Die Larven der hübschen Schwebfliege sind effektive Schädlingsbekämpfer (Foto: Tom Kemper/pixelio.de)
20.02.2014
Biologischer Pflanzenschutz

Mit Schwebfliege, Regenwurm und Co.

Ja, es ist möglich, Pflanzen anzubauen und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ohne die Landschaft mit Gift zu traktieren. Es erfordert allerdings mehr Arbeit – und die Bereitschaft, sich auf die natürlichen Systeme einzulassen. Von Martin Rasper

Manchmal ist alles eine Frage der Perspektive. Die Tiere im Stall, die Pflanzen auf dem Feld, sind das Kostenfaktoren? Arbeitsmaterial? Betriebskapital? Für einen biologisch arbeitenden Landwirt ist die Antwort klar: Seine Tiere und Pflanzen sind nicht nur wirtschaftliche Faktoren, sondern auch - oder vor allem - Lebewesen.

Und der Boden ist für ihn kein bloßes Substrat, sondern ein lebendiges Ganzes, das eine vielfältige Organismenwelt beherbergt. Und die Landschaft ist nicht nur das Gelände, auf dem er mit seinen Maschinen die Saat ausbringt, sondern ein dynamisches Netzwerk, das aufgespannt wird aus den unterschiedlichsten Beziehungen. Unter allen Umständen  wird er deshalb vermeiden, dieses Netz des Lebens mit Giften zu belasten.

Biobauern versuchen deshalb Phänomene zu nutzen, die in der Natur ohnehin existieren. Alle Maßnahmen zum biologischen Pflanzenschutz zielen möglichst auf das ganze System. Der Boden wird so behandelt, dass er eine reichhaltige Lebewelt beherbergt und den Pflanzen und ihren Wurzeln optimale Wachstumsbedingungen bietet. Die Pflanzensorten werden nach Robustheit und  Widerstandsfähigkeit ausgewählt und auf eine Weise kultiviert, die ihre Gesundheit stärkt.

Treten Schädlinge auf, werden sie mit ihren natürlichen Feinden bekämpft und nicht mit synthetischen Pestiziden. Die Landschaft wird so gestaltet, dass sie eine große Artenvielfalt beherbergt - durch Hecken, Wildpflanzen- oder Gehölzstreifen an den Feldrändern, durch Anlage von Biotopen, durch möglichst naturnahe Gestaltung des gesamten Umfelds. Und das fördert wiederum die Nützlinge.

Boden pflegen, Pflanze stärken

Vieles, was ein Biolandwirt im Einzelnen tut oder lässt, ergibt sich aus diesem ganzheitlichen Ansatz. So wird beispielsweise die Nährstoffversorgung des Bodens gefördert, indem man stickstofffixierende Pflanzen anbaut, so dass kein zusätzlicher Stickstoff mehr eingebracht werden muss. Diese Maßnahmen sind ein Teil der sogenannten Fruchtfolge, die auch dazu dient, Pflanzen mit unterschiedlichen  Bedürfnissen hintereinander anzubauen, so dass der Boden nicht ermüdet und sich spezifische Pflanzenkrankheitserreger nicht so stark vermehren können wie bei einseitigen Fruchtfolgen.

Um die Nutzpflanzen zu schützen und Schädlinge in Schach zu halten, nutzt man auch deren natürliche Feinde. Das können Mikroorganismen sein wie Granuloviren, die gegen den Apfelwickler eingesetzt werden - ein Schmetterling, dessen Raupen vor allem Obstbäumen zusetzen -, aber auch Makroorganismen wie Schlupfwespen, Florfliegenlarven oder Raubmilben, Marienkärverlarven und Raubwanzen. Raubmilben beispielsweise, die wie alle anderen Nützlinge professionell vermehrt werden, vernichten Trauermückenlarven, aber auch andere Milbenarten, die als Schädlinge auftreten können. Solche Räuber-Beute-Beziehungen macht man sich vor allem in Gewächshäusern zunutze.

Außerdem werden zum Beispiel gegen den Apfelwickler oder den Traubenwickler Pheromone eingesetzt, das sind natürlich vorkommende Botenstoffe, die die Männchen verwirren, so dass sie nicht mehr zu den Weibchen finden. Und im Waldbau werden bei Borkenkäfern Sexuallockstoffe benutzt, um sie in Fallen zu locken. All diese Maßnahmen haben gemeinsam, dass sie in der Regel spezifisch wirken, das heißt auf einen bestimmten Schädling, eine bestimmte Art - und den Rest des Ökosystems in Ruhe lassen. Bestimmte synthetische Gifte dagegen, wie das in der konventionellen Landwirtschaft am häufigsten eingesetzte Totalherbizid Glyphosat, schädigen alle Pflanzen gleichermaßen. Und sie begünstigen auf Dauer die Entstehung von Pflanzenarten, die gegen das Gift resistent sind (sogenannte Superunkräuter), also mit einer zusätzlichen Methode bekämpft werden müssen.

Zur Not wird auch gespritzt - aber nur natürliche Mittel

Dennoch kann es im Extremfall, wenn alle vorbeugenden Maßnahmen nicht ausreichen, dazu kommen, dass auch der Biolandwirt auf Spritzmittel zurückgreift - allerdings nicht auf chemisch-synthetische, sondern auf natürlicherweise vorkommende Gifte. So werden etwa im Weinbau und im Hopfenanbau gegen Pflanzenkrankheiten wie den Falschen Mehltau kupferhaltige Pflanzenschutzmittel wie Kupfersulfat verwendet. Eingesetzt werden auch Schwefelpräparate oder Mittel auf der Basis des natürlichen Pflanzengiftes Pyrethrum, das aus den Blüten der einer Chrysantheme ähnlichen Wucherblume gewonnen wird. Auch der brasilianische Quassiabaum und der indische Niembaum liefern natürliche Insektizide, die im Biolandbau eingesetzt werden.

Bei all diesen Maßnahmen wird in der Regel nicht das Ziel verfolgt, die Schädlinge völlig zu vernichten, sondern sie nur auf ein wirtschaftlich vertretbares Maß zu reduzieren. Auch werden diese biologischen Methoden nur auf relativ kleinen Flächen angewandt, verglichen mit dem großflächigen Einsatz der chemisch-synthetischen Spritzmittel.

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Im Netz:

Julius-Kühn-Institut: Statusbericht Biologischer Pflanzenschutz 2003