Nicht nur Bienen, auch Hummeln und andere Insekten sind für die Bestäubung wichtig (Foto: Bioland)
28.04.2014
Interview mit Verhaltensforscher Jürgen Tautz

"Bienen erwirtschaften jährlich vier Milliarden Euro"

Wäre eine Biene an der Regierung, würde sie dafür sorgen, dass blühende Wegränder nicht dauernd abgemäht werden und Pestizide verboten werden. Jürgen Tautz, mehrfach ausgezeichneter Bienenforscher, erklärt im Interview, warum Bienen so wichtig für uns sind.

IM FOKUS: Herr Tautz, warum ist es so wichtig gerade die Honigbiene zu schützen und nicht etwa die Hummel?

Tautz: Hummeln sind ebenso schützenswert und wichtig. Die Bienen sind aber in ihrer Bestäubungsleistung die überragenden Arbeitspferde im Naturhaushalt. In Deutschland macht der Nutzwert vier Milliarden Euro jährlich aus, allein in der Obstbaumbestäubung. In der Rangfolge der Nutztiere sind sie auf Platz drei – nach Rind und Schwein. Der Nutzen gilt nicht nur für unsere Ernährung, sondern auch für Energiepflanzen. Auch wenn Raps eigentlich durch Wind bestäubt wird, ist der Ertrag um 20 Prozent höher, wenn er von Bienen bestäubt wird. Das macht in Deutschland 200 Millionen Euro aus.

IM FOKUS: Also ein sehr hoher wirtschaftlicher Nutzen.

Tautz: Bienen sind außerdem ganz wichtig für die Biodiversität in der Pflanzenwelt. Ohne Bienen gäbe es nicht so viele Blütenpflanzen. Fehlen die Bienen, würde es keine so bunte Vielfalt geben. Andere Bestäuber, also eben Hummeln oder Käfer, können das nicht ausgleichen. Das liegt daran, dass andere Insekten mehr spezialisiert sind, Bienen dagegen fliegen auf fast alles. Sie sind Generalisten. Diese Eigenschaft wirkt sich indirekt sogar auf die Qualität von Rindfleisch aus: Frisst die Kuh viele Wildblumen statt immer nur einer Pflanzensorte, schmeckt das Fleisch und die Milch gleich viel besser. Der Leistungen der Biene muss sich auch die Politik bewusst werden: Bienenprodukte, wie Wachs und Honig, können wir importieren, die Leistungen für das Ökosystem nicht.

IM FOKUS: Was denken Sie, wenn Sie ein großes Rapsfeld sehen?

Tautz: Reich gedeckter Bienentisch für eine kurze Periode, danach Wüste und eine Hungerperiode für die Bienen. Das liegt aber nicht am Raps, sondern am gesamten blütenfreien Erscheinungsbild weiter Landstriche durch Monokulturen, fehlende Blühstreifen und intensiven Pestizideinsatz.

IM FOKUS: Eine Welt ohne Bienen würde bedeuten...

Tautz: ... dass der wichtigste Bestäuber der Blütenpflanzen wegfiele und damit die entsprechenden Samen und Früchte deutlich vermindert würden. Es würde außerdem ein Stück Lebensqualität für uns Menschen wegbrechen, da summende Bienen zu einer gesunden Umwelt gehören.

IM FOKUS: Und was würde für die Bienen eine Welt ohne Imker bedeuten?

Tautz: Honigbienen sind in Ländern wie Deutschland ohne Imker nicht mehr lebens- und überlebensfähig. Mensch und Honigbiene sind gegenseitig aufeinander angewiesen. Die Bienen finden keine hohlen Bäume mehr, in denen sie leben können, deshalb brauchen sie die Behausung durch den Imker und auch seine Betreuung, wenn er sie vor Bienenkrankheiten schützt. Allerdings darf der Imker sie auch nicht zu intensiv betreuen. Das ist oft gar nicht böse vom Imker gemeint, aber es schadet den Bienen, wenn man jede Woche den Kasten öffnet und in das Volk guckt. So kommt kalte Luft hinein und die Bienen haben Stress, die Stocktemperatur von 37 Grad wieder herzustellen. Chemie im Bienenstock und das intensive Wandern mit den Bienen, wie etwa bei den großen Mandelplantagen in den USA, wo die Bienen durch das ganze Land gefahren werden, schadet den Bienen ebenso.

