Plastik ist überall: Im Ozean schwimmt ein Strudel aus Plastik-Partikeln, von Tieren werden sie für Plankton gehalten (Foto: Ferdi Rizkiyanto)
03.02.2014
Kunststoff

Kann denn Plastik Bio sein?

Die natürlichste Verpackung für Milch ist eine Kuh. Sie ist stabil und kompostierbar. Milchbecher aus Bio-Plastik sind das auch und sollen der Industrie zufolge die Umwelt vor dem Müll retten und Ressourcen schonen. Doch ist alles, was bio heißt, auch ökologisch sinnvoll? Von Magdalena Fröhlich

Vielleicht darf's zu den Frühstücksbrötchen noch etwas Erdöl sein? Nicht bei der Bäckerei Stumpp aus Deizisau. Inhaber Achim Stumpp hat sich das Ziel gesetzt: Alles Plastik muss raus. Zumindest erst einmal bei den Verpackungen. Ursprünglich dachte er, er könne einfach auf Bioplastik umsteigen. Aus Bio-Kunststoff gibt es mittlerweile fast alles, was es auch aus herkömmlichen Plastik gibt. Doch schon blad kam er zu der Erkenntnis, dass dies keine wirkliche Alternative ist. "Ich habe sogar festgestellt, dass manches Bio-Plastik viel dicker ist. Da ist einfach nochmal eine Schicht über dem Plastik aus Erdöl drüber", schüttelt der schwäbische Bäcker den Kopf. Denn mit "Bio" hat Plastik in den seltensten Fällen zu tun. Da gibt es Bio-Plastik, das aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, dann gibt es solches, in dem sowohl Pflanzen als auch Erdöl enthalten sind. Von beidem gibt es noch Varianten, die kompostierbar sind - oder eben nicht. Hinzu kommt: Es gibt sogar Plastik, das aus Erdöl ist, aber trotzdem verrottet. Ob ein Kunststoff das kann, zeigt ein Symbol mit einem Keimling an.  

Der Keimling zeigt an, ob das Produkt kompostierbar ist
Doch ganz so leicht ist es nicht. "Bio-Plastik mit Kompostierung zu bewerben führt Verbraucher leicht in die Irre", meint Thomas Fischer, Abfallexperte bei der Deutschen Umwelthilfe. "Die Unternehmen sprechen immer von einer theoretischen Abbaubarkeit unter industrietechnischen Bedingungen, die in der Natur oder bei der Heimkompostierung nicht gegeben sind", sagt er. Oder welcher Komposthaufen hinterm Haus wird über 60 Grad heiß? Denn erst dann zersetzt sich das Bio-Plastik zu CO2 und Wasser. Man könnte also noch nicht einmal Rosen darauf züchten. Denn Humus fällt dabei keiner an. "Noch nicht einmal Kompostierungsanlagen können mit dem Bio-Plastik etwas anfangen. Zum Verrotten braucht Bio-Kunststoff einfach länger als normaler Bio-Abfall. Dann hängen Kunststofffetzen in der Erde und der Kompost verliert an Wert."  

Sogar schädlich könnte das Bio-Plastik im Rosenbeet sein. Denn nur weil das Plastik die Vorsilbe "Bio" trägt, heißt das noch lange nicht, dass keine schädlichen Chemikalien enthalten sind. "Auch im Bio-Plastik sind sogenannte Additive enthalten, also Stoffe, die die Materialeigenschaft beeinflussen: Zum Beispiel damit sie gut formbar oder antistatisch sind", erklärt Fischer. Außerdem werden Bio-Plastiktüten mit denselben Chemikalien bedruckt wie Tüten aus Rohöl." Einige dieser Stoffe sind hormonell wirksam oder stehen in Verdacht krebserregend zu sein. Ein Beispiel dafür ist Bisphenol-A.

Bio-Plastik: Die Bezeichnung ist trügerisch (Foto: Achim Raschka, wikimedia)
Auch der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist vom Plastik aus Pflanzen nicht begeistert: Man sieht es dem Plastik ja nicht an, ob es sich um eines vom Acker oder um eines aus Erdöl handelt. Deswegen wird es selbst in Kompostierungsanlagen aussortiert - und landet in der Müllverbrennung. Fischers Fazit lautet: "Biokunststoffe sind unter den derzeitigen Bedingungen weder ökonomisch, noch ökologisch besonders vorteilhaft." Auch andere Umweltverbände wie der BUND kritisieren, dass damit eine Haltung zur Wegwerfkultur entsteht. Immerhin vermittelt der Keimling den Eindruck: Der Müll verrottet ja. Nur verrottet eben ein weggeworfener Apfel deutlich schneller und gründlicher als eine Einkaufstüte.

Daher kritisiert Rolf Buschmann, Abfallexperte beim BUND: "Als vermeintliche 'Bio-Produkte' gekennzeichnet, sorgt diese Ware allenfalls für ein gutes Gewissen beim Verbraucher, der letztendlich sogar glaubt, sein Konsumverhalten nicht wirklich ändern zu müssen." Egal ob Kompost oder Verbrennung - beides sei eine enorme Ressourcenverschwendung. "Diese Verschwendung von Energie kann sich die Menschheit nicht leisten, wir müssen mehr auf die Langlebigkeit von Produkten setzen", so Buschmann.   

Debatte ähnlich wie bei Bio-Treibstoff

Ihre Skepsis begründen die Abfall- und Umweltexperten auch mit der Konkurrenz zur Ernährung von Mensch und Tier. Das bedeutet: Das Plastik braucht Platz auf dem Feld. Und zwar dort, wo normalerweise das angebaut wird, was verpackt wird - Lebensmittel. Die Verpackung verdrängt also den Inhalt.  

Doch Kristy-Barbara Lange vom Verband European Bioplastics ist vom Nutzen des Materials überzeugt: "Biobasierte Kunststoffverpackungen helfen, fossile Rohstoffe zu sparen und können CO2-Emissionen reduzieren", sagt sie. Immerhin 30 bis 70 Prozent CO2 könne man gegenüber Standard-Plastik einsparen. Die Umwelthilfe sieht das ganz anders: Man müsse den ganzen Weg vom Anbau über die Herstellung einbeziehen. Das fange schon beim Treibstoff für den Trekker an. Selbst wenn die Anbaufläche noch überschaubar ist - spätestens die Debatte um den sogenannten Bio-Kraftstoff E 10, der zu zehn Prozent aus Ethanol besteht, hat es deutlich gemacht: Wird die Anbaufläche für Nahrungsmittel knapp, steigen die Lebensmittelpreise. 

Das Problem fängt also schon auf dem Acker an, denn der Mais oder die Kartoffeln stammen meist aus industrieller Agrarwirtschaft und die ist nicht für ihre Umweltfreundlichkeit bekannt: Ausgelaugte Böden durch Überdüngung und hohen Pestizideinsatz sowie Monokultur sind die Konsequenz. Der Bund für Umwelt und Naturschutz bemerkt dazu, dass die Rohstoffe zwar nachwachsen, fruchtbarer Boden sei dagegen nicht unendlich verfügbar. Das Bio-Plastik stammt nämlich nicht aus der Bio-Landwirtschaft.  

Bäcker Stumpp aus Deizisau hat sich vor allem über das Thema Gentechnik den Kopf zerbrochen. Dass der Kaffee zu seinem Gebäck mit Gentechnik in Berührung kommt - das will er auf keinen Fall. Denn Mais und Zuckerrohr, woraus das meiste Bio-Plastik gewonnen wird, stammt meist aus Lateinamerika und den USA, wo Gentech-Pflanzen die Regel sind. Deshalb setzt der Bäckermeister auf Mehrwegbehälter, die er beim Großhandel nachfüllen lässt. Nur wer einen Coffee-to-Go will und keinen Becher dabei hat, bekommt einen Deckel aus Bio-Plastik.

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