Von der Thüringer Waldziege gibt es nur noch wenige Tiere, die meisten Bauern setzen auf die deutsche Edelziege - sie gibt mehr Milch (Foto: imago)
02.09.2014
Interview mit Spezialistin für Tiergenetik

"Gegen das Aussterben hilft nur Aufessen"

Sie geben deutlich weniger Milch, setzen langsamer Fleisch an und legen nur halb so viele Eier. Trotzdem sagt Antje Feldmann: Wir müssen diese Rassen erhalten. Im Interview erklärt die Agrarwissenschaftlerin, warum.

IM FOKUS: Frau Feldmann, Sie setzen sich für den Erhalt alter Nutztierrassen ein. Warum eigentlich?

Alte Rassen sind ein lebendiges Kulturgut - wie das Appenzeller Spitzhaubenhuhn (Foto: imago)
Feldmann: Gegenfrage: Niemand würde auf die Idee kommen und sagen, wozu brauchen wir die Dresdner Frauenkirche? Da gibt es ja Bauwerke, die viel energieeffizienter sind und generell weniger kosten. Allen ist klar: Das ist ein wichtiges Kulturgut. Genauso ist es mit alten Nutztieren - seit die Menschen durch die Landwirtschaft sesshaft geworden sind, züchten sie Pflanzen und Tiere. So sind aus wilden Gräsern Getreidearten geworden, aus dem Wild- ein Arbeitspferd und aus dem Wildschwein ein genügsames Hausschwein. Bei Hühnern und Rindern ist es das gleiche.

IM FOKUS: 7500 Liter Milch liefert heute eine Kuh im Durchschnitt, bei Hühnern sind es rund 300 Eier jährlich. Eine alte Rasse kommt da nicht mit. Wozu brauchen wir sie trotzdem?

Feldmann: Es könnte sich zum Beispiel herausstellen, dass eine Hochleistungsrasse auf einen neuen Virus besonders empfindlich reagiert, dann wäre es schwierig auf einen anderen Genpool zurückzugreifen. Genau diesen wollen wir erhalten. Dazu haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie frieren die Gene ein, oder Sie züchten die Tiere weiter. Wir wollen einen lebenden Genpool. Im Gefrierschrank einer Genbank findet keine Evolution statt - das ist aber wichtig. Der Inhalt eines Reagenzglases kann nicht auf Umweltveränderungen reagieren. Eine Kuh, die draußen auf der Weide steht, sehr wohl. Diese Kühe merken im Lauf der Generationen den Klimawandel oder kommen mit verschiedenen Krankheiten in Kontakt. Dann können Sie jeweils solche Kühe für die Zucht verwenden, die besonders gut damit zurechtkommen.

IM FOKUS: Also werden alte Nutztierrassen seltener krank, weil sie besser angepasst sind?

Holstein-Friesische Rinder geben viel Milch (Foto: imago)
Feldmann: Ich kennen keine Rasse, der eine bestimmte Krankheit überhaupt nichts ausmacht. Allerdings sind alte Rassen meist viel robuster. Wenn Sie sich heute Milchkühe ansehen, dann sind über die Hälfte der Tiere Holstein-Friesische Rinder, die kennen Sie: Das sind die schwarz-weiß gefleckten. Wenn eine Kuh etwa an der Maul- und Klauenseuche leidet, dann kann sie ein paar Tage lang nichts fressen, weil das Tier in den Schleimhäuten Schmerzen hat. Das trifft auf alle Kuhrassen zu, aber: Eine alte Rasse kommt gut damit zurecht, ein paar Tage nichts zu fressen, ein modernes Hochleistungsrind wäre total am Ende.

IM FOKUS: Wie ist es denn überhaupt dazu gekommen, dass wir fast überall die gleichen Kuh-, Schweine- und Hühnerrassen finden?

