Gerade Backwaren landen täglich im Müll - weil auch abends die Auswahl noch groß sein soll (Foto: blickwinkel/imago)
07.01.2015
Interview mit dem Macher von "Taste the Waste"

"Krumme Gurken sind erlaubt, werden aber nicht verkauft"

Wie wäre es, wenn wir einfach die Müllgebühren für Lebensmittelabfälle erhöhen? Das ist nur ein Vorschlag, den der Dokumentarfilmer Valentin Thurn macht, damit weniger Essbares in der Tonne landet.

IM FOKUS: Sie haben ja in vielen Ländern einen Blick hinter die Kulissen der Lebensmittelproduktion geworfen. Wird denn überall auf der Welt so viel weggeworfen?

Thurn: Egal, ob Sie nach Europa, in die USA oder nach Japan reisen: Zehn Prozent des Hausmülls sind verwertbare Lebensmittel. In Entwicklungsländern dagegen werfen die Verbraucher gar nichts weg. Wenn etwas nicht mehr verwertbar ist, dann bekommen es die Tiere. Etwa Speisereste aus Restaurants. Auch für den Handel gilt das: Jedes Blättchen, das in einem Lebensmittelgeschäft übrig bleibt, wird da an Tiere verfüttert.

IM FOKUS: Trotzdem spricht die Welternährungsorganisation FAO von rund 40 Prozent Lebensmittelmüll in Entwicklungsländern - genauso viel wie in industriealisierten Ländern.

Lebensmittelmüll weltweit

Laut der Welternährungsorganisation FAO werden in Europa und Nord-Amerika 95 bis 115 Kilo Lebensmittel jährlich von den Verbrauchern verschwendet. In den Ländern südlich der Sahara genauso wie in Süd- und Südost-Asien werfen die Menschen sechs bis elf Kilo weg. Dies wird jedoch meist an Tiere weiterverfüttert.

www.fao.org

Thurn: Ja. Weil es dort an Infrastruktur und geeigneten Lagermöglichkeiten fehlt. Bei uns hat eine Maus oft keine Chance in ein Gemüselager zu gelangen. Das ist nicht überall so. Und es gibt auch nicht auf der ganzen Welt Kühltransporte. Es stimmt also, dass auf dem Weg vom Feld bis zum Markt viele Lebensmittel verloren gehen. Was bei uns etwas mit Überfluss und Verschwendung zu tun hat, sind hier Verluste, die niemand absichtlich herbeiführt.

IM FOKUS: Und warum werfen wir in den reicheren Ländern so viel weg?

Thurn: Die Gründe sind überall die gleichen - selbst in Ländern, in denen die Esskultur sehr hochgehalten wird - also etwa in Italien oder Frankreich. Wir kaufen mehr, als wir brauchen, und wir wollen immer alles verfügbar haben - also auch abends um sechs Uhr noch 20 Brote zur Auswahl. Da ist es klar, dass das Regal bis Ladenschluss nicht mehr leergekauft wird: Vieles liegt auch an überdimensionierten Größen: Ein Single-Haushalt braucht keine Jumbo-Packung und Angebote wie "nimm drei, zahl' zwei" verführen ebenso dazu, mehr zu kaufen, als man essen kann. Ein weiterer Grund ist mangelndes Wissen über das Mindesthaltbarkeitsdatum. Das ist ja nur ein Qualitätsversprechen, dass die Ware bis zu diesem Zeitpunkt auch optisch und geschmacklich noch in Ordnung ist. Das Verbrauchsdatum dagegen gibt an, bis wann man das Produkt tatsächlich essen sollte. Hier heißt es nicht "mindestens haltbar bis", sondern "ungeöffnet zu verbrauchen bis". Aber viele Menschen kennen den Unterschied nicht. Hier versagt der Gesetzgeber - er müsste für eine bessere Unterscheidbarkeit eintreten.

IM FOKUS: Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum dann nicht sogar beliebig?

Thurn: Doch, zum Teil bestellt der Handel sogar ein von ihm gewähltes Mindesthaltbarkeitsdatum. Das heißt: Es handelt sich um das gleiche Produkt, das am gleichen Tag im gleichen Unternehmen hergestellt wurde - aber je nach Bestellung der Händler ist ein anderes Mindesthaltbarkeitsdatum aufgedruckt.  Die Händler hoffen, auf diese Weise mehr zu verkaufen, weil die Leute ja lieber frische Ware wollen und das Lebensmittel eher wegwerfen.

Das Forschungsinstitut Biologischer Landbau (FIBL) und die Welternährungsorganisation haben in einer Studie herausgefunden: Lebensmittelmüll kostet der Weltgemeinschaft rund vier Prozent des globalen Bruttosozialprodukts - 2,6 Billionen US-Dollar:

  • Die direkten Kosten durch die verlorene Produktion machen etwa eine Billion US-Dollar aus,

  • die Umweltkosten (Treibhausgasemissionen, Wasserverbrauch) belaufen sich auf etwa 700 Milliarden

  • die sozialen Kosten (Gesundheitskosten, Konflikte, Wohlfahrtsverluste aufgrund schwindender Lebensgrundlagen) betragen rund 900 Milliarden US-Dollar.

