Überall blüht es: Hier ist der Tisch für die Bienen reich gedeckt (Foto: Martin Kleine)
29.04.2014
Wanderimker

Immer der Sonne hinterher

Im Dschungelbuch ist alles easy. Die Bienen summen in der Luft, der Bär probiert es mit Gemütlichkeit. So ist die Welt im Märchen. Doch Imkern ist kein Honigschlecken. Von Magdalena Fröhlich

Vom Hänger können die Bienen noch mit der Raupe geholt werden, sonst muss der Imker selbst die Kästen heben (Foto: Martin Kleine)
Den Umfang seiner Oberarme hat Markus Nürenberg noch nie gemessen. Dabei hat er schon so ziemlich alles vermessen, was ihm unterkam: Die Fläche von Feldern, das Höhenprofil von Hügeln, den Verlauf von Straßen oder den neuen Sitz der Kreissparkasse Jetzt misst der 34-Jährige nichts mehr, höchstens den Wassergehalt im Honig. Der soll bei höchstens 18 Prozent liegen, dann kann ihn der Imker aus den Waben schleudern. Ist zu viel Wasser drin, muss der Honig noch ein wenig in den Waben reifen. Vor rund zwei Jahren hängte Markus seinen Job als Vermessungstechniker an den Nagel und tauschte Zollstock gegen Stockmeißel.

Heute ist er Auszubildender in der Bioland-Imkerei Bunsen. Der Umfang seiner Oberarme jedenfalls dürfte sich erweitert haben: Wenn er von 25 Völkern den Honig erntet, hat er locker 700 Kilo gestemmt. Dann warten aber immer noch 575 Völker auf das fünfköpfige Team der Imkerei im Pfälzer Bergland. Drei Azubis, ein Gehilfe und Chef Dr. Jan-Dirk Bunsen kümmern sich um 600 Bienenvölker. Das sind rund 25 Millionen Bienen. „Imkern ist ein Knochenjob“, sagt der Imkermeister.

Imker Jan-Dirk Bunsen kümmert sich um 600 Bienenvölker (Foto: Martin Kleine)
Gemeinsam mit Azubi Martin Kleine, mit 21 dem Jüngsten im Team, steigt er aus einem Transporter mit riesigem Anhänger. Obwohl es gerade einmal 13 Grad hat, kleben beiden die Haare vom Schweiß an der Stirn. Sie kommen zurück vom Wandern. Wandern, das heißt, die Bienen auf einen Hänger zu verladen und sie über Nacht an eine neue Blütenquelle bringen, erklären die Imker: 110 Bienenvölker haben sie von der Rheinebene nach Heimkirchen, nahe des Betriebs in Horterhof bei Kaiserslautern gebracht. Dort duften bald die Obstbäume und Rapsfelder. Zuvor standen Frühjahrsblüten, wie Weide, Löwenzahn und Wildkirsche auf der Menükarte der Bienen.

Als Imker fährt man der Sonne hinterher, immer dorthin, wo’s blüht. Ende Mai wandern die Imker weiter mit ihren Bienen in die Akazienwälder im Saartal, Ende Juni steigen sie dann in den LKW und fahren in die Südpfalz. Dort blühen dann die Edelkastanien. An insgesamt zehn bis 15 Orten hat Bunsen seine Völker aufgestellt. Die meisten Völker durchwandern drei Stationen: Frühlingsblüten, Akazie, Edelkastanie - das ist eine typische Reihenfolge. Die Touren sind verschieden, statt der Akazie, können auch die Tannen- und Fichtenwälder im Schwarzwald der nächste Zielort sein.

Die Bienen füllen den Honig in die Waben (Foto: Martin Kleine)
"So bekommen wir besten Sortenhonig. Der muss überwiegend aus Nektar von der gleichen Blütenquelle stammen", sagt Bunsen. Er verkauft Raps, Akazien-, Edelkastanien-, Linden- und Tannenhonig. "Die Bienen fliegen immer nur die Blütensorte an, die sich am meisten für sie lohnt. Gibt es viele Lindenbäume, interessiert es sie kaum, wenn daneben noch ein paar Blumen stehen." Abwechslung auf dem Speiseplan scheint nicht Sache der Bienen zu sein. Sie fliegen solange eine Blütenquelle an, bis es davon nichts mehr gibt oder sich eine ergiebigere Nektarquelle auftut: Morgens, mittags, abends, immer nur Lindenblüte - das ist für die Bienen kein Problem, sondern vielmehr effizient. Ihre Vorratskammer füllt sich so schneller. Pragmatische Trennkost eben. "Mit dem Schwänzeltanz zeigen die Bienen die Richtung der nächsten Blütenquelle an, blüht neben einer Linde eine Brombeere, dann kann es auch vorkommen, dass der Strauch von einigen Bienen angeflogen wird", erklärt der Imker.

"Steuern die Bienen viele verschiedene Blüten an, spricht man von Misch- oder Vielbütenhonig. Der entsteht zum Beispiel auf einer Wiese mit Blumen, Wildobst und Kräutern", erklärt Bunsen. Aber erstens gibt es von solchen Wiesen nur noch sehr wenige und zweitens blühen diese auch nur für ein paar Monate. Die Bienen brauchen aber von Frühjahr bis Herbst etwas zu fressen und müssen Vorräte für den Winter sammeln. "Deshalb müssen wir wandern. Wir bringen die Bienen zu ihrem Futter", sagt Bunsen. Und die Bienen bringen dem Imker Honig. Den einen Teil der Vorräte erntet der Imker. Diesen ersetzt er durch eine Zuckerwasserlösung. "Diese verarbeiten die Bienen durch Wasserentzug und Einspeichelung zu einer honigähnlichen Winterdiät", erklärt Bunsen.

Wanderung als Folge aufgeräumter Landschaften

"Die Wanderung ist Folge aufgeräumter Landschaften“, sagt Bunsen. Steht etwa ein Raps-Feld in voller Blüte, kann sich die Biene den Magen voll schlagen - aber nur für ein paar Wochen, so lange bis aus der Blüte die Frucht geworden ist. Denn: Ist der Raps verblüht und wächst sonst weit und breit keine andere Blüh-Pflanze, muss die Biene hungern. "Wer seine Bienen in Ballungsräumen oder in der Nähe von großen Städten hält, kann auch als Standimker arbeiten. Dort gibt es das ganze Jahr über ein reiches Blütenangebot", so Bunsen. Bis zu 200 Kilometer weit fährt er mit ihnen, das am weitesten entfernte Trachtgebiet liegt in Lothringen. Dort blühen die Linden. Abends werden die Bienen auf den LKW verladen, damit sie morgens an einem anderen Ort ihren neuen Speiseplan anfliegen.

Bekämpfung der Varroa-Milbe

  • Die Milbe mit dem lateinischen Namen "Varroa destructor" nistet sich in die Brutzellen der Bienen ein. Dort sticht sie in die Puppe und saugt ähnlich wie ein Vampir, die noch ungeschlüpfte Biene aus.

  • Besonders Drohnenbrut ist davon betroffen - deshalb schneidet diese Waben der Imker heraus.

  • Bio-Imker dürfen keine Chemiekeulen zur Schädlingsbekämpfung verwenden.

  • Nur natürliche Säuren sind erlaubt, wie Ameisen- und Oxalsäure.

  • Diese schaden den Bienen nicht, auch im menschlichen Stoffwechselprozess ist Oxalsäure ein Abbauprodukt.

  • Auch in Lebensmitteln kommt Oxalsäure vor, etwa in Mangold und Rhababer.

"Als Imker fährt man immer dahin, wo es am schönsten es, dorthin, wo alles blüht", sagt Markus. Nachts mit dem Hänger einsam über Landstraßen tukeln und dem Sonnenaufgang in einem neuen Blütenmeer begegnen. Was nach wilder Romantik klingt, ist in Wahrheit ein 14-Stunden-Tag. Sind die Bienenstöcke an ihrem neuen Flugplatz abgestellt, geht es gleich weiter zu den nächsten Völkern: Drohnenbrut- und Schwarmkontrolle stehen an. Kontrollieren, das heißt: Von zig Völkern die Kästen abnehmen und anschließend wieder drauf setzen - mindestens 50 Mal, so viele Völker stehen meist an einem Platz. Ein Kasten wiegt 25 Kilo. Und dann kommen noch die leeren Kästen hinzu - die obersten Stockwerke eines Bienenstocks sind die Honigräume, pro Volk sind das zwei bis drei, - und die sollen die Bienen schließlich rasch mit Nektar füllen. Oberarmtraining, egal wie heiß es ist, der Regen übers Gesicht rinnt oder ob sich jemand bereits den dritten Stachel aus der Haut zieht. Denn Handschuhe trägt keiner. "Als Imker braucht man Gefühl", sagen sie. "Und Kontakt zur Natur".

