Ludwig Watschong, Vermehrer von ökologischem Saatgut, Erhalter alter Sorten, Züchter neuer Sorten (Foto: Martin Rasper)
28.01.2015
Vermehren und Züchten

Mit Hand und Herz und schmutzigen Fingern

Ludwig Watschong ist einer von denen, die die Sortenvielfalt bewahren - mit Engagement und mühsamer Kleinarbeit. Von Martin Rasper

Schwer und feuchtigkeitssatt ist die Luft an diesem Tag irgendwo zwischen Spätsommer und Herbst, der Blick geht über ein weites flaches Tal, überall Felder und Wiesen, dazwischen Gehölzstreifen und kleine Wäldchen - die ganze Landschaft atmet Fruchtbarkeit, Wachstum, Vielfalt. Mitten in Deutschland, wo die Weser wilde Schlingen in die bewaldeten Steilhänge gefräst hat und wo man nie genau weiß, ob man noch in Hessen ist oder schon in Niedersachsen oder gar in Nordrhein-Westfalen, da wirkt Ludwig Watschong. Jahrgang 1952, Gemüsezüchter, Saatgutproduzent, Sortenaktivist, Vielfaltspionier; ein freundlicher Typ, der jeden Jazzfrühschoppen schmücken würde, mit wachen Augen und Denkerstirn, randloser Brille und grauen Strähnen im Dreitagebart.

Lehmig der Boden, fruchtbar das Land (Foto: Martin Rasper)
Auf mehreren Grundstücken im Ort baut Watschong seine Pflanzen an, die meisten direkt hinter seinem Haus. Verglichen mit einer "normalen" Gärtnerei mit ihren großen Gewächshäusern wirkt das hier überschaubar, und es sieht sehr nach Handarbeit aus. Überall Pflanzen an Rankgerüsten, an Drähten und Schnüren, in Folientunnels, auf Hochbeeten, unter Strohmulch, unter Vliesen. Auf einem Schutznetz, das sich über dichtgedrängte, fast mannshohe Pflanzen wölbt, kreuzen Dutzende fetter Nacktschnecken - die, sofern man das von Nacktschnecken sagen kann, dumm aus der Wäsche gucken, denn unter dem Schutznetz wächst offenbar etwas Leckeres. "Radieschen", sagt Watschong. Wie? Diese riesigen, ein Meter zwanzig hohen Pflanzen mit den weißen Blüten? Genau. Wenn man Radieschen wachsen lässt, damit sie blühen und Samen produzieren, dann werden sie so groß. Er zeigt die Schoten, die die Form von Erdnüssen haben und in denen die Samen heranreifen.

Blütenstände der Winterheckenzwiebel (Foto: Martin Rasper)
Ein paar Meter weiter wachsen in einem Hochbeet Möhren heran, die er aufgrund ihrer Größe und Schönheit selektiert hat und die jetzt, im zweiten Jahr, die Samen produzieren: "Meine Elite", sagt er; für Züchter hat das Wort keinen ideologischen Beigeschmack, es sind einfach die besten. Daneben kniehohe Pflanzen von Winterheckenzwiebeln, die schön blühen, "ein fast vergessenes Gemüse"; dann Schnittknoblauch, auch so "ein vergessenes Gemüse"; Berglauch, eine Art Schnittlauch mit breiteren Blättern; und Kantenlauch, auch eine Art Schnittlauch.

"Ich bin jetzt schon einer von den Alten"

Watschong kommt gerade von einem Saatgutseminar, das er gehalten hat, eine Fortbildung für Gärtner. "Ich bin jetzt schon einer von den Alten", sagt er und grinst, "die das Wissen weitergeben müssen, bevor es verschwindet." Tatsächlich gehört er zu denen, die schon in den achtziger Jahren erkannten, dass das Saatgut eine zentrale Rolle spielen wird, wenn es darum geht, wie wir uns in Zukunft ernähren wollen. Und ob es irgendwann überhaupt noch möglich sein wird, ökologische Landwirtschaft zu betreiben - oder eben nicht, weil die Grundlage dafür verschwunden ist. "Mich haben damals zwei Bücher für das Thema sensibilisiert", erzählt er, "Pat Mooneys 'Saatgut und Welthunger' und Bernward Geiers 'Saatgut aus dem eigenen Garten'. Da war schon absehbar, dass die Großkonzerne einen immer stärkeren Zugriff auf das Thema kriegen würden." Was dazu führte, dass Watschong gemeinsam mit anderen 1986 den Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) gründete.

Ludwig Watschong mit seinen Wildtomaten (Foto: Martin Rasper)
Wie hellsichtig diese Leute waren, wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass damals noch kaum von Gentechnik die Rede war, dass Begriffe wie Nachhaltigkeit und Biodiversität nur Eingeweihten bekannt waren und dass als eines der drängendsten Umweltprobleme das Waldsterben galt. Aber schnell wurde den Leuten im VEN klar, dass es nicht reicht, mehr oder weniger nebenbei für die Sortenvielfalt einzutreten. Man brauchte Leute, die das Saatgut selber anbauten, die es vermehrten und weiterentwickelten - und die es verkaufen und davon leben konnten, denn nur so können die alten und die regionalen Sorten erhalten bleiben. "Saatgut in Genbanken aufzubewahren ist eine absolute Notlösung", erklärt Watschong; "es muss immer wieder angebaut werden. Die Sorte muss leben, sie muss sich an veränderte Bedingungen anpassen können. Und natürlich geht bei der Lagerung immer ein bisschen Vitalität und Keimfähigkeit verloren." So entstand als nächster Schritt aus dem VEN heraus 1990 der Dreschflegel, inzwischen einer der wichtigsten Anbieter von ökologischem Saatgut.

