalter angelegt (Foto: Jessica Maron)
07.07.2014
Franken

Museal und doch modern

Ob Museumswein oder pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis) - Winzerin Anja Stritzinger probiert in ihren Weinbergen in den Klingenberger Sandsteinterrassen immer wieder etwas Neues aus. Von Jessica Maron

Winzerin Anja Stritzinger vor ihrem Weinberg (Foto: Jessica Maron)
Über die Mainbrücke, an den vielen Fachwerkhäusern vorbei und bei 100-prozentiger Steigung den Schlossberg hinauf - dann ist man endlich oben. Vom Weinberg der Familie Stritzinger eröffnet sich ein malerischer Blick auf die rund 6000 Einwohner große fränkische Stadt Klingenberg an der Grenze zu Hessen. Wenn die 38-jährige Winzerin Anja Stritzinger hier im Hang mit den Sandsteinterrassen und den schmalen Treppenaufgängen arbeitet, begegnet ihr nicht selten mal eine Ringelnatter oder eine Zauneidechse huscht an ihren Füßen vorbei, die immer in ihren Wanderschuhen stecken. Denn hier oben am Weinberg ist es immer schön warm: Die Weinbergsmauern speichern tagsüber die Wärme und nachts geben sie sie wie ein Wärmespeicher an die Umgebung ab. "So kühlt der Weinberg nie völlig aus", erklärt Stritzinger. Das gefällt nicht nur den Tieren. Gerade auch für anspruchsvolle Rebsorten wie Spätburgunder ist das ideal. 

Große Maschinen lassen sich in der Erntezeit in diesen steilen Hängen nicht einsetzen. Alles muss zu Fuß und per Hand gemacht werden. Für Stritzinger bedeutet das, dass sie oft mehrmals täglich die insgesamt 600 bis 700 Treppen ihrer Weinberge rauf und runter laufen muss. Bei gutem und bei schlechtem Wetter. Mit Gepäck oder ohne. "Zwei Hektar Land mag sich erstmal nicht nach so viel Arbeit anhören. Aber man darf eben nicht vergessen, dass wir hier eine sehr starke Hangneigung haben. Langweilig wird einem da nicht", erzählt die Winzerin mit einem Lachen. 

Blick vom Weinberg auf Klingenberg (Foto: Jessica Maron)
In der Weinlesezeit, "die spannendste Zeit des Jahres", wie sie sagt, zieht sie gemeinsam mit einer Stammgruppe von vier bis acht Helfern durch die Reben. Neben ihren Eltern sind es vor allem Freiwillige, die meist schon seit vielen Jahren dabei sind und immer wieder gerne auf das Weingut kommen. Der Ablauf ist immer der gleiche: Ab 8 bis 9 Uhr werden die Trauben per Hand gelesen und in der Kellerhalle abgeladen. Dort können sie erneut kontrolliert werden. Anschließend werden sie entrappt, das heißt, die Erntehelfer lösen die Trauben von ihrem Stielgerüst. Im Keller werden die Weintrauben dann weiter zu Maische verarbeitet.

Auf aufwendige technische Verfahren wie Kühlung oder Schönungsmittel verzichtet Familie Stritzinger. Ihnen ist es wichtig, den natürlichen Geschmack der Weintrauben so unverfälscht wie möglich in ihren Weinen einzufangen. Dies erreichen sie, wie Anja Stritzinger es nennt, durch "kontrolliertes Nichtstun": Statt Enzyme oder andere Zusatzstoffe den Weinen zuzugeben, um den Prozess der Gärung zu beschleunigen oder den Geschmack zu lenken, geben sie ihren Weinen vor allem Zeit: "Wir lagern unsere Rotweine in großen Holz- und kleinen Barrique-Fässern und lassen sie dort so lange ruhen, wie sie für einen harmonischen Geschmack eben brauchen. Meist sind das vier bis neun Monate." Neben den klassischen Sorten wie zum Beispiel Riesling, ihrem persönlichen Favorit, hat sie zurzeit auch zwei pilztolerante Rebsorten (Piwis), Johanniter und Regent, in ihrem Sortiment. Die dritte Piwi-Sorte Pinotin ist bereits in der Testphase.

Auf dem Museumsweinberg wird zwischen den Rebstöcken wie früher kein Draht gespannt (Foto: Jessica Maron)
Gemeinsam mit ihrer Gästeführerin Gaby Stahl-Euteneuer, die regelmäßig Interessierte durch das Weingut führt, hat Familie Stritzinger zudem den Klingenberger Museumsweinberg neu kultiviert. Ziel eines Museumsweinberges ist es, alte Rebsorten, die kaum oder gar nicht mehr angebaut werden, zu erhalten. Doch nicht nur das unterscheidet den Klingenberger Museumsweinberg von einem "normalen" Weinberg. Auch die Anbaumethode ist eine andere: Statt der heute typischen Monokulturen, bauen die Stritzingers hier gleich mehrere Weinsorten gemischt an. "Diese Art des Anbaus war noch im frühen 20. Jahrhundert durchaus üblich", erklärt Anja Stritzinger. "Heute sprechen Winzer dann vom sogenannten 'Alten Satz', einer Mischung aus mindestens zehn verschiedenen Rebsorten." Ein Cuvée und das bereits in der Anbaumethode.  

Während der Cuvée bei französischen Weinen gang und gäbe ist, tun sich die Deutschen jedoch noch schwer damit. Zu Unrecht, wie Stritzinger findet: „Ein Cuvée ermöglicht es dem Winzer ein ganz eigenes Geschmackserlebnis zu kreieren. Die Verbindung von verschiedenen Rebsorten zu einem harmonischen, vielschichtigem Ganzen ist ein eigenes Kunstwerk.“  

Die Rotweine werden im Keller in Holzfässern gelagert (Foto: Jessica Maron)
Dass die Familie Stritzinger heute so erfolgreich im Weingeschäft tätig ist, war damals, als Anjas Eltern, Willi und Hedwig Stritzinger in den siebziger Jahren von der Pfalz in das fränkische Klingenberg kamen, nicht absehbar. Willi, gelernter Kellermeister, hatte zunächst nur für sich begonnen, einen Weinberg anzulegen: "Mein Vater war ein großer Fan des Gewürztraminers. Da dieser in unserer Gegend nur wenig angebaut wurde, nahmen meine Eltern das schließlich selbst in die Hand", erzählt Anja Stritzinger. Weil der Wein so gut schmeckte und Freunde und Familie sich begeistert um die Weine rissen, kamen nach und nach weitere Flächen und weitere Rebsorten hinzu. Es entwickelte sich ein kleiner Nebenerwerbsbetrieb. Bereits Mitte der Achtziger bauten sie Wein nach ökologischen Prinzipien an. 1990 wurden sie zu einem zertifizierten Bioland-Betrieb. Nachdem Anja Stritzinger 2001 ihre Meisterprüfung als Winzerin abgelegt hatte, übernahm sie das mittlerweile zum Vollerwerb ausgebaute Weingut. 

Wenn Sie mit Anja Stritzinger die Klingenberger Treppen erklimmen wollen, können Sie sich ab sofort als Weinleser auf dem Weingut Stritzinger bewerben.

Mehr zum Thema:

Auf bioland.de:

Im Netz:

Homepage vom Weinbau Stritzinger: www.weinbau-stritzinger.de