Der Anteil von ökologisch produzierter Baumwolle beträgt gerade einmal ein Prozent, der von gentechnisch veränderter dagegen rund 70 (Foto: imago/xinhua)
23.04.2015
Futtermittel, Enzyme, Baumwolle

Hier versteckt sich Gentechnik

In Deutschland stehen keine gentechnisch veränderten Pflanzen auf den Feldern. Trotzdem gibt es auch bei uns Gentech-Produkte im Laden. Von Magdalena Fröhlich

Wenn es um Gentechnik geht, gilt in Deutschland die Regel: Lebensmittel, die gentechnisch verändert wurden, müssen gekennzeichnet werden. Da die meisten Verbraucher Gentechnik im Essen ablehnen, sind solche Lebensmittel nicht auf dem Markt. Einen gentechnisch veränderten Apfel oder Tofu aus gentechnisch verändertem Soja (GV-Soja) gibt es hier nicht. Diese Kennzeichnungspflicht auf Lebensmitteln gilt allerdings nicht, wenn Tiere GV-Soja zu fressen bekamen. Sie gilt auch nicht für Vitamine, Aromastoffe oder Enzyme, die mittels gentechnisch veränderter Mirkoorganismen hergestellt wurden.

Wenn Gentechnik in Produkten ist, die keine Lebensmittel sind, gibt es erst recht keine Pflicht, das auch aufs Produkt zu schreiben. Wird also etwa Treibstoff aus Raps importiert, kann man nicht genau erfassen, wie viel Gentechnik wir auch im Tank haben. Das gilt auch für Biokunststoffe, bei denen es ebenfalls nicht klar ist, ob für ein Produkt GV-Pflanzen verwendet wurden. Bei Baumwolle ist es einfacher: Da diese überwiegend in der Textilproduktion eingesetzt wird, lässt sich hier leichter schlussfolgern, wie hoch der Gentechnik-Anteil in Baumwollkleidung ist.

Hier erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Bereiche, wo Gentechnik drin ist, ohne dass es draufsteht.

Futtermittel: Tiere erhalten Gentech-Soja zum Fressen

Egal, ob Fleisch, Milch oder Eier - auch wenn ein Tier gentechnisch verändertes Futter bekommen hat, müssen die Produkte nicht gekennzeichnet werden. Selbst Labels wie "Qualität aus Bayern" schließen Gentechnik im Futtermittel nicht aus - obwohl dieses Gentech-Futter nicht aus dem Freistaat, sondern meist aus Übersee kommt. Wer gentechnikfreie Lebensmittel kaufen möchte, muss auf das Label "Ohne Gentechnik" achten oder gleich zu Bio-Produkten greifen. Im Ökolandbau ist Gentechnik nämlich verboten - egal, ob es sich um Futter- oder um Lebensmittel handelt.

Soja-Monokulturen, so weit das Auge reicht - das schadet der Artenvielfalt (Foto: imago/mint image)
Generell sind gentechnikfreie Produkte die Ausnahme. Das schreibt das der Gentechnik-Lobby sehr nahestehende Portal transgen. Dort heißt es: "In der Regel bestehen Standard-Sojarohstoffe, wie sie auf den internationalen Agrarmärkten gehandelt werden, zu einem überwiegenden Anteil aus gentechnisch veränderten Sojabohnen." Hinzu kommt: Nicht nur die Soja-Pflanze selbst ist gentechnisch verändert, oft sind dem Futtermittel auch noch Zusatzstoffe, wie Enzyme, Aminosäuren und Vitamine beigemischt, die ebenfalls mittels Gentechnik hergestellt wurden.

2013 wurden beispielsweise rund 3,5 Millionen Tonnen Sojabohnen und knapp 3 Millionen Tonnen Sojaschrot nach Deutschland importiert. Dies stammt vor allem aus den USA und Brasilien - den beiden Ländern mit dem weltweit höchsten Anteil an Gentechnik in der Landwirtschaft. Wie hoch der exakte Anteil an GV-Soja in deutschen Futtertrögen ist, wird nicht exakt erfasst. Insgesamt gilt jedoch: Der Anteil gentechnisch veränderten Sojas am weltweiten Soja-Markt betrug laut deutschem Landwirtschaftsministerium im Jahr 2013 79 Prozent.

Große Konzerne weisen stets daraufhin, dass Futtermittel ohne Gentechnik ihre Produkte stark verteuern würden. Dabei würde etwa ein gentechnikfreier Chickenburger bei McDonald's nur einen Cent mehr kosten. Das hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace im vergangenen Jahr ausgerechnet. Zuvor hat der Konzern in Europa 13 Jahre lang auf Gentechnik im Hähnchenfutter verzichtet. Nur in Österreich, Frankreich und der Schweiz bleibt das Unternehmen weiterhin bei dieser Linie.

Gentechnikfreie Produkte müssen aber nicht die Ausnahme bleiben. Dass es auch ohne geht, zeigen nicht nur alle Bio-Bauern, auch immer mehr Supermärkte setzen bei ihren Eigenmarken auf gentechnikfreie Waren - so zum Beispiel Rewe und Edeka. Greenpeace hat einen Einkaufsratgeber herausgegeben, der die Eigenmarken der großen Ketten beleuchtet. Hier kann man erkennen, wo sich Gentechnik im Futtermittel versteckt. www.greenpeace.de

Enzyme, Aromen, Vitamine

Enzyme, Vitamine oder Futtermittel können Gentechnik enthalten - auf dem Etikett steht das allerdings nicht (Foto: imago/chromorange)
Egal ob Brot, Bier oder Käse - auch hier kann überall Gentechnik drin sein. Denn zahlreiche Aromastoffe und Enzyme werden mittels gentechnisch veränderter Mikroorganismen hergestellt. Diese müssen nicht gekennzeichnet werden. Die Stoffe sollen beim Brot zum Beispiel dafür sorgen, dass die Kruste knusprig ist und dass der Teig schneller aufgeht, beim Käse geht es unter anderem um Lab-Enzyme und beim Bier vor allem um gentechnisch veränderte Hefe. Biere, die nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut werden, enthalten diese nicht.

Baumwolle: Jeans und T-Shirts aus Gentechnik

Bei weltweit rund 70 Prozent liegt der Anteil gentechnisch veränderter Baumwolle. Wer also auf Gentechnik verzichten möchte, sollte auch bei der Kleidung auf Bio achten. Denn hier ist Gentechnik verboten. Der Anteil ökologisch produzierter Baumwolle liegt weltweit allerdings gerade einmal bei einem Prozent. Laut Branchenexpertin Kirsten Brodde steigt die Ökofläche für Baumwolle jedoch beständig. Selbst große Mode-Unternehmen setzen inzwischen verstärkt auf den Bio-Rohstoff, so sind die weltweit größten Abnehmