Der Gemeinschaftsgarten "o'pflanzt is!" in München (Foto: R. Zierer)
02.06.2014
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Kleines Urban-Gardening-Lexikon

Gemeinschaftsgarten, Guerilla Gardening, Permakultur - was ist was beim Urban Gardening? Eine Begriffsklärung von A wie Altlasten bis Z wie Zwischennutzung. Von Martin Rasper

Altlasten

In Städten ist der Boden durch industrielle Vornutzung oftmals kontaminiert; deshalb hat die Urban-Gardening-Bewegung das -->Hochbeet wiederentdeckt, damit schon mal der Boden unbelastet ist. Bleibt das Problem der allgemeinen Luftverschmutzung; die geht allerdings in den Städten seit Jahren zurück. Achten sollte man zudem z.B. auf mögliche Bleibelastung bei Wandanstrichen oder Fallrohren an alten Gebäuden.

Bienen

Bienen in der Stadt verbreiten sich immer mehr: Die Stadtimker-Bewegung ist eng mit dem Urban Gardening verbunden, fast alle größeren Gemeinschaftsgarten-Projekte halten auch Bienen. Der -->Permakulturgarten im Hamburger Volkspark beispielsweise produziert längst seinen eigenen Honig.    

Gemeinschaftsgarten

Oberbegriff für alle Gärten, die gemeinsam bewirtschaftet werden und in denen der soziale Aspekt eine große Rolle spielt; gelegentlich hört man auch den Begriff "partizipatives Gärtnern". Viele der neuen Gartenprojekte zählen hierzu. In Gemeinschaftsgärten geht es den Menschen nicht in erster Linie um Selbstversorgung, sondern um das gemeinsame Tun, die Begegnung, die Beschäftigung mit Pflanzen und Lebensmitteln. In Gemeinschaftsgärten im engeren Sinn gibt es keine individuellen Beete.  

Guerilla Gardening

Gärtnern auf Land, das einem nicht gehört - ob Brachland oder Baulücken oder öffentliche Flächen wie Randstreifen und Verkehrsinseln. Das Spektrum der Aktivitäten reicht vom Werfen von -->Samenbomben bis zum Pflanzen und anschließenden Pflegen komplexer Beete. Guerilla Gardening ist z.T. ein Medienphänomen, der gern etwas aufgeblasen wird; andererseits ist es in vielen Städten inzwischen üblich geworden, dass Anlieger kleine Beete direkt vor ihrer Tür pflegen (auf öffentlichem Grund), ohne dass davon ein Aufhebens gemacht wird.   

Hochbeet

Traditionelle Beetform, die vom Urban Gardening neu entdeckt wurde. Hochbeete gab es bereits in den Stadtgärten seit dem Mittelalter, wo der Platz eng war; beim Urban Gardening sollen sie vor allem vermeiden, dass man in möglicherweise kontaminierten Boden pflanzt. Die -->Prinzessinnengärtner entwickelten das Hochbeet aus zwei übereinandergestellten Kunststoffkisten, wie sie von Bäckereien zum Transport der Brote verwendet werden; andere Initiativen bauen Hochbeete aus Altholz, aus alten Schränken, Türen oder Betten. Neben der guten Erde bietet das Hochbeet weitere Vorteile: Man hat eine bequeme Arbeitshöhe; die Schnecken haben es schwerer; und, falls es nicht zu groß ist, kann man es bei Bedarf transportieren: Vier Kisten passen genau auf eine Europalette.  

Interkultureller Garten (auch Internationaler Garten, MigrantInnengarten)

Gartenform, die sich seit den neunziger Jahren immer mehr verbreitet; der erste Interkulturelle Garten entstand 1995 in Göttingen mit Flüchtlingen aus dem Jugoslawienkrieg. Inzwischen gibt es in Deutschland bereits mehr als 130, und es entstehen immer noch neue. Das Gärtnern dient hier nicht nur der Selbstversorgung, sondern auch der Kommunikation, der Integration und dem Abbau von Vorurteilen. In puncto Gemüsevielfalt sind die Interkulturellen Gärten spannende Orte. Für viele MigrantInnen ist der Garten einerseits ein Stück Heimat - und andererseits die beste Möglichkeit, in der Fremde heimisch zu werden.  

Nachbarschaftsgarten (auch Kiezgarten, Quartiersgarten o.ä.)

Ein Garten, der meist von einer Initiative angelegt und von den Anwohnern getragen wird. Häufig mit Unterstützung der Stadt oder von Sponsoren; manchmal an die Stadtteilarbeit angebunden, oft in der Form eines eigens gegründeten Vereins. Nachbarschaftsgärten haben oft eine Mischung aus individuellen und Gemeinschaftsbeeten. Eine Sonderform ist der Mietergarten, der von einer Mietergemeinschaft oder Wohnungsbaugesellschaft speziell für ihre Mieter angelegt wird.  

Ökologischer Anbau

Da die meisten Urban-Gardening-Projekte sich auch aus politischer Motivation heraus speisen und ein Zeichen gegen die chemisch-industrielle Landwirtschaft setzen wollen, ist ökologischer Anbau in der Regel selbstverständlich. Pflicht ist zumindest die Verwendung von möglichst torffreier Bioerde sowie der Verzicht auf Kunstdünger und chemische Spritzmittel; meist wird auch die Saatgutproblematik und die Bedrohung der Sortenvielfalt thematisiert, indem möglichst samenfestes Saatgut und zum Teil auch traditionelle Sorten verwendet werden.

Permakultur

Ein methodischer Ansatz beim Gärtnern bzw. der Landwirtschaft, der möglichst mit natürlichen Systemen arbeitet: Kreislaufwirtschaft, Mischkultur, optimale Flächenausnutzung horizontal wie vertikal, optimale Nutzung der natürlichen Ressourcen und der Beziehungen zwishen den Pflanzen. Viele Urban-Gardenig-Projekte versuchen Permakultur in Ansätzen zu verwirklichen, indem sie zumindest Regenwasser sammeln und Kompost machen etc., stoßen aber aus unterschiedlichen Gründen schnell an Grenzen, z.B. weil sie als typische -->Zwischennutzung nicht langfristig auf ihrem Gelände planen können. Gelungene Beispiele für urbane Permakulturprojekte in Deutschland sind der Permakulturgarten im Hamburger Volkspark sowie der UmweltKulturPark in Dortmund-Barop.

Prinzessinnengarten

Keine eigene Gartenform, sondern das bekannteste Urban-Gardening-Projekt, jetzt bereits im sechsten Jahr. Die Prinzessinnengärtner haben Begriffe wie "mobile urbane Landwirtschaft" und das -->Hochbeet aus Kunststoffkisten bekannt gemacht und die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, wie sehr ein Gemeinschaftsgarten ein Stadtviertel beleben kann. Das als gemeinnützige GmbH konzipierte Projekt am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg hat sich längst zur Attraktion nicht nur für Touristen entwickelt, sondern auch für Kommunalpolitiker, Stadtplaner und Designstudenten.    

Samenbombe (auch Samenkugel od. Seed Bomb)

Ein Werkzeug der -->Guerilla-Gärtner: Kugeln aus lehmiger Erde, in denen Samen stecken. Man wirft sie auf Brachland und lässt der Natur ihren Lauf. Wenn es regnet, quillt die Erde auf, und die Samen beginnen zu keimen; für die erste Zeit haben sie genug Nährstoffe in der Erde, danach wurzeln sie in den Boden. Wenn es gut geht. Wenn nicht, hat es nicht sein sollen. Rezept: 5 Teile Lehm, 3 Teile Komposterde, 1 Teil Wasser, 1 Teil Samen.  

Selbsterntegarten (auch Mietgarten, Pflückgarten, Krautgarten o.ä.)

Eine Parzelle, die im Frühjahr von einem Profi mit vorgezogenem Gemüse bepflanzt wird und die man die Saison über pflegt und beerntet. Gilt als optimaler Einstieg ins Gärtnern für Anfänger. Die Idee stammt aus Österreich und wurde in Deutschland zuerst an der Uni Kassel beziehungsweise der Staatsdomäne Frankenhausen ausprobiert; in den letzten Jahren hat sie sich rasant verbreitet. Selbsterntegärten werden sowohl von Landwirten in Eigeninitiative eingerichtet als auch von manchen Kommunen (z.B. die Krautgärten in München) als auch von Unternehmen wie Meine Ernte, Bauerngarten, Ackerhelden u.a. 

Transition Town

Bewegung von Bürgern, die ihre Gemeinde in Eigeninitiative auf den Übergang (englisch: transition) in die Epoche nach dem Erdöl vorbereiten wollen. Stammt aus England, wo sich schon Städte wie das 400.000 Einwohner große Bristol zur "Transition Town" erklärt haben; in Deutschland waren Bielefeld und die Ökostadt Witzenhausen sowie der Berliner Bezirk Friedrichstadt-Kreuzberg die ersten. Wesentliches Thema jeder Transition-Initiative ist neben Verkehr, Klima und Wohnen auch eine stärker regional verankerte Ernährung und deshalb auch das Gärtnern.  

Urban Gardening (auch urbanes Gärtnern od. Stadtgärtnern)

Etwas unscharfer Begriff, der alles umfasst, was an gärtnerischen Aktivitäten in der Stadt passiert, dazu neu und ungewöhnlich ist oder sonst in kein herkömmliches Schema passt. Der Begriff wird gelegentlich wegen seiner Unschärfe kritisiert ("Schrebergärten gab es doch schon immer!"), hat sich aber durchgesetzt, weil er eine neue und sehr vielgestaltige Entwicklung beschreibt.

Zwischennutzung

Stadtplanerischer und verwaltungstechnischer Begriff für die vorübergehende Nutzung innerstädtischer Flächen - bevor dort etwas "Richtiges" hinkommt. Viele Urban Gardening-Projekte sind typische Zwischennutzungen und deshalb in ihrem Bestand latent gefährdet.  

 

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