Etwa 50 Sorten baut Ludwig Watschong jedes Jahr an, den Kopfsalat "Maikönig" und den Stangensellerie "Roter Stiel", die Wildtomate "Rote Murmel" und die Fleischtomate "White Beauty", die Salatgurke "Weiße Lange" und eine Rosenkohl-Kreuzung mit dem schönen Namen "Vorfahrt beachten" - er verkauft aber nicht die Früchte selbst, sondern die Samen. Dazu kommt immer noch ein rundes Dutzend Sorten, mit denen er gerade experimentiert. "Die Pflanzen über Jahre oder gar Jahrzehnte in ihrer Entwicklung begleiten, sie züchterisch bearbeiten, das Potential rausholen, das in ihnen steckt", das sei für ihn das Spannende und Befriedigende an der Gartenarbeit.

Die klassische Züchtung funktioniert immer noch

Wenn man sieht, wie Ludwig Watschong mit seinen Pflanzen arbeitet, wie er Dinge ausprobiert, wie er kreativ ist, wie er bei all dem aus seinem profunden Wissen und seiner Erfahrung schöpft - dann wird einem klar, was bei der industriellen Landwirtschaft alles verlorengegangen ist. Und was noch klar wird: Die klassische Züchtung, so wie sie jahrtausendelang funktioniert hat, sie ist immer noch möglich. Man muss nichts ins Labor, man braucht keine Gentechnik, man muss keine Sorten patentieren, weil man vorher einen milionenschweren Aufwand getrieben hat - es geht auch ganz einfach. Immer noch.

Zum Beispiel die Ölzucchini. "Arenborner Walze" heißt sie, Watschong hat sie gezüchtet. Fruchtfleisch wie eine Zucchini, ölhaltige Kerne wie ein steirischer Kürbis. Irgendwann hat er die Idee dazu gehabt, als Ausgangsmaterial hat er sich Saatgut von der Samenbank Gatersleben geholt, und dann hat er einfach angefangen. Und ausprobiert. Hat die Pflanze über mehrere Generationen weiterentwickelt, durch Kreuzung, durch Selektion, hat mit dem gearbeitet, was die Natur ihm an Variation anbietet, und hat daraus etwas Neues gemacht - mit der gleichen Kombination aus handwerklichem Können und Hingabe, wie sie passionierte Gärtner seit jeher auszeichnet.

Oder der Rosenkohl. "Der Witz am Rosenkohl", sagt Ludwig Watschong, "jedenfalls für den Hausgärtner, ist ja gerade, dass die Rosen nacheinander reif werden. So hat man über Wochen hinweg immer wieder was zum Ernten. Der Erwerbsanbau will aber gerade das Gegenteil. Der will, das alles möglichst gleichzeitig geerntet werden kann; und dann geht natürlich auch die Züchtung in diese Richtung. Was zur Folge hat, dass die Haussorten aussterben."

Hier zeigt sich das ganze Dilemma, die Diskrepanz zwischen dem, was die EU und die Konzerne wollen, und dem, was für Gärtner, Biobauern, Selbstanbauer, Haus- und Hobbygärtner sinnvoll wäre. Auch Ludwig Watschong ist manchmal skeptisch, ob seine Art zu arbeiten überhaupt noch eine Zukunft hat. "Wenn ich mir das anschaue, was mit dem TTIP-Vertrag läuft, dazu das Saatgutrecht, das von der EU für alle Länder gleich geregelt werden soll, und dann noch die herrschende Patentgesetzgebung, die das Recht an Pflanzen und Tieren verkaufen möchte - dann bin ich manchmal schon pessimistisch."Hoffnung gibt ihm immer wieder, dass er nicht allein ist. Und dass andere das Dilemma schon vor vielen Jahren genauso klar gesehen haben - Jack R. Harlan etwa, Professor für Pflanzengenetik in New Orleans und Vorkämpfer für die Vielfalt der Kulturpflanzen. Seine Sätze sind ein Menetekel - und wirken wie eine Verpflichtung für Leute wie Ludwig Watschong: "Wenn die Vielfalt erhalten bleiben soll, dann wird sie letzten Endes von Amateuren gerettet werden müssen: von Menschen, die ihre Saaten lieben. Es waren in der gesamten Menschheitsgeschichte immer Amateure, die die Vielfalt bewahrt haben.

 

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Auf Bioland.de:

Im Netz:

Ludwig Watschongs Sortenliste bei Dreschflegel

Übersicht über die zugelassenen Amateursorten und Erhaltungssorten beim Bundessortenamt