Die Imker bilden neue Völker, prüfen, ob ein Volk bald Schwärmen wird und ob sich die Varroa-Milbe im Stock breit gemacht hat. "Die Milbe ist ein wesentlicher Grund für das Bienensterben - neben Pestiziden." Da Bunsen mit seinem Team vor allem Wildpflanzen ansteuert, hat er mit Pestiziden kaum ein Problem. Kastanien, Akazien oder Wildobst - sie alle werden nicht gespritzt. Nur beim Raps ist es anders.

30 bis 70 Prozent weniger Ertrag - das ist in der Imkerei normal

Wer glaubt, mit dem flüssigen Gold schnell reich werden zu können, irrt: Für 500 Gramm Honig müssen Arbeitsbienen eine Flugstrecke von rund 120.000 Kilometern zurücklegen, für ein Pfund also drei Mal um die Erde fliegen. Der Fleiß der Biene ist Arbeit und Lohn des Imkers - und der kann sich gewaltig verändern: "Ertrags-schwankungen von 30 bis sogar 70 Prozent in schlechten Jahren - das ist in der Imkerei normal", zuckt Bunsen mit den Schultern. Das Wetter und damit den Zeitpunkt der Blüte könne niemand beeinflussen. Schlecht seien Jahre, in denen das Frühjahr verregnet und kalt ist. Wenn es dann endlich warm wird, ist meist schon alles verblüht. Das Problem: Bienen fliegen weder bei Regen, noch wenn es kälter als sieben bis acht Grad ist.

Vor dem Flugloch: Eine Arbeiterin mit Pollenhöschen an den Beinen (Foto: Martin Kleine)
"In keinem Beruf ist man so abhängig von der Natur wie bei der Arbeit mit den Bienen. Und in kaum einen Beruf ist man so eng mit ihr verbunden", sagt Bunsen. Und er muss es wissen. Seit 30 Jahren ist der 51-Jährige schon Imker, vor 20 Jahren hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Für alle Imker gilt: Weniger Ertrag bedeutet nicht automatisch weniger Arbeit: Schwarm- und Drohnenbrutkontrolle, Varroa-Behandlung, neue Kästen aufsetzen und so für mehr Platz im Volk sorgen, neue Völker bilden, Königinnen züchten - das ist der Imker den Bienen schuldig, egal ob er im Spätherbst mit vollen oder leeren Honigwaben zurück ins beschauliche Horterhof kehrt.

Denn ab Ende Oktober verbringen alle Völker den Winter im Umkreis der Imkerei. Bunsen und sein Team holen sie nach und nach zurück zu den Wiesen ins Pfälzer Bergland. Eng aneinander gekuschelt und mit dem Körper wackelnd, damit ihnen nicht kalt wird, warten die Bienen darauf, dass es bald wieder Frühling wird.

Die Schatzkammer der Imkerei: Hier wird der Honig abgefüllt (Foto: Martin Kleine)
Wenn sich dann Markus an einige Wanderungen erinnert, entstehen auch schon einmal Zeilen, wie diese: "Wir tranken eine Tasse Kaffee und erinnerten uns voller Demut und Dank an die zurückliegende Saison, die uns eigentlich keine Zeit zum Durchatmen gab. Das Antlitz des Vollmondes und die unbeschreibliche Ruhe versetzte uns zusätzlich in Wehmut und wir beschlossen für uns, dass es nichts Schöneres gibt, als Imker zu sein." Er hat sie auf der Website des Betriebs veröffentlicht - im Winter, wenn der volle Lagerraum die Mühen des Sommers zeigt. Dann schaut Markus auf 30 Tonnen Honig, die gerührt und abgefüllt in einem großen Raum stehen. Ein wenig erinnert es an einen Tresor: Lauter Gläser voller Gold. 30.000 Kilo. Das heißt aber auch mindestens 60.000 Gläser zum Etikettenkleben. Das kann dann auch mal in die Arme gehen.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Imkerei Bunsen: www.imkerei-bunsen.de

Greenpeace: Infos zum Bienensterben und zum Pestizideinsatz bei Zierpflanzen