Eva Barlösius hat sich intensiv mit der Soziologie des Essens beschäftigt. (Foto: privat)
21.12.2013
Soziologin Eva Barlösius

„Gemeinsames Essen ist in allen Kulturen wichtig“

Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Essen ist auch ein Teil unserer Identität. Darüber, was uns schmeckt, entscheidet sich schon von Kindesbeinen an. Unser Umfeld lehrt uns Geschmack. Die Soziologie-Professorin Eva Barlösius erklärt, warum das so ist.

IM FOKUS: Wie wichtig ist Ihnen Essen?

Barlösius: Ich beschäftige mich nicht nur gern mit Esskultur, ich esse auch selber sehr gern.

ZUR PERSON

Eva Barlösius wurde 1959 in Hannover geboren. Derzeit lehrt sie in ihrer Heimatstadt an der Leibniz-Universität. Zuvor war sie unter anderem am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin tätig.

IM FOKUS: Warum nehmen wir Essen denn überhaupt so wichtig – oder warum verknüpfen wir einen besonderen Anlass immer mit einem besonderen Essen? Beispielsweise ein Geschäftsessen oder ein Rendez-Vous.

Barlösius: Ja, eigentlich könnte man ja auch etwas anderes machen, als zu essen. Das hat aber einen einfachen Grund. Essen ist einfach die ursprünglichste soziale Situation des Menschen. Es ist das Erste, worüber wir überhaupt Sozialität erleben, also Unterstützung und Anerkennung. Jedes Baby, das gefüttert wird, erfährt durch das Geben von Nahrung Zuwendung. Deshalb essen wir auch gern in Gemeinschaft.

IM FOKUS: Es ist ja auch schwer denkbar, etwas anders bei einem wichtigen Anlass zu machen.

Barlösius: Ja, das gemeinsame Essen, besonders an Festen, ist in allen Kulturen und allen Schichten enorm wichtig. Wir sprechen ja auch nicht umsonst vom „Sonntagsbraten“. Essen wurde auch schon immer als Ausdruck des Teilens und von Wertschätzung angesehen. Das Tanzen hat sich in Adelskreisen erst im Mittelalter um das Essen herumgruppiert. Der gedeckte Tisch stand aber auch da an erster Stelle.

IM FOKUS: Bleiben wir bei der höfischen Gesellschaft. Hier ist die reich gedeckte Tafel Ausdruck von sozialen Status. Gilt es noch immer? Sagt ein Biss in das Wurstbrötchen mehr, als dass ich Hunger habe?

Barlösius: Ja, sozialen Status kann man mit Essen nach außen zeigen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat Ende der 1960er Jahre eine Studie durchgeführt, wie einzelne Schichten ihren Geschmack prägen. Er nennt das Habitus. Das umfasst natürlich noch viel mehr als die Ernährung. Höher gestellte, gebildete Personen bevorzugen beispielsweise Gerichte, die komplizierter zu essen sind, etwa Meeresfrüchte. Die Arbeiterklasse bevorzugt dagegen Speisen, die ohne viel Geschirr auskommen, etwa Eintöpfe. Bourdieu unterscheidet also den Luxus- und den Notwendigkeitsgeschmack. Die Gesellschaft ist heute aber viel durchmischter. Man kann aber sagen, dass Personen, die auf Ästhetik Wert legen, das auch beim Essen tun. Ihnen ist Tischdekoration und ein schönes Präsentieren der Speisen wichtig. Bestellen Sie also einen aufwendig drapierten Fisch, könnte man vermuten, dass Sie gerade nicht nur Hunger haben, sondern auch in anderen Lebensbereichen Wert auf ein schönes Aussehen legen.

IM FOKUS: Lebensmittel aus dem Biolandbau landen aber eher in den Einkaufstaschen von besser Verdienenden oder höher Gebildeten. Widerspricht sich das nicht? Bei Bio spielt die Einfachheit ja eine große Rolle.

Barlösius: Anders als in Frankreich, wo Bourdieu geforscht hat, gab es in Deutschland schon immer eine dritte Geschmacksausprägung – das Natürliche. Das sieht man schon im 19. Jahrhundert mit der Lebensreformbewegung und dem Vegetarismus, der bald darauf anknüpft. In den nördlichen Ländern ist das übrigens ähnlich. Das Regionale, Naturbelassene steht hier im Vordergrund. Die Öko-Bewegung grenzt sich also bewusst von Luxus ab – weil die Menschen diesen Geschmack für ethisch und moralisch vertretbarer halten.

IM FOKUS: Welche Rolle spielt denn der Geschmack für die Identität?

Barlösius: Beim Essen verbindet sich der ästhetische Geschmack, also das was gefällt, mit dem, was mir schmeckt. Geschmack ist also mit allen Sinnen erlebbar. Über Geschmack kann ich meine Identität ausdrücken. Ich zeige damit, was ich mag oder was ich eher ablehne. Und im Bezug auf Identität ist das, was andere sehen können sehr wichtig.

IM FOKUS: Wenn mein Nachbar mit seiner Familie isst, bestellt er etwas anderes als bei einem Treffen mit seinen Kumpels. Warum?

Barlösius: Dass es innerhalb der Familie andere Essensmuster gibt als im öffentlichen Raum, ist bei Männern und Frauen gleich. Mit dem Essen in der Öffentlichkeit will man dann seine Männlichkeit beziehungsweise Weiblichkeit ausdrücken. Wenn Sie als Frau mit Ihren Freundinnen in ein Restaurant gehen, werden wohl alle eher leichte Gerichte wählen. Stellen Sie sich eine Szene bei Sex and the City vor: Würde hier eine der Schauspielerinnen einen Schweinebraten bestellen, würde sie wohl schiefe Blicke von den anderen ernten. Das Frauenbild in unserer Gesellschaft gibt das vor.

IM FOKUS: Kann man vom Essen auf die Person schließen?

Barlösius: Nein, so einfach ist das nicht. Das sind nur Vermutungen. Es ist auch keinesfalls so, das Gerichte, wie etwa Sülze und Bratkartoffeln, die als männlich gelten auch tatsächlich vor allem von Männern gegessen werden. Frauen essen das genauso gern und häufig. Allerdings ist das Bild von Männern in unserer Gesellschaft eher mit Kräftig verbunden und diese Gerichte sind ja eher schwerere Kost.

Das Interview führte Magdalena Fröhlich

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