Neugierig: Minischwein Frida auf dem Risthof (Foto: Magdalena Fröhlich)
03.06.2015
Tiergestützte Therapie

Fit werden mit Schweinen

Verena kann nun über den Zaun beim Schweinegehege klettern. Nach einem Schädel-Hirn-Trauma hat sie dafür ein Jahr lang trainiert. Warum das ein Erfolg ist? Weil sie jetzt zum Beispiel auch auf einen Stuhl steigen kann, um die Glühbirne zu wechseln. Den Schweinen sei Dank. Von Magdalena Fröhlich

Verena beim Hühner-Füttern (Foto: Magdalena Fröhlich)
Wenn Verena sagt, sie ist heute froh, dass sie vor drei Jahren einen schweren Autounfall hatte, dann klingt das überrraschend, aber ziemlich ehrlich. Mit einem Eimer voller Körner steht sie im Hühnerauslauf und gibt dem Federvieh sein Frühstück. Während die Hühner fressen, klaut sie ihnen schnell die Eier. "Gott sei Dank ist der Hahn weg", sagt sie und lacht. "Vor dem hatte ich schon ein wenig Schiss." Das lag nicht nur daran, dass der sein Revier verteidigen wollte, sondern auch daran, dass Verena noch bis vor rund einem Jahr nicht schnell laufen oder sich überhaupt normal bewegen konnte. Der Autounfall hat bei der damals 17-Jährigen zu einem schweren Schädel-Hirn-Trauma geführt. Dadurch ist sie fast halbseitig gelähmt.

Verena erhielt die Prognose, wohl nicht mehr arbeiten gehen zu können. In ihrem Beruf als Töpferin braucht man viel Kraft und Fingerspitzengefühl. Seit rund zwei Jahren arbeitet Verena trotzdem wieder: statt an der Töpferschreibe meistens am Futtertrog. Fünfmal pro Woche kommt sie für drei Stunden auf den Risthof in Ratholz im Oberallgäu. Dort versorgt sie außer den Kühen und Pferde sämtliche Tiere: Von den Hühnern und Gänsen bis zu den Minischweinen. Dass sie ihren neuen Job liebt, hat vor allem etwas mit Frida und Mathilda, den beiden Minischweinen, zu tun. Jeden Morgen bekommen sie neben ihrer Futter- auch eine Streichelration und grunzen zufrieden, wenn man sie hinter den Ohren krault. "Das macht mehr Spaß, als den ganzen Tag über in einer Werkstatt zu sitzen", sagt Verena. Sogar einen Hund hat sie sich gekauft, mit dem sie nach Feierabend Gassi geht.

Verena beim Misten des Schweinegeheges, ein Lämmchen schaut neugierig zu (Foto: Magdalena Fröhlich)
Dass Verena die Streicheleinheiten für die Tiere austeilen kann, ist nicht selbstverständlich. Zum Schweinegehege gibt es nämlich keine Tür. Wer hinein will, muss erst über einen kleinen Zaun klettern. Schweine, auch wenn es Minischweine sind, können schon mal zubeißen, wenn ihnen etwas nicht passt. Verena hat es nicht gepasst, dass sie die Schweine anfangs nicht versorgen konnte. "Da drüber zu steigen, das habe ich körperlich nicht geschafft", erzählt sie. Das klappt nun. Nach über einem Jahr Training. Jetzt kann sie nicht nur über den Schweinezaun klettern, sondern etwa auch auf einen Stuhl, um an die obersten Fächer ihrer Schränke zu gelangen oder um eine Glühbirne auszutauschen. "Auch wenn das Ziel 'über einen Zaun klettern' absurd klingen mag, hat das eine hohe Alltagsrelevanz. Letztendlich geht es darum, sich besser bewegen und selbstständiger leben zu können", sagt Veronika Rist. Sie ist Geschäftsführerin, Ergo- und Reittherapeutin auf dem Risthof.

Tiere helfen Patienten jeden Alters

Bevor Verena zum Arbeiten auf den Risthof kam, hat sie dort eine Ergotherapie gemacht - und ihre Leidenschaft für Tiere entdeckt. Auch jetzt trainiert sie hier ihre Bewegungsfreiheit weiter. Neben Verena werden hier wöchentlich rund 100 Patienten behandelt: vom Säugling bis zum Rentner. Die Diagnosen sind unterschiedlich: Lernschwierigkeiten, Multiple Sklerose, Autismus, Depressionen, Unfallverletzungen. All diesen Patienten sollen Tiere bei der Therapie helfen. Zum einen, weil die Motivation höher ist, zum anderen, weil Tiere auch einiges können, was ein herkömmliches Übungsgerät nicht schafft.

tiergestützte Therapie
Dass dieser Mann im Rollstuhl sitzt und MS-Krank ist, sieht man auf dem Pferd nicht (Foto: Magdalena Fröhlich)
Wenn jemand seinen Arm nicht mehr bewegen kann, weil der Impuls vom Gehirn zu den Armmuskeln nicht mehr ankommt, hilft eines der 17 Pferde und Ponys. Die Tiere haben im Schritt den gleichen Rhythmus wie der Mensch und bewegen so den Körper des Reiters in alle Richtungen mit. Ohne selbst eine Übung auszuführen, kommt der Körper durch die Bewegung des Pferdes in Schwung. Wenn etwa ein Arm steif ist, wird er durch den Schwung des Pferdes mitbewegt. Rist erklärt: "Das Gehirn braucht rund 20 Minuten den gleichen Reiz, um neue Synapsen zu bilden. Die Bewegung, auch wenn sie nicht aktiv gesteuert wird, kommt als Impuls beim Gehirn an. So lernt der Mensch irgendwann, selber wieder diese Bewegung auszuführen." Bei Verena hat das geklappt.

Auch die Pflege des Pferdes fördert die Bewegungskoordination (Foto: Magdalena Fröhlich)
Eine Stunde Reittherapie kostet 28 Euro. Weil diese aber nicht verschrieben wird, zahlen das die meisten Kunden auf dem Hof selbst. Bei der Hippotherapie ist das anders, sie wird vom Arzt verordnet. Der Unterschied: Während Hippotherapie so etwas wie Krankengymnastik auf dem Pferd ist, geht es bei der Reittherapie auch um psychologische und pädagogische Faktoren. Denn anders als reit- und tiergestützte Therapie ist Hippotherapie gesetzlich definiert. Das heißt: Wer diese anbieten möchte, muss sich von den Krankenkassen kontrollieren lassen. Für Therapien mit anderen Tieren gilt das nicht. Ein Schild mit tiergestützter Therapie darf sich praktisch jeder an die Praxis hängen.

Deshalb setzt der Risthof vor allem auf eine Zertifizierung der internationalen und der europäischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie (ISAAT, ESAAT). "Uns ist es wichtig, dass es Standards gibt und es mehr Ausbildungsprogramme gibt. Ohne diese Weiterentwicklung bleibt die tiergestützte Therapie eine Selbstzahlerleistung und wird nicht durch die Krankenkassen finanziert", so Rist. 

Mit einem dickeren Geldbeutel als ihre Berufskollegen gehen die Logopäden, Ergo-, Physio- und Reittherapeuten, Masseure und Tiertrainer am Ende des Monats dennoch nicht nach Hause. Die höheren Kosten gehen für die Tiere drauf. Trotzdem lohnt sich das für den Hof - aus einem Umkreis von 80 Kilometern Entfernung kommen die Patienten.

Sprechen lernen mit dem Pony

Einer von ihnen ist Max. Er ist sieben Jahre alt, schüchtern, kann schlecht reden und hinkt in seiner Entwicklung Gleichaltrigen hinterher. Das ist Max, wie er von anderen oft beschrieben wird, sagt seine Mutter. Währenddessen sitzt Max auf einem Pony und erzählt und erzählt.