Feldmann: Moderne Rassen sind Hochleistungstiere und diese brauchen Hochleistungsfutter - ohne würden sie nicht so schnell wachsen beziehungsweise so viel Milch und Eier geben. Hochleistungsfutter bekommen Sie entweder aus Übersee, also Soja. Oder indem Sie schlechtere Standorte düngen, um energiereiches Getreide anzubauen. Früher haben die Bauern auch lieber die Nachkommen von einem Tier gewählt, das gute Leistungen gebracht hat. Aber die Tiere mussten eben mit dem Futter vom Hof leben, da kam der Futterwagen mit Soja noch nicht bis ins letzte Dorf. Die Verarmung der Vielfalt ist also eine Folge der globalisierten Agrarindustrie.

IM FOKUS: Sind denn auch in anderen Teilen der Welt Nutztiere vom Aussterben bedroht?

Feldmann: Es ist unglaublich, was heute an Zuchttieren durch die Welt verschickt wird. Die Nachkommen eines Friesisch-Holsteinischen Zuchtbullens aus Schleswig-Holstein können heute in den USA genauso gut stehen wie in Japan oder in Uganda. Dort, wo die Agrarindustrie Einzug erhält, verschwinden die ursprünglichen, regional angepassten Nutztierrassen.

IM FOKUS: Eine friesische Rasse in der Sonne von Süd-Afrika - das hält die Kuh aus?

Feldmann: Natürlich nicht. Die Kuh steht ja dann in einem klimatisierten Stall, da bekommt sie das Wetter von draußen gar nicht mit. Wenn die Tiere auf der Weide stehen, werden sie aber meist mit einheimischen Rassen gekreuzt. Außerdem nimmt man dann nur Tiere, die dunkle Ringe oder Flecken um die Augen haben - sonst würden sie wegen der Sonne Augenprobleme bekommen.

IM FOKUS: Könnten die Tiere ohne Hochleistungsfutter überhaupt überleben?

Feldmann: Überleben schon, aber sie wären bei weitem nicht so leistungsfähig und gesund. Heute bekommen Rinder oft nur noch deswegen Gras oder Heu  - also ihre natürliche Nahrung - , um die Pansenaktivität aufrecht zu erhalten. Das ganze Verdauungssystem der Kuh würde sonst nicht mehr funktionieren. Das Besondere an alten Rassen ist ja, dass sie regional so gut angepasst sind und sich mit dem Futter vor Ort begnügen.

IM FOKUS: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Moorschnucken haben kein Problem mit feuchten Füßen (Foto: imago)
Feldmann: Wenn Sie ein Hochleistungsrind auf einen Magerrasen stellen, dann würde es da eher ab- statt zunehmen. Denn auf weniger energiereiche Nahrung ist der Stoffwechsel dieser Kühe nicht eingestellt. Das Rote Höhenvieh, eine Kuhrasse, die es in Franken gibt, setzt auf solch einer mageren Wiese auch ohne Kraftfutter Fleisch an - es dauert nur länger. Oder können Sie sich eine große Turbokuh im Gebirge vorstellen? Diese hätte wohl schon Probleme, überhaupt den Berg hochzukommen. Deshalb hält man in Regionen mit steileren Hängen eher kleinere Rinder, die können sich da besser bewegen. Diese Rassen sind also nicht nur an das Futterangebot angepasst: Die Moorschnucke, eine Schafrasse, kommt in moorigen Gebieten vor. Ihnen macht es nichts aus, dauernd nasse Füße zu haben. Andere Schafe würden da schnell krank werden.

IM FOKUS: Empfinden Sie es als Tierquälerei, Nutztieren solche enormen Leistungen anzuzüchten?

Feldmann: Prinzipiell ist es nicht schlimm, Rassen zu züchten, damit sie mehr Leistung bringen. Das hat man ja schon immer versucht und war da auch sehr erfolgreich. Sobald Zucht aber zu gesundheitlichen Problemen führt, finde ich das nicht gut. Puten sind ein extremes Beispiel: Die meisten Puten leiden unter Gelenkschmerzen, weil ihnen eine große Brust angezüchtet wurde. Viele Tiere kippen fast vorne über, können sich kaum bewegen und sind nicht einmal mehr in der Lage, sich selbst fortzupflanzen - das Gewicht des Hahnes würde die Pute einfach nicht aushalten.

IM FOKUS: Ist das bei Biotieren anders?

