Da Schweine nicht schwitzen können, ist für sie ein Schlammbad im Sommer wichtig (Foto: Rudolf Wiedmann)
20.01.2014
Experte im Interview

"Hausschweine unterscheiden sich kaum von Wildformen"

Schluss mit dem Schmuddelimage: Schweine sind sehr saubere Tiere - wenn der Mensch sie lässt. Schweine-Experte Rudolf Wiedmann erklärt, woher Schweine ihren Ruf haben.

IM FOKUS: Warum haben Schweine so ein Schmuddelimage?

Wiedmann: Das liegt unter anderem daran, dass Schweine ihre Köpertemperatur nicht so einfach regulieren können, weil sie nicht schwitzen. Bei hohen Temperaturen werden sie ihre Wärme nur los, indem sie sich auf möglichst kühle und feuchte Flächen legen. Wenn nun solche Flächen nicht vorhanden sind, bleibt ihnen in der Not nichts anderes übrig als in ihren Fäkalien - im Schmutz - zu suhlen. Bevorzugt nutzen die Schweine ein Schlammbad, weil es sie länger abkühlt. Außerdem werden sie mit dem angetrocknetem Schlamm Hautparasiten los.

IM FOKUS: Wie würden sich Schweine in der freien Wildbahn verhalten?

Wiedmann: Schweine sind Waldtiere. Dort gibt es viel Schatten und es herrschen moderate Temperaturen. Wenn es ihnen im Sommer doch mal zu heiß wird, legen sich die Tiere in eine kühle Suhle im Schatten der Bäume. Dann werden sie im üblichen Sprachgebrauch schmutzig, wobei es sich aber im eigentlichen Sinne nicht um Schmutz, sondern um einen Überzug mit Erde handelt. Das ist schon ein Handicap für das Image von Schweinen, die eigentlich sehr saubere Tiere sind.

IM FOKUS: Saubere Tiere?

Wiedmann: Ja selbstverständlich. Schweine trennen ihre Bereiche streng. Es gibt einen Schlaf- und Ruheplatz, einen Wühl- und Futterplatz und es gibt einen Ort, an dem die Schweine koten. Letzteren legen Schweine immer so weit wie möglich von den anderen Funktionsbereichen entfernt an. Im Stall, wenn er denn groß genug ist und über einen Auslauf verfügt, gehen die Schweine meist bis ans äußerste Ende des Freibereichs, um ihre Notdurft zu verrichten.

IM FOKUS: Welche charakterlichen Merkmale weisen domestizierte Schweine noch auf?

Wiedmann: In Feldstudien ist nachgewiesen, dass sich unsere Hausschweinerassen in ihrem Verhalten nur minimal von den Wildformen unterscheiden. Es ist erstaunlich, dass viele hundert Jahre Zucht keine großen Auswirkungen auf die typischen Charaktereigenschaften dieser Tiere gehabt haben. Sie leben in Gruppen - also Rotten - von maximal 20 Tieren. Jedes Tier hat zu jedem anderen Tier der Gruppe eine bestimmte soziale Beziehung.

IM FOKUS: Es gibt in Rotten keine Hierarchien?

Wiedmann: Bei Schweinen spricht man weniger von einer Hierarchie, sondern eher von einer sozialen Rangordnung, weil jedes Tier zu jedem einzelnen Buchtengenossen in einer festen sozialen Rangfolge steht. Wenn diese Ordnung einmal ausgefochten ist, kommt es nur noch selten in der Gruppe zu Aggressionen. Schweine sind möglichst bestrebt, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Als soziale Wesen führen sie alle wichtigen Aktionen gemeinsam durch. Das sieht man zum Beispiel an ihrem Fressverhalten. Sie wollen zusammen in der Gruppe fressen. Da gibt es kein Alphatier, das erst mal die Sahnestücke vertilgt und die anderen sich um die Reste streiten. Dieses Verhalten spielt auch für Schweinehalter eine wichtige Rolle.

IM FOKUS: Inwiefern?

Wiedmann: Schweine fressen bei Stallhaltung, in der den Tieren konzentriertes Futter zugelegt wird, meist zu viel und zu schnell. In natürlicher Umgebung sind Schweine etwa acht Stunden pro Tag mit der Nahrungssuche beschäftigt. Sie schnuppern, wühlen und fressen. Die übrigen 16 Stunden schlafen oder dösen sie. Im Stall ist dagegen die Nahrungsaufnahme in einem vergleichsweise kurzen Zeitfenster erledigt. Manche Schnellfresser sind nach wenigen Minuten fertig, vor allem wenn sie Flüssigfutter bekommen. Eine Sau von 250 Kilogramm hat dann schnell mal 20 Kilogramm Futter weggeschlürft. Das sorgt für vielerlei Probleme.

IM FOKUS: Welcher Art?

Wiedmann: Erstens ist das schnelle Fressen schlecht für die Gesundheit der Schweine. Sie können das Futter nicht richtig einspeicheln und es steht in der kurzen Zeit nicht genügend Magensäure für die Aufspaltung zur Verfügung. Im Dünndarm kann dann ein solches Futter nicht optimal verdaut werden. Bei Flüssigfutter kommt hinzu, dass es oft sehr kalt ist - gerade einmal zehn Grad Celsius, im Winter noch kälter. Es kann zu Magenverdrehungen und Magenschleimhautentzündungen kommen.

IM FOKUS: Was machen die Tiere mit der restlichen Zeit?

Wiedmann: Ihr typisches Verhalten ergibt sich aus der andauernden Nahrungssuche. Wenn die Tiere schon nach fünf oder zehn Minuten satt sind, wollen sie doch trotzdem ihre Neugier befriedigen, also wühlen und spielen. Dafür muss es im Stall Gelegenheit geben. Biohalter bieten in ihren Ställen kau-, beiß- und schluckbare Materialien wie Rauhfutter und Stroh an, mit denen sich die Schweine ausgiebig beschäftigen können.

IM FOKUS: Und wenn das nicht vorhanden ist?

Wiedmann: Dann werden die Tiere auch mal aggressiv und beißen sich gegenseitig in den Ringelschwanz. Die Wunden, die dann entstehen, können sich entzünden und die Infektion ins Rückenmark wandern. Ihr Fleisch kann dann eventuell nicht mehr verzehrt werden. Schweine mit zu wenig Beschäftigung können deshalb zu Opfern aber auch Tätern werden, weil sie ihr natürliches Verhalten nicht ausleben können. Oft halten sie dann unter solchen Stresssituationen nicht mehr ihre natürliche Hygiene ein und koten zum Beispiel nur noch weniger Meter von ihrer Schlafstelle entfernt.

IM FOKUS: Wie unterscheiden sich die Rassen in ihren Charaktereigenschaften?

Wiedmann: Grundsätzlich kann man schon sagen, dass die von Natur aus fetteren Rassen etwas umgänglicher sind. Aber eigentlich sind die Charakterunterschiede zwischen den einzelnen Rassen nicht so groß wie unter einzelnen Schweinen.

IM FOKUS: Woran liegt das?

Wiedmann: Die Zucht und der tägliche Umgang mit den Schweinen sind darauf ausgerichtet,  mit ihnen möglichst wenig Mühe zu haben. Also werden Schweine, die aggressiv oder ungeschickt sind, ziemlich schnell ausselektiert. Alte Rassen, wie Bunte Bentheimer, Wollschweine oder auch Schwäbisch Hällische sind etwas behäbiger als hochgezüchtete weiße Rassen.

IM FOKUS: Weiße Rassen?

Wiedmann: Zu den sogenannten weißen Rassen zählen hauptsächlich die Edelschweine und die Landrassen. Durch den laufenden züchterischen Austausch von ausgewählten Tieren quer durch Europa sind diese Rassen mittlerweile alle auf einem hohen Leistungsniveau. Deshalb haben diese sogenannten modernen Rassen die alten Rassen wie die Schwäbisch Hällischen oder die Bunten Bentheimer in den letzten 100 Jahren stark verdrängt. Sie wachsen schneller und können mit weniger Futter mehr Fleisch erzeugen. Mit dem zunehmendem Interesse an der Fleischqualität hinsichtlich Farbe, Geschmack, Zartheit, Safthaltevermögen und so weiter geraten nun die alten Rassen wieder mehr in den Fokus.

Das Interview führte Oliver Scheiner 

Copyright: Rudolf Wiedmann
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Der Agrarbiologe Rudolf Wiedmann beschäftigt sich bereits seit über 40 Jahren mit dem Thema Schweinehaltung, zuletzt am Bildungs- und Wissenszentrums Boxberg. Von ihm stammen zahlreiche einschlägige Publikationen.

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