Joscha ist überzeugter Veganer - als Verzicht betrachtet er das nicht (Foto: Magdalena Fröhlich)
21.12.2013
Veganer Supermarkt

Willkommen im Schmeckt-wie-Land!

In Europas größten veganen Supermarkt, dem Veganz, gibt es alles - nur anders: Milchkaffee ohne Milch, geriebenen Käse ohne Käse und Tierfutter ohne Tier. Von Magdalena Fröhlich

Jan Bredack, Geschäftsführer der Veganz-Kette (Foto: Veganz)
"Mist", denkt Christina Ziem, als sie vor der Berliner Filiale des Veganz steht. Die Spiegelung im Schaufenster verrät: Die junge Graphikerin verzichtet nicht auf Tierprodukte - ihr Mantel ist aus Leder, ihre Stiefel sind es auch. Immerhin sieht man die Wollsocken nicht. Das erste, was ihr sonst auffällt: "Hunde müssen draußen bleiben". Irgendwie fehlt dieses Schild hier, wo doch sonst alles Tierische aus Europas erster veganen Supermarktkette verbannt wird. Von der normalen Gemüseecke über Klopapier und Tiefkühlstrudel gibt es hier alles - nur eben ohne Tier. Chef Jan Bredack, selbst Veganer, hatte die Rumrennerei von einem Laden zum nächsten satt. Deshalb gründete er im Juli 2011 seinen eigenen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Frankfurt am Main und Berlin-Friedrichshain folgten. Mittlerweile gibt es bundesweit fünf Filialen.

Christina mag Tiere - und Leder: Hier ist sie auf der Wir-haben-es-satt-Demo in Berlin (Foto: Magdalena Fröhlich)
Christina tritt trotzdem ein - und wundert sich, warum sie sich mit ihren Klamotten eigentlich für einen Moment schlecht gefühlt hat. Fettnäpfchen durch Ledermantel? Kaum. Schiefe Blicke gibt es hier nicht. Die Kunden könnte man auch in jeden anderen Einkaufsladen stecken. Hausfrauen, Gothics, Anwälte. Es ist kuschelig hier. Mit der kleinen Bäckertheke und den Café-Tischchen am Eingang, den grün gestrichenen Wänden, der Lounge-Musik im Hintergrund und einem Chef, zu dem man Du sagen kann und der noch selber an der Kasse steht, fühlt man sich weniger anonym als in einem herkömmlichen Discounter. "Aber nur weil ich in einem Laden bin, der tierfrei auskommt, muss ich mich weder als Gut-Mensch noch als beschämter Fleischesser fühlen", findet Christina. Denn das gibt sie zu: Man hat schon das Gefühl, dass die Kunden hier alle etwas verbindet.

Sieht aus wie in einem normalen Supermarkt (Foto: Veganz)
So wie die Hälfte aller Besucher - sagt Geschäftsführer Bredack - ist auch Christina keine Veganerin. Die 30-Jährige guckt nur mal und will wissen, wie Milch-Eis ohne Milch schmeckt. Davon hat ihr nämlich ihr Kollege Joscha Eckold erzählt. Hanfsamen hat sie auch noch nie probiert und manche Sachen kennt sie gar nicht. Chlorella-, Mesquite-, Spirulina- und Lucumapulver zum Beispiel. Oder Kelp. Also doch nicht alles Tofu. "Nö", sagt Joscha. Der 35-Jährige hat Animation studiert und mit Christina bei einer Computerspiele-Firma gearbeitet. Das Pizza-Schachteln und Kaffeebecher-Klischee funktioniert bei ihm nicht. "Das war früher einmal", sagt Joscha. Doch dann kamen Filme wie "We Feed The World" im Kino oder Reportagen über die Massentierhaltung im Fernsehen. Später fiel Joscha ein alternativer Speiseplan in die Hände. "Bei Uni-Festen in Schweden, wo ich ein Jahr lang studiert habe, gab es immer auch etwas Veganes zur Auswahl. Und wenn man das Angebot hat, kann man ja auch zugreifen", sagt er. Er ist der Überzeugung: Wären vegane Lebensmittel leicht erhältlich, würden noch mehr Menschen auf Eier, Milch und tote Tiere verzichten.

Schmeckt wie...

Als Diät oder als Verzicht hat er seine Ernährungsumstellung nicht empfunden. Und zwar nicht allein deshalb, weil es alles ja auch aus Tofu gibt, Wiener-Würste und Frikadellen, zum Beispiel. Wie etwa in diesem Regal, in der Mitte des Veganz: "Schmeckt wie" könnte eigentlich auch als Hinweisschild dort stehen. In kleinen Bechern gibt es hier Teewurst, Leberwurst oder auch Metwurst. Immer mit dem Vorsatz "Schmeckt wie...". "Die Schmeckt-wie-Teewurst schmeckt tatsächlich fast wie Teewurst", so Joscha. Selbst hält er von solchen Produkten aber nicht viel - die sind ihm zu stark verarbeitet. Dann schon eher von Kelp. "Das ist eine Alge. Die kann man als Beilage oder als Auflauf essen." Seit rund zehn Jahren lebt Joscha schon vegan und hat frühere "Fresslethargien durch Fastfood", wie er unbewusstes Nebenher-Essen nennt, durch Rohkost ersetzt. "Da weiß man erst, was Geschmack eigentlich ist", schwärmt er fast ein wenig.

So viele Menschen leben vegetarisch

  • In Deutschland: 1,5 Millionen

  • In den USA: 15 Millionen

  • In Indien: 375 Millionen

 

800.000 Menschen leben in Deutschland vegan.

Quelle: Fleischatlas und Vegetarierbund

Deshalb sei vegan zu leben für ihn auch eine Bereicherung. "Ich habe angefangen, alle Lebensmittel einfach einmal pur zu essen. Dann habe ich gelernt, wie Weizenkörner schmecken oder dass jede Karotte eine andere Geschmacksintensität hat", sagt er. "Das wusste ich vorher gar nicht. Und ich kannte bei weitem nicht so viele Getreidesorten und Hülsenfrüchte. Mesquite ist zum Beispiel eine Bohne aus Südamerika, Spirulina und Chlorella sind Algen und Lucuma ist eine Frucht aus Peru. Mit dem Pulver kann man Desserts süßen", erklärt er. Christina ist erstaunt. In ihren Kochbüchern hat sie davon noch nie etwas gelesen.  

Kein Hausarrest bei Schnitzelverstoß

Ob sich nun manche Leute allein der Mode wegen vegan ernähren oder nicht, ist Joscha ziemlich egal. Seinetwegen könne man sich mit einer Veganz-Papiertüte im Fahrradkorb schicker fühlen oder ein politisches Statement setzen wollen. Gegen Bands wie Maroon, deren Markenzeichen Veganismus ist, hat er nichts. "Es schadet der Welt nicht, wenn Vegan-Sein in ist und sich damit Dinge besser vermarkten lassen", so der Grafiker, der auch seine Tochter Lumen möglichst vegan ernähren möchte. "Hausarrest wegen einem Schnitzelverstoß auf dem Kindergeburtstag gibt es natürlich nicht", sagt er, lacht und legt noch eine Hafermilch in den Einkaufskorb. Er stelle sich den Leuten ja auch nicht so vor: "Hallo, ich bin Joscha, Veganer und somit Weltretter." Leben und leben lassen sei auch ein Stück Berlin. Wenn das auch für Tiere gelte - umso besser.    

 

Schokoladiges ohne Milch (Foto: Sandra Gärtner)
Währenddessen, von Probierlust gepackt, fragt sich Christina zwei Regalreihen weiter beim fleischfreien Tierfutter: "Werden solche Hunde eigentlich von ihren Artgenossen gedisst?" Bei der Ernährungsumstellung soll auch der Schmusekater mitmachen. Der soll das mit den Mäusen besser lassen und stattdessen Mais und Soja essen. Das ist dann doch nicht Christinas Ding. Kuchen ohne Milch, Butter, Sahne, Eier - das ginge noch. Auf ihren Mantel wird sie aber nicht verzichten. "Manches ist mir hier doch zu künstlich", sagt sie, "dann schon lieber echter Käse statt überwürztem Soja, womöglich aus Brasilien." Auch wenn das hier niemand sagt - ein wenig fühlt sie sich durch die Auswahl an Werbebotschaften oder Buchtiteln wie "Die geschenkte Freiheit" schon angegriffen. "Ich muss mich nicht schlecht fühlen, wenn ich weiß, dass es dem Tier, das ich esse, gut ging", findet sie. Joscha legt neben Obst, Gemüse, Soja-Milch und Soja-Joghurt auch noch Seife auf das Kassenband. Er will sich die Hände waschen können, ohne dass dafür ein Tier in einem Labor für Tests gehalten wird. Dann zeigt er auf einen Aufkleber mit einem Entchen. "Den hab’ ich auch", sagt er. "Eat yourself", steht darauf - iss dich selber.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Tipps zur ausgewogenen veganen Ernährung und viele Rezept-Tipps hat der Vegetarierbund parat: www.vebu.de

Infos zur veganen Supermarktkette: www.veganz.de

Attila Hildmann ist einer der bekanntesten veganen Köche, hier gibt er Tipps: www.attilahildmann.com

Björn Moschinski ist ebenfalls veganer Koch und informiert hier: www.bjoernmoschinski.de