Quelle: www.fibl.org

IM FOKUS: In Frankreich gibt es ja Supermärkte, die sich darauf spezialisiert haben, Ware zu verkaufen, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) schon abgelaufen ist. In Deutschland dagegen werden diese Produkte aussortiert.

Thurn: Laut europäischem Recht ist es nicht verboten, Lebensmittel auch nach Ablauf des MHDs zu verkaufen. Die deutschen Supermärkte dürften das also genauso machen wie die Franzosen. Allerdings weiß das fast keiner.

IM FOKUS: In England hat es ja ganz gut geklappt, dass dort weniger Lebensmittel im Müll landen. Wie haben die Engländer das denn geschafft?

Thurn: Dort hat der Staat ein eigenes Institut gegründet, das sich mit dem Müll-Problem beschäftigt. Außerdem gab es eine breite Kampagne, die sowohl den Handel als auch die Verbraucher angesprochen hat. Jetzt gibt es beispielsweise kaum noch "Buy one, get two Angebote", Verpackungen wurden verkleinert, und es ist jetzt üblich, Produkte billiger anzubieten, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft. Auch in der Gastronomie und in den Privathaushalten wird nun weniger Essen weggeworfen.

IM FOKUS: Die Regierung hat also eine Kampagne in Auftrag gegeben und alle haben mitgemacht. Wie kam es denn dazu?

Thurn: England hat jahrelang in seiner Müllpolitik geschlafen. Dann hat die Regierung gemerkt: Unsere Müllkippen sind voll, wir müssen dringend etwas dagegen unternehmen. Müllverbrennungsanlagen wie in Deutschland gibt es dort kaum. Ein Punkt war beispielsweise, dass die Müllgebühren erhöht wurden. Es tut nun also allen Beteiligten mehr weh, wenn sie mehr wegwerfen. Ein wesentlicher Pluspunkt der Kampagne war aber auch, dass sie nicht nur beim Verbraucher angesetzt hat, sondern die gesamte Kette angesprochen hat.

IM FOKUS: Was wären denn Ihre drei wichtigsten Appelle an den Bundes-Landwirtschaftsminister in puncto Lebensmittelmüll?

Thurn: Erstens brauchen wir eine Kampagne, die die gesamte Produktionskette betrachtet - der Handel und die Landwirtschaft müssen genauso einbezogen werden wie der Verbraucher. Zweitens müssen wir das Wegwerfen teurer machen - Überfluss ist leider viel zu billig. Und drittens muss das Landwirtschaftsministerium dafür eintreten, dass Verbraucher das Mindesthaltbarkeits- und das Verbrauchsdatum unterscheiden können.

IM FOKUS: Normen wie die berühmte krumme Gurke sind also gar nicht das Problem?

Thurn: Doch, auch. Wobei zumindest die Norm zum Krümmungsgrad der Gurke abgeschafft wurde. Krumme Gurken sind also erlaubt, werden aber nicht verkauft, weil der Handel an solchen Vorschriften festhält. Hinzu kommt: Bei den zwölf am meisten verkauften Produkten gibt es immer noch ganz abstruse Vorgaben. Die Norm, wie ein Apfel auszusehen hat, ist beispielsweise 30 Seiten stark. Dort ist auch geregelt, wie groß ein Apfel zu sein hat und wie viel Prozent der Apfelschale, je nach Sorte, rot beziehungsweise grün sein müssen. Es darf nicht sein, dass ein Landwirt ein Drittel der Ernte aussortieren muss, weil das Obst und Gemüse nicht so gewachsen ist, wie es eine abstrakte Norm vorsieht. Um dem beizukommen, müsste aber vor allem der Handel und weniger die Politik aktiv werden.

IM FOKUS: Was können denn wir Verbraucher tun?

Thurn: Das Wichtigste ist, Lebensmittel wertzuschätzen. Wenn man weiß, wer für meinen Salat auf dem Acker stand, und bewusster einkauft, der wirft auch weniger weg. Und wenn Sie doch einmal zu viel gekauft haben, dann können Sie Ihre Lebensmittel auch verschenken, auf foodsharing.de

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person:

Valentin Thurn, Jahrgang 1963, ist Dokumentarfilmer und hat gemeinsam mit dem Journalisten Stefan Kreutzberger das Buch "Die Essensvernichter" geschrieben. Er wurde besonders durch den Film "Taste the waste" bekannt, in dem er aufdeckt, wie unsere Lebensmittel verschwendet werden. Thurn hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Umwelt-Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe.

Im Frühjahr 2015 erscheint sein neuer Film "10 Milliarden". Hier geht er der Frage nach, mit welchen Mitteln die Welternährung sichergestellt werden kann. Bereits Mitte November erschien dazu das ebenfalls mit Stefan Kreutzberger verfasste Buch "Harte Kost. Wie unser Essen produziert wird - auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt".

Gewinnspiel: Schreiben Sie bis zum 2. Februar Ihr Lieblingsrezept aus der Resteküche an onlineredaktion(at)bioland.de und gewinnen Sie mit etwas Glück das neue Buch von Valentin Thurn und Stefan Kreutzberger "Harte Kost". Das beste Rezept wollen wir außerdem auf unserer Website vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.thurnfilm.de