Blüht die Forsythie, dann beginnt auch der Frühling. Jedenfalls einer der drei. (Foto: Uwe-Jens Kahl/pixelio.de)
06.03.2014
Interview

Welcher Frühling ist denn gerade, Herr Bruns?

Ekko Bruns ist beim Deutschen Wetterdienst zuständig für die Phänologen - so heißen die Menschen, die die Zeichen der Natur deuten. Niemand kann so genau wie sie sagen, wann Frühling ist. Und welcher.

IM FOKUS: Herr Bruns, was fällt Ihnen zum Stichwort Frühling ein?

Bruns: Zuerst mal, dass es für uns Phänologen nicht nur einen Frühling gibt, sondern drei: Vorfrühling, Erstfrühling und Vollfrühling.

IM FOKUS: Aha. Und welcher ist jetzt?

Bruns: Hier im Rhein-Main-Gebiet sind wir gerade an der Wende vom Vorfrühling zum Erstfrühling.  

IM FOKUS: Und woran erkennt man das?

Bruns: Das Kennzeichen des Vorfrühlings ist die Blüte von Haselnuss und Schneeglöckchen, das ist schon eine Weile her. Und der Erstfrühling beginnt mit der Forsythienblüte, die fängt jetzt gerade an.

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Sieht aus wie ein Schneeglöckchen, ist aber eine wichtige phänologische Zeigerpflanze (Foto: Waldlili/pixelio.de)
IM FOKUS: Und der Vollfrühling?

Bruns: Der beginnt mit der Apfelblüte und der Blattentfaltung der Stieleiche.

IM FOKUS: Ist bei Ihnen der ganze Jahreslauf so genau definiert?

Bruns: Ja, es gibt 168 verschiedene Phasen über das Jahr. Die erste ist die Blüte der Haselnuss und die letzte der Nadelfall der Europäischen Lärche.

IM FOKUS: Als Laie würde man denken, dass an einem Strauch oder Baum gar nicht alle Blüten gleichzeitig aufgehen.

Bruns: Das ist auch so. Deshalb ist die Definition die, dass an drei verschiedenen Stellen des Objekts die Phase erfüllt sein muss, also beispielsweise Blüten aufgegangen oder Früchte ausgereift sein müssen. Dann gilt es.

IM FOKUS: Woher wissen Sie denn, was wann wo blüht?

Bruns: Wir haben ein Netz aus rund 1200 ehrenamtlichen und rund 50 hauptamtlichen Beobachtern in ganz Deutschland. Die Hautamtlichen sind meiste Bedienstete der Wetterwarten.

IM FOKUS: Und die Ehrenamtlichen?

Bruns: Das ist ganz unterschiedlich. Da sind viele verschiedene Berufe dabei: Forstbedienstete, Lehrer, Landwirte, viele Rentner. Das Durchschnittsalter liegt bei 66 Jahren. Neuerdings kriegen wir immer mehr Frauen und mehr Akademiker, das hat sich in den letzten Jahren stark verschoben.

IM FOKUS: Die Landwirte spielen keine so große Rolle mehr?

Bruns: Schon noch, aber das nimmt ab, weil es immer weniger gibt. Viele Bauern kämpfen ja auch um ihre Existenz und haben keine Zeit für regelmäßige ehrenamtliche Beobachtungen. Es gibt aber viele Beobachter, die früher Landwirt waren oder auf einem Hof aufgewachsen sind und von daher noch die Beobachtungsgabe und den Naturbezug haben.

IM FOKUS: Meldet jeder dieselben Beobachtungen, oder hat jeder sein individuelles Set?

Bruns: Nein, kaum jemand kann alle 168 Phasen beobachten, schon weil gar nicht alles überall zu sehen ist. Es gibt zum Beispiel Phasen, die haben mit dem Weinbau zu tun oder mit dem Ackerbau, das ist gar nicht in jeder Region gegeben. Aber der durchschnittliche Ehrenamtliche macht knapp über 100 Phasen im Jahr.

IM FOKUS: Also alle drei Tage eine Beobachtung. Dazu müssen die Leute aber eine Stelle öfter kontrollieren, um zu sehen, wann es soweit ist?

Bruns: So ist das. Die meisten haben feste Wege, die sie häufig gehen, zu Spitzenzeiten jeden Tag.

IM FOKUS: Und die melden Ihnen das alles sofort?