IM FOKUS: Viele Menschen möchten etwas gegen das Bienensterben tun und Bienen halten. Ist es sinnvoll, wenn sich jeder Bienen in den Garten stellt?

Tautz: Nicht unbedingt. Zum einen kann auch bei Bienen eine örtlich zu hohe Dichte zu Problemen bei den Völkern selbst führen, etwa durch Ansteckungsgefahr. Deshalb ist eine fachkundige Pflege der Bienenvölker heute unumgänglich, da von einzelnen Völkern die Gefahr von Krankheiten ausgehen kann. Einfach ein Bienenvolk in bester Absicht, aber ohne das nötige Fachwissen aufzustellen wäre eher ungünstig. 

IM FOKUS: Seit Jahren beobachten Sie Bienen und erforschen ihr Verhalten. Was fasziniert Sie am meisten?

Tautz: Am meisten fasziniert das hochkoordinierte Verhalten aller Mitglieder des Superorganismus Bienenkolonie. Eine komplexe Kommunikation und erstaunliche kognitive Fähigkeiten der Bienen bieten dafür die Grundlage. Es ist schon eine beachtliche Leistung, was sich eine Biene merken kann, also etwa weite Distanzen zur nächsten Blütenquelle. Aber etwa auch wie ausgeklügelt ihr Bau ist, um beispielsweise optimal Wärme zu speichern.

IM FOKUS: Haben die Bienen Sie auch etwas gelehrt?

Tautz: Auf jeden Fall Staunen und Ehrfurcht vor so kleinen Lebewesen.

IM FOKUS: Was können wir uns vielleicht alle von den Bienen abschauen?

Tautz: Nachhaltiges Verhalten, das heißt, der Umwelt Rohstoffe und Energie zu entziehen, ohne sie dabei zu zerstören. Außerdem: echte Basisdemokratie für die gesamte Kolonie als wichtiges Instrument für Problemlösungen. Und eine „stille Reserve“ an Arbeitskräften, die jederzeit verfügbar ist. Die meisten Bienen arbeiten die meiste Zeit nichts, können aber alles und sind immer anrufbar. Wenn konkrete Aufgaben auftreten, wie Nektarsammeln oder Nestverteidigung, kann das Volk sofort loslegen.  

IM FOKUS: Aus der Sicht einer Biene: Welche Regeln oder Gesetze würden Sie sofort erlassen?

Tautz: Zunächst: Im Frühjahr das Zurückschneiden von Büschen und Bäumen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben und das permanente Abmähen blühender Wegränder unterbinden. In der modernen Landwirtschaft müssen imkerliche, sprich bienenbezogene Belange, stärker berücksichtigt werden, also beispielsweise bienengefährliche Pestizide verboten werden.

IM FOKUS: Zum Schluss: Was beobachtet ein Bienenforscher eigentlich im Winter?

Tautz: Der Bienenforscher und jedermann kann über das Live-Projekt Hobos zusehen, wie hoch aktiv ein Bienenvolk auch im Winter sein kann. Bienen sind das ganze Jahr über sehr spannende Wesen.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person

Jürgen Tautz (Jahrgang 1949) ist Verhaltensbiologe an der Universität Würzburg. Nachdem er sich zunächst mit der Sinnesbiologie von Krebsen beschäftigte, erforscht er nun das Verhalten und die Biologie von Bienen. Er gründetet das Wissenschaftsprojekt Hobos (Honey Bee Online Studies), das sowohl Experten als auch Laien und Kindern die Welt der Honigbiene näher bringt. Über das Internet kann dort jeder das emsige Treiben im Stock und am Flugloch beobachten. Für die anschauliche Aufbereitung von Wissenschaft hat er schon zahlreiche Preise gewonnen. Er steht in stetigem Kontakt mit Imkern und Verbänden und ist gefragter Referent, wenn es um den Schutz der Biene geht.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.hobos.de