Was hier so bunt schimmert, ist Pollen: Er dient den Bienen als Eiweißfutter (Foto: Magdalena Fröhlich)
28.04.2014
Bienen in der Kulturgeschichte

Täglich eine Kofferraumladung Eier

Seit 12.000 Jahren essen Menschen Honig - und legen seither Waben voller süßer Mythen für die Biene an. Sie ist Symbol für Erotik, verkörpert das Göttliche und begeistert durch ihre ganz eigene Sprache. Ihr Fleiß für das Gemeinwesen machte sie sogar zum Vorbild für klösterliche Gemeinschaft. Von Magdalena Fröhlich

Eine Imkerin kontrolliert die Waben (Foto: Magdalena Fröhlich)
Eine Welt ohne Bienen wäre nicht nur weniger süß. Sie wäre auch weniger reich an süßen Worten. Dem kleinsten aller Nutztiere gaben die Mayas die größte aller Ehre: In ihrer Sprache ist das Wort Honig sogar das gleiche wie für Welt, sagt Autor und Bienenliebhaber Ralph Dutli. Napoleon war völlig besessen von den schwarz-gelben Hautflüglern, kaum ein Dichter, der dem Insekt kein geflügeltes Wort geschenkt hat und Karel Gott hat sie mit Maja direkt in die Charts befördert. Die Biene ist mehr als Bestäuber, Honig- und Wachslieferant. Sie ist auch Kulturbotschafterin.

Königin

  • ist größer als die anderen Bienen, hat vor allem einen längeren Hinterleib

  • wird oft mit einem Punkt zum besseren Erkennen markiert

  • hat einen Stachel, um vor dem Hochzeitsflug andere Rivalinnen, also Königinnen, die gleichzeitig im Volk schlüpfen, zu töten: Insekten haben einen Panzer aus Chitin und nicht aus Haut. Die Königin kann den Stachel wieder herausziehen, ohne dass er sich verhakt, was zum Tod der Biene führen würde.

  • legt in den Sommermonaten bis zu 2000 Eier täglich, also mehr als ihr eigenes Körpergewicht

Auch im Kopf der Arbeiterbienen entsteht Erstaunliches: Dort haben sie eine Drüse, in der sie Gelée Royale produzieren, den Futtersaft für die Königin. Sieben B-Vitamine, Aminosäuren, Spurenelemente, Mineralstoffe und rund 25 Prozent Zucker machen aus der Nahrung einen Energie-Mix, bei dem die meisten Riegel-Hersteller nur so mit den Ohren schlackern würden. Arbeiterin oder Königin, allein dieses Futter entscheidet über die Krone. Aber auch der Honig ist eine echte Luxus-Mahlzeit: Anders als Haushaltszucker enthält er zahlreiche Vitamine, Mineralstoffe, vor allem Kalium und Magnesium, Enzyme und sogar Aminosäuren. Seine Süßkraft ist sogar um 25 Prozent höher als die von Rohrzucker. Während ihres gesamten Lebens sammelt eine Biene gerade einmal einen Teelöffel voll Honig. Um ein handelsübliches Glas Honig zu füllen, müssen die Bienen 40.000 mal ausfliegen und dabei zwei bis sieben Millionen Blüten besuchen. Pro Jahr kann ein Volk dennoch 300 Kilo Honig herstellen. Diese Menge ist natürlich nicht ständig im Stock, sondern wird von den Bienen als Futter für ihren Lebensunterhalt benötigt. Pro Volk kann ein Imker davon im Jahr rund 40 Kilo ernten.

Arbeiterbienen

  • sind neben der Königin die weiblichen Bienen

  • haben – anders als die Königin – keine voll ausgebildeten Eierstöcke

  • haben einen Stachel

  • haben von Geburt an verschiedene Aufgaben: etwa Sammlerin für den Nektar, Ammenbiene, um die Larven zu füttern, Putzbiene, Wächterin, um den Stock vor Angreifern zu warnen und zu verteidigen usw.

Ob es an der Süße des Honigs liegt, dass das Bienenmotiv weltweit in sämtlicher Liebeslyrik verbreitet ist? Der Schweizer Autor Ralph Dutli schreibt in seinem Buch "Das Lied vom Honig", "dass alle indische Liebespoesie auf Bienen- und Honigverehrung beruht." So seien beim Dichter Kalidasa die "goldenen Bienen" die "Boten der Liebe". Bei einer indischen Hochzeit sei es Brauch, dass sich die Frau sämtliche Körperpartien mit Honig bestreicht. Für den Liebesgott Kama natürlich. Der spanische Dichter Federíco García Lorca schreibt: "Der Honig ist das Epos der Liebe, Stofflichkeit des Unendlichen." Und Rainer Maria Rilke vergleicht sich gleich selbst mit den Bienen: "Wir sind Bienen des Unsichtbaren" sagt er über die Dichter, da sie Fleiß und Schönheit vereinen. Die Bienen selbst sagen dazu nichts. Sie tanzen vielmehr. Eine getanzte liegende Acht zeigt den anderen Kollegen, wo es Futter gibt. Am Ende der Acht wird mit dem Hintern gewackelt. Fertig ist der sogenannte Schwänzeltanz und damit die Infoweitergabe über Richtung und Qualität der nächsten Blütenquelle gesichert. Wer braucht Worte, wenn er tanzen kann?

Drohnen

  • sind die männlichen Bienen

  • haben große Augen

  • haben keinen Stachel

  • sind nicht stocktreu, sie fliegen also ohne festen Wohnsitz von einem Stock zum anderen

Von dem einzigen Laut, den die Bienen abgeben, dem Summen, kommt im Übrigen auch das Wort "dröhnen". Die männlichen Bienen, die Drohnen, summen nämlich etwas tiefer als ihre weiblichen Artgenossen - sie dröhnen. Im Mittelalter glaubte man, Bienen hätten gar keinen Sex. Und da die Bienen nicht nur so keusch, sondern auch noch so wahnsinnig fleißig sind und ihr ganzes Leben dem Gemeinwohl verpflichten (sie verlassen sogar zum Sterben den Stock, damit die anderen sie nicht wegräumen müssen), soll der Bienenstaat zum Vorbild für die klösterliche Gemeinschaft gedient haben. Dass Honig eine erlaubte Süßigkeit ist und Klöster einen recht großen Bedarf an Kerzenwachs hatten, dürfte dazu sein Übriges getan haben.  

Dabei ist es mit der Körperlichkeit unter den Bienen so: Die Königin hat einfach nur ziemlich weit oben in der Luft Sex. Und wenn sich hunderte Bienen beim Hochzeitsflug auf einmal zu einer dunklen Wolke am Himmel versammeln, ist es auch schwierig zu beobachten, was sie dort oben treiben. Allerdings paart sie sich nur ein einziges Mal in ihrem Bienenleben.       

Männer sind nur für das Eine gut  

Der Sex fürs Leben gilt dabei für beide Geschlechter. Kurz nachdem die Königin aus ihrer Brutzelle geschlüpft ist, beginnt sie mit dem Hochzeitsflug. Dabei stößt sie einen dumpfen Ton aus. Somit bekommen alle Männchen, also Drohnen, aus der Umgebung Bescheid, dass sie jetzt das Einzige machen können, wozu sie eigentlich gut sind: die Königin zu begatten. Zehn bis 20 Drohnen kommen dann zum Zug. Für diese war das ihre letzte Tat, sie sterben danach einfach. Der Samen reicht der Königin zur Eiablage für ihr gesamtes Leben, das immerhin vier bis sechs Jahre dauern kann. Alle anderen Bienen leben nur ein paar Monate.

Im Winter haben Drohnen schlechte Karten: Denn dann werden sie einfach von den Arbeiterinnen aus dem Stock geworfen. Nichtsnutzige Mitesser können die Damen dann nicht mehr gebrauchen. Immerhin machen Drohnen den ganzen Tag nichts, außer mit ihren riesigen Augen auf Brautschau zu gehen und sich von den weiblichen Bienen mit Honig durchfüttern zu lassen. Nicht einmal bei einem Angriff können sie den Helden spielen - dazu fehlt ihnen der Stachel.

Die Königin ist meist mit einem Punkt markiert (Foto: Magdalena Fröhlich)
Hätten Herrscher wie Napoleon etwas mehr über den Regierungsstil der Königin gewusst - vielleicht hätten sie doch auf ein anderes Machtsymbol zurückgegriffen. Napoleon ließ sich so ziemlich alles mit Bienen verzieren, was er oft benutzte: Seinen Mantel, sein Besteck - alles war voller Bienen. Dabei ist die Bienenkönigin mehr Mutter als Regentin. Sie gibt weder Befehle noch unternimmt sie Eroberungsfeldzüge. Wer 1500 bis 2000 Eier am Tag legt, hat zu etwas Anderem auch kaum noch Zeit. Verglichen mit einem Huhn bedeutet das eine Legeleistung von einer Kofferraum-Ladung täglich. Das ist dann aber auch so ziemlich der einzige Job, den die Königin hat. Nicht einmal putzen muss sie sich selber. Darum kümmern sich Arbeiterinnen, die sie lecken, füttern und für eine angenehme Temperatur im Stock sorgen. Dafür ist sie aber auch der alleinige Chef, eine andere Königin neben sich duldet sie keinesfalls. Für diesen Anspruch verteilt sie ein Pheromon, einen Duftstoff, unter den Bienen im Stock. Dieser sorgt dafür, dass ihre weiblichen Mitbewohner keine Eierstöcke ausbilden.

Bienen auf einer Wabe (Foto: Magdalena Fröhlich)
Denn neben ihrer Größe ist das das Einzige, was sie von den Arbeiterinnen, die nur verkümmerte Eierstöcke haben, unterscheidet. Gemeinsam mit den Arbeiterinnen wird entschieden, wie viel Männer das Volk braucht: Die Arbeiterinnen legen größere und kleinere Brutzellen an - in alle größeren legt die Königin ein männliches Ei, in die kleineren Arbeiterinnen. Beschließen die Arbeiterinnen: Wir brauchen mehr Männer, bauen sie also einfach ein paar mehr größere Brutzellen. Dann merkt die Königin: Ok, da kommt ein Ei für einen Drohn hinein. Ob männliches oder weibliches Ei – darüber entscheidet die Zugabe von Spermien: Drohnen-Brut ist unbefruchtet, also ohne Sperma, bei weiblicher Brut gibt die Königin Sperma aus ihrem Vorrat hinzu. Was für ein Phänomen, dass aus unbefruchteten Eiern überhaupt Leben entstehen kann! (Befruchtete Eizellen werden zu Arbeiterinnen, unbefruchtete zu Drohnen. Drohnen haben also keine Väter.

Eine Biene schlüpft gerade aus ihrer Zelle und wird von einer Ammenbiene empfangen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Sogar den Ägyptern waren Bienen schon heilig. So sollen sie aus den Tränen des Sonnengottes Ra entstanden sein. Selbst das Mumifizieren haben sie von ihnen gelernt. Die Bienen machen das mit Propolis, das manchmal auch „Bienenharz“ genannt wird, da es die Arbeiterinnen von Baumwunden und Knospen sammeln und mit Pollen vermischen. Da das Propolis eine antibakterielle Wirkung hat und keine Keime durchdringen lässt, kitten die Bienen damit alles zu, was Krankheiten eindringen lassen könnte. Zum Beispiel kleine Löcher im Stock. Eine Maus etwa, die in einen Bienenstock einbricht, wird totgestochen. Da die Bienen die Leiche aber unmöglich abtransportieren können, wird sie mit Propolis einbalsamiert.. Keime, Gerüche und mögliche Krankheitserreger bleiben so dicht verschlossen. Das klappt aber nicht immer – manchmal ist auch die Maus die Stärkere. 

Und in noch einem Punkt haben die Ägypter von den Bienen gelernt. Statt aufs Brot, schmierte Kleopatra sich den Honig auf die Haut. Schließlich blieb sogar Cäsars Blick an ihr kleben…

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Buchtipp: Ralph Dutli: Das Lied vom Honig - Eine Kulturgeschichte der Biene 

Fünfteilige Doku des MDR über Bioland-Imker: Die Honigmacher von Schloss Tonndorf