Bruns: Teilweise. Die allermeisten, 99 Prozent, machen ein Jahresprotokoll, das wird Ende des Jahres abgeschickt, da sind alle Beobachtungen gesammelt drin. Knapp 400 der Jahresmelder sind aber auch sogenannte Sofortmelder. Die melden zeitnahe Daten, die beispielsweise in die Pollenflugvorhersage eingehen oder in die agrarmeteorologischen Dienste, das muss ja aktuell sein. Für den Rest reichen die Jahresmeldungen.  

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Auch die Apfelbüte ist ein Ereignis, auf das Phänologen hinfiebern (Foto: Peter Smola/pixelio.de)
IM FOKUS: Was ist denn dieser Rest, wo fließen die Beobachtungen sonst noch ein?

Bruns: Erstmal natürlich in die Statistik. Wir sammeln alles und geben die Daten bei Bedarf weiter. Solche langjährigen Beobachtungsreihen sind sehr wertvoll, etwa für die Klimaforschung, für die Agrar- und Forstwissenschaft oder die Umweltwissenschaften. Auch das Umweltbundesamt und die Landesämter arbeiten mit phänologischen Daten. Manchmal wundert man sich, wer da alles nachfragt. Zum Beispiel Filmemacher, die für die Planung von Außenaufnahmen nachfragten, wann denn auf der Insel Mainau am ehesten der Eindruck von Frühling herrscht.  

IM FOKUS: Was ist denn die älteste Beoachtungsreihe, die es gibt?

Bruns: Die älteste weltweit ist die Beobachtung der Kirschblüte am kaiserlichen Hof in Japan. Dort stammt das erste Datum aus dem Jahr 705. In Europa gab es mehrere Reihen seit dem 18. Jahrhundert, die aber leider nur von kurzer Dauer waren. Die älteste ununterbrochene Reihe in Deutschland ist die an der Forschungsanstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim, die läuft seit 1896.   

IM FOKUS: Stimmt es, dass der Klimawandel die Jahreszeiten immer weiter verschiebt? Wie ungewöhnlich ist dieser warme Winter und Frühling, kriegen wir sowas jetzt öfter? 

Bruns: Ob es der Klimawandel ist, kann ich nicht sagen. Tatsache ist, dass sich im langjährigen Trend, also im Durchschnitt der phänologischen Beobachtungen, der Frühling nach vorne verschoben hat. Dadurch ist der Winter kürzer und die Vegetationsperiode länger geworden. Ob dieser Trend von Dauer ist, muss sich zeigen.  

IM FOKUS: Wer kann denn eigentlich als ehrenamtlicher Phänologe arbeiten?

Bruns: Jeder, der sich dafür interessiert, kann sich melden. Man sollte halt Interesse an der Natur mitbringen und die Möglichkeit, das wirklich regelmäßig zu machen. Sonst bringt es nichts.  

IM FOKUS: Beobachten Sie selbst auch?

Bruns: Jetzt nicht mehr, jedenfalls nicht systematisch. Aber ich habe von 1970 bis 1984als Teil meiner ersten Aufgaben beim Deutschen Wetterdienst in Emden und Bonn phänologische Beobachtungen durchgeführt. Als Hobby-Imker beobachte ich die Vegetationsentwicklung auch heute noch genau.  

IM FOKUS: Was ist denn Ihr liebster Frühlingsbote?

Bruns: Ich mag Osterglocken besonders gerne. Die wirken so gesund, und dieses kräftige Gelb ist eine schöne Signalfarbe, passend zum Frühling.  

IM FOKUS: Die blühen aber jetzt noch nicht.

Bruns: Nein, aber das Laub schiebt schon seit einer Weile. Die werden dieses Jahr auch ziemlich früh aufblühen. Bei mir im Hof blühen sogar an einer sonnigen Stelle schon die ersten kleinwüchsigen Exemplare. Da Ostern so spät fällt, werden die Osterglocken ihrem Namen wahrscheinlich keine Ehre mehr machen.  

Die Fragen stellte Martin Rasper

Ekko Bruns, Jahrgang 1949, wuchs in einem Dorf in Ostfriesland in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Opa auf, der bis zu seinem 85. Lebensjahr Nebenerwerbslandwirt war. 1967 ging er zum Deutschen Wetterdienst, arbeitete dort an agrarmeteorologischen Dienststellen in Bonn und Braunschweig. Seit 1987 ist er in Offenbach als "Netzverwalter phänologisches Netz" für alle Belange der phänologischen Beobachter zuständig. Als Hobby-Imker ist er ein aufmerksamer Beobachter der Natur; auch das ein Ausdruck seiner Verbundenheit mit der Landwirtschaft.

 

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