Zum Beispiel, dass er schon sechs Kinder hat, später 120 Pferde haben möchte, dass die Berge ringsum alle ihm gehören und er mindestens sechs Sprachen lernen möchte. Auch so eine, um mit Pflanzen zu reden. Kinderfantasien. Schüchtern wirkt er nicht. Zumindest nicht, wenn er auf Pony Blacky sitzt. Der Siebenjährige besucht eine Förderschule, er kam mit einem schiefen Hals zur Welt, sieht sehr schlecht, hat Probleme mit den Buchstaben "K" und "G" und kann seine Bewegungen nicht so gut koordinieren. Max macht eine tiergestützte Sprachtherapie. Statt Gymnastikball und Buntstiften, hilft Blacky bei den Übungen. Was das Pony mehr kann als Stift und Ball? Zum Beispiel Max kleinen Körper bewegen, ohne dass er dafür aktiv etwas tut. Durch den Gang des Tieres richtet sich der Rücken auf, der Gleichgewichtssinn wird geschult. Allein durch das Sitzen auf dem Pferd.

Das geht sogar so weit, dass selbst die Kiefermuskulatur gelockert wird, wenn sich der Junge auf dem Tier entspannt. Eine gute Voraussetzung für Sprechübungen. Logopädin Tina Bruneau leitet Max an, im Rhythmus des Pferdes die Zunge herauszustrecken. "Bäh" zur gesamten Umgebung zu sagen, ist lustig. Die nächste Übung: Max soll seine Zunge von einer Backentasche in die andere schieben. All das könnte man zwar auch in einem Praxisraum machen, aber: "Bei schlechtem Wetter sind wir natürlich auch drinnen, aber wer sitzt schon gern dauernd in einer Praxis? Die Übungen draußen mit den Tieren machen den Patienten mehr Spaß, sie sind motivierter. Und manchmal fällt gar nicht auf, dass das gerade eine Übung ist", so Bruneau. Hufe-Auskratzen oder das Pferd zu striegeln, zum Beispiel. Bevor es zum Reiten geht, ist das nämlich Pflicht. Mit großen Kreisbewegungen bürstet Max Pony Blacky, bis es glänzt.

"Das ist was für Mädchen", wird Max später zu seiner Mutter sagen. Egal. "Die Aussicht, dass er sich nach der Therapie-Stunde auf den Trekker setzen darf, zieht immer", erzählt sie. "Und letztendlich freut er sich doch immer aufs Reiten." Die Kreisbewegungen beim Striegeln tun nicht nur Blacky gut. Auch für Max sind sie nützlich. "Jede Bewegung, die über die Körpermitte hinausgeht, verbindet die beiden Hirnhälften miteinander. Das fördert die Konzentration und schult die kognitiven Fähigkeiten", erklärt Rist. Nach rund 45 Minuten steigt Max vom Pony. Und endlich auf den Trekker. Auch Blacky hat nun Pause. Er trabt zu seinen Kollegen auf die Weide.

Das Minischwein ist immer auf der Suche nach Fressbarem (Foto: Magdalena Fröhlich)
Neben Blacky hat Max auch schon einige der anderen Tiere kennengelernt. Frida und Mathilda zum Beispiel - die zwei Minischweine. Für sie macht er manchmal Schweine-Fraß. Mit einem Schraubenschlüssel bohrt er kleine Löcher in Kohl und Möhren und fädelt sie an einer Schnur auf, dann hängt er sein Werk in den Stall. Das macht die Schweine satt und Max hat seine Fingerfertigkeit und Feinmotorik geschult. Dafür könnte er zwar auch etwas basteln, gegen echtes Werkzeug und zwei grunzende Schweine kommen Schere und Kleber aber nicht an. Das sieht er genauso wie Verena: Mit Schweinen trainiert sich’s leichter.

Urlaub und Kurzzeittherapien

Der Hof bietet verschiedene Urlaubsangebote an - für behinderte und nicht behinderte Menschen: Vom klassischen Bauernhofurlaub bis hin zu gemeinsamen Urlauben von Betroffenen und deren Familien mit ADHS oder Down-Syndrom. So können sich die Familienmitglieder austauschen, das Therapieangebot nutzen oder einfach entspannen. Auf dem Hof gibt es drei Ferienwohnungen, auch eine behindertengerechte. Weitere Übernachtungsmöglichkeiten gibt es fußläufig im Dorf.

Info: www.risthof.info

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.risthof.info

www.tiergestuetzte-therapie.de