Sandra Sanner arbeitet bei einem Bioland-Schäfer in der Nähe von Wesel (Fotos: Julia Romlewski)
17.06.2015
Schwieriger Traumberuf

Sandra und ihre Schafe

Sie könnte studieren und mal einen gemütlichen Bürojob haben. Stattdessen steht Sandra Sanner bei jedem Wetter draußen, macht Überstunden, schleppt schwer, alles für wenig Geld und wenig Perspektiven. Die 25-Jährige will Schäferin werden. Warum nur? Ganz einfach: weil Schafe glücklich machen. Von Julia Romlewski

"Melle, melle, melle." Sandra Sanner ruft und pfeift. "Melle, melle." Es klingt melodisch. Sie steht am Elektrozaun und versucht, ihre Schafe heranzulocken. Wenn Fremde dabei sind, trauen sich die Tiere nicht so recht. Sie stehen einfach da und starren uns an. Interessiert, aber abwartend. "Sie haben genug zu fressen, deshalb sehen sie nicht ein, warum sie sich bewegen sollten", sagt die 25-Jährige.

Wenn die Herde das Gras heruntergefressen hat, wird sie den Zaun wieder abbauen und ein Stück versetzen. So wandern die Schafe mit der Zeit über die Wiese. Koppelhaltung nennt man diese Art der Schäferei. Mit Wanderschäferei quer durchs Land hat das wenig zu tun. Die Weide, 18 Hektar sind es alles in allem, liegt in einem Naturschutzgebiet am Fluss Lippe in der Nähe von Wesel in Nordrhein-Westfalen. Bioland-Schäfer Achim Koop, Sandra Sanners Chef, hat das Gebiet gepachtet. In der Dingdener Heide, auch ein Naturschutzgebiet, hält er weitere Herden. 600 Mutterschafe insgesamt.

Sandra Sanner öffnet den Zaun, um die Schafe anzulocken
Sandra Sanner fährt oft mit dem Auto zwischen den Herden hin und her. Zeit, sich ins Gras zu legen, hat sie nicht. Von wegen beschauliches Schäferleben. Es gibt immer etwas zu tun: Zäune verschieben, Wasser heranschaffen, kranke Tiere einpacken und auf den Hof in den Stall bringen. Und im Winter muss die zierliche Frau Futter herbeischleppen. Die meisten Tiere bleiben zwar auch im Winter draußen, aber die Neugeborenen und ihre Mütter kommen in den Stall und werden gepäppelt. "Das Ganze ist körperlich schon anstrengend, aber ich möchte das machen, solange es geht", sagt sie. Vom Schleppen hat sie Oberarmmuskeln bekommen.

Abends fällt sie kaputt ins Bett. Am Wochenende, wenn es ihre Büro-Freundinnen an die frische Luft zieht, liegt sie gern auf dem Sofa. "Ich bin ja sonst schon den ganzen Tag draußen." Bei Wind und Wetter. Wird ihr im Winter zu kalt, klettert sie eben mal kurz ins Auto und wärmt sich auf. "Ich ziehe außerdem lieber zwei Pullis mehr an, als im Sommer bei 30 Grad in irgendeinem Büro zu sitzen und zu schwitzen." Das Draußensein tut ihr gut, sie hat seitdem keine Erkältung mehr gehabt.

Mehrlingsgeburten sind bei Schafen nicht selten
Gerade ist Lämmerzeit. Anstrengende Wochen für Sandra Sanner und ihre Kollegen. Denn natürlich halten sich die Schafe nicht an ihre Arbeitszeiten. Die Lämmchen kommen, wann sie eben kommen, am Wochenende oder abends, wenn Sandra Sanner gerade heimfahren will. 15 Mal musste die Nachwuchsschäferin diesen Winter Geburtshilfe leisten und Lämmer aus dem Mutterleib ziehen. Meistens bei Schafen, die zum ersten Mal trächtig sind. "Oft sind es Zwillingsgeburten und da weiß man beim ersten Mal nicht, zu wem welches Bein gehört." Inzwischen hat sie aber ein recht gutes Gefühl für die Proportionen der Lämmer entwickelt, und weiß, wie sie liegen. "Am Anfang war es natürlich schon komisch, da so weit reinzugreifen." Aber das ist alles Gewöhnungssache.

Die Lämmchen hüpfen nun vergnügt auf der Weide herum. Aber nicht alle. Sandra Sanner fährt zurück zum Hof, zur Lämmerkrippe. Ein lautes, muntertes Blöcken empfängt sie. Dort im Stall tollen Lämmchen herum, die noch nicht raus auf die Weide dürfen, weil sie noch zu klein sind oder zu schwach.

Diese Lämmer bekommen die Flasche und sind daher sehr verschmust
Oder keine Mutter haben, die sie stillen könnte. Das sind die Flaschen-Lämmer. Ein schwarzes schon etwas größeres Lamm legt die Vorderbeine auf den Zaun und schmust mit Sandra Sanner. "Die Flaschen-Lämmer sind so anhänglich, dass wir sie nicht in eine Herde integrieren können. Sie würden dauernd den Menschen hinterherlaufen wie ein Hund", erklärt Schäfer Achim Koop. Er macht gerade die Runde im Stall. Mehrmals am Tag gibt Sandra Sanner den mutterlosen Lämmchen die Flasche. Morgens, wenn sie mit einer Kollegin in den Stall kommt, muss sie sich fast die Ohren zu halten. Hungrige Lämmer sind laut.

Der Stall ist in viele kleine Laufställe unterteilt. Die Flaschen-Lämmer haben ein gemeinsames Gehege. Die anderen Lämmer liegen bei ihren Müttern in separaten Boxen. Achim Koop hebt ein kleines Wollbündel vorsichtig hoch. Es hat verkrüppelte Beine, kann nicht aufstehen. Das Mutterschaf hatte das Schmallenberg-Virus, als es trächtig war. Das hat den Nachwuchs geschädigt, etwa so wie Röteln beim Menschen. Der Schäfer wird das Lämmchen wohl einschläfern lassen müssen. Auch ein anderes Lämmchen hatte Pech. Es kann zwar laufen, aber den Kopf nicht richtig heben. Das Virus ist grausam, oft lässt es die Lämmchen schrecklich entstellt zur Welt kommen. Vor ein paar Jahren gab es in Deutschland eine richtige Seuche. Der Erreger taucht immer mal wieder hier und da auf.

Dass fünf bis zehn Prozent der Lämmchen nicht überleben, ist aber ganz normal. "Man darf sich nicht alles zu Herzen nehmen, sonst geht man selbst kaputt", sagt Sandra Sanner. Auch auf der Weide muss sie oft kühl kalkulieren und abwägen, welches Tier wirklich so krank ist, dass es in den Stall gehört.

Die Schafe strahlen so viel Ruhe aus
Denn natürlich ist bei hunderten Tieren keine Zeit, sich um jedes Zipperlein zu kümmern. "Ein Schaf ist ein Schaf und kein Mensch", sagt die junge Schäferin. "Das darf man nicht vergessen." Außerdem: Jedes Tier, das im Stall steht, muss gefüttert werden. Das kostet. Und Geld ist bei den Schäfern eigentlich immer knapp. Sie müssen mit den Fördergeldern, von denen sie vor allem leben, gut haushalten.

Zurück auf der Weide an der Lippe entdeckt Sandra Sanner ein hinkendes Lamm. Ist das jetzt ein Fall für den Stall? Nein, entscheidet die 25-Jährige. "Das sieht schlimmer aus, als es ist."

Ein wuscheliges Schaf spaziert vorbei, die Wolle umrahmt sein Gesicht wie bei einem Löwen. Ein anderes hat einen lustigen grünen Fleck auf dem Kopf. Die Farbtupfer sind Markierungen. So können die Schäfer Mutterschafe und Lämmer richtig zuordnen oder sehen gleich, welches Schaf kürzlich entwurmt wurde. Die Lammböcke hat Sandra Sanner schon aus der Herde geholt, damit es keine Inzucht gibt. Sie grasen nun zusammen auf einer Wiese beim Hof.

Eine Individualistin

Auf die Schafe ist die junge Frau nach dem Abitur gekommen. Als sie in Australien eine Work-and-Travel-Reise machte und auf einer Schaf-Farm landete. Als Kind wollte sie Tierärztin werden, ihre Großeltern hatten einen Bauernhof, sie war schon immer gern draußen in der Natur. "Ich mache mich gern dreckig." Sie lacht, man muss ihr nichts aus der Nase ziehen. Mit einem schweigsamen knorrigen Schäfer, wie man ihn sich oft vorstellt, hat sie wenig gemeinsam. "Aber eine Individualistin bin ich schon auch."

Noch ist Sandra Sanner Auszubildende, aber bald darf sie sich Tierwirtin Fachrichtung Schäferei nennen. Ende Juni ist ihre letzte Prüfung. Sandra Sanner weiß jetzt alles mögliche über die Zucht und die richtige Fütterung verschiedener Schafrassen, über Schaf-Anatomie und Krankheiten, wie viel Nanometer das Haar eines Merinoschafs dick ist, und sie kann auch zusammen mit ihrem Hund einen Pferch um die Schafe herumbauen, ohne dass ihr die Tiere dabei entwischen.

Illusionen macht sie sich keine. "Reich werde ich in meinem Beruf nicht." Während der zweijährigen Ausbildung - weil sie Abitur hat, konnte sie ein Jahr abkürzen - hat sie gerade einmal 700 Euro brutto im Monat verdient. "Und ich musste auch noch 14 Mal im Jahr zur Berufsschule nach Halle pendeln." Ohne Unterstützung durch die Eltern hätte das nicht funktioniert. Den Schäfern gibt Sandra Sanner keine Schuld. Die können einfach nicht mehr Lohn zahlen.

An eine eigene Herde ist erst einmal nicht zu denken. Bauern, Biogasbetreiber und Altschäfer haben die knappen Flächen schon unter sich aufgeteilt. An den Flächen aber hängen die staatliche Subventionen. Ohne die geht es nicht. "Hier in Deutschland dreht sich alles immer um Flächenprämien", sagt die 25-Jährige.

Schäfer Achim Koop im Stall
Ihr Chef Achim Koop sieht mit seinem Bart schon eher wie ein typischer Schäfer aus. Knurrig oder wortkarg ist er aber auch er nicht. Er hat ein freundliches, jugendliches Gesicht. "Ich hatte schon immer ein Faible für Schafe", sagt er. Koop hält schon seit mehr als 20 Jahren Schafe. Damals konnte man sich noch mit wenig Kapital eine Existenz als Schäfer aufbauen und kam leichter an Weideflächen heran.

"Es ist leichter, eine Herde aufzubauen, als sie zu erhalten", sagt der 57-Jährige. "Seit der Energiewende sind die Rahmenbedingungen schlechter geworden." Er muss nun mit finanzstarken Biogasbetreibern um Flächen konkurrieren. Die Pflege eines Deichs hat Koop schon verloren. Dort mäht jetzt ein Biogasbetreiber, das Grad landet in der Gäranlage. "Darunter hat die Deichnarbe aber sehr gelitten." Denn Schafe pflegen die Deiche sanfter als Maschinen. In Ostdeutschland, sagt Koop, haben sie das nach den letzten verherrenden Überschwemmungen 2013 erkannt und suchen jetzt wieder Schäfer für die Deiche.

Achim Koop bereitet einen Transport zum Schlachter vor
Koop ist aber nicht nur Schäfer und Landschaftspfleger, sondern auch Landwirt. Er baut Mais und Kleegras für die Schafe und Kürbisse für den Handel an. Schlachtreife Lämmer und Schafe verkauft er an verschiedene Direktvermarkter - der nicht so schöne Teil seiner Arbeit. "Ich päppel sie lieber", sagt er. Die Wolle seiner rötlichen Fuchsschafe gibt er an die Genossenschaft Goldenes Vlies, die Textilien, Decken oder Westen,  daraus macht. Koops Frau verkauft einen Teil davon auf Märkten. Auch Achim Koop trägt Pullis und Westen aus Schafwolle. Natürlich.

Ihm geht es im Vergleich zu vielen Kollegen ganz gut. Er kann immerhin Mitarbeiter einstellen, ein bis zwei Auszubildende und zwei Teilzeitkräfte helfen ihm. Jetzt sind es dann drei. Denn Sandra Sanner hat Glück, sie kann beim Bioland-Schäfer bleiben. Erst einmal will sie nun ihren Hund, einen altdeutschen Hütehund, richtig ausbilden. Damit sie ihn mit zu den Schafen nehmen kann.

Heute hat sie mal wieder ihre Pausenbrote umsonst mitgenommen. "Ich merke immer gar nicht, wie die Zeit vergeht, wenn ich draußen bin." Die Schafe, sagt Sandra Sanner, geben einem so viel. "Eigentlich sollte das jeder mal erleben und ein halbes Jahr bei einem Schäfer arbeiten."

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