Feldmann: Biobetriebe haben auch Hochleistungsrassen. Gerade im Geflügelbereich  hat man oft keine andere Wahl. Trotzdem ist die Mast hier nicht so extrem, weil die Tiere hier weniger Kraftfutter bekommen und Auslauf haben.

IM FOKUS: Aber Sie sagten doch: Früher hielten die Bauern solche Hühner, die sowohl Fleisch als auch Eier produzierten. Man hat also beides genutzt.

Feldmann: Ja, aber das herkömmliche Zwie- oder Landhuhn ist heute kaum marktfähig. Man braucht ein Huhn, das mit 1,3 Kilo Futter 1,0 Kilogramm Körpergewicht zulegen kann. Das ist rund halb so viel, wie es die meisten alten Rassen benötigen. Und man braucht Hühner, die knapp 300 Eier legen - viele Hühnerrassen schaffen nur knapp die Hälfte. Die Preise wären also viel höher.

IM FOKUS: Es gibt in der Bio-Branche Initiativen, die auf das Zweinutzungshuhn setzen.

Das Vorwerkhuhn ist ein Beispiel für ein Zweinutzungshuhn (Foto: imago)
Feldmann: Ja, das ist auch gut. Leider ist dieses Huhn bis heute noch nicht gezüchtet worden, das den aktuellen Ansprüchen genügen könnte. Das müssten schon Zuchtunternehmen in die Hand nehmen, um die notwendige Anzahl an Hennen für die Bauern bereitstellen zu können. Für die lohnt es sich aber erst, eine solche Rasse zu züchten, wenn garantiert ist, dass man ihnen 20 Millionen Tiere davon abnimmt - so groß ist die Bio-Branche aber noch nicht. Und auch ein Unternehmen braucht rund zehn Jahre, um eine neue Rasse zu züchten.

IM FOKUS: Kann man mit alten Rassen als Bauer überhaupt überleben?

Feldmann: Man muss ihre speziellen Eigenschaften und Vorzüge kennen und sie vor allem gut vermarkten und sie als Spezialität anpreisen. Viele alte Rassen sind ja auch viel schmackhafter, weil sie mehr intramuskuläres Fett haben. Die Rasse "Buntes Bentheimer Schwein" etwa ist nicht mehr vom Aussterben bedroht, weil viele Leute den Geschmack des Fleisches wieder schätzen. Für die regionalen Rassen kann man außerdem noch etwas Geld über staatliche Förderprogramme bekommen, wenn man die Tiere zur Landschaftspflege einsetzt.

IM FOKUS: Was kann denn ich dafür tun, um alte Nutztierrassen zu erhalten?

Feldmann: Wie der Name schon sagt: Sie nutzen! Beim vom Aussterben bedrohten Nutztieren ist aufessen ausdrücklich erwünscht. Denn wenn niemand die Produkte von diesen Tieren kauft, werden sie nicht gehalten. Wenn Sie etwa Hühner zum Eigenbedarf halten, dann ist es schön, wenn Sie auf alte Rassen setzen - Sie brauchen deshalb nicht gleich zu züchten. Viele Leute wissen gar nicht wie unterschiedlich ein Huhn aussehen kann. So schaffen Sie Aufmerksamkeit für dieses Thema.    

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person:

Die Agrarwissenschaftlerin Antje Feldmann, Jahrgang 1963, ist seit zwölf Jahren hauptamtliche Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) in Witzenhausen. Zuvor war sie auch international als Spezialistin für Tiergenetik für verschiedene Organisationen tätig, etwa bei der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom sowie beim Thünen-Institut. Feldmann hat in Weihenstephan Agrarwissenschaften studiert, nachdem sie eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Gehilfin auf einem Biohof gemacht hat. 

Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) setzt sich für die Erhaltungszucht bedrohter Nutztierrassen ein. Seit der Gründung 1981 ist in Deutschland keine Rasse mehr aussgestorben. Der Verein vermittelt unter Züchtern, macht Öffentlichkeitsarbeit und benennt Arche-Höfe, also Höfe, auf denen bedrohte Rassen leben.

Infos: www.g-e-h.de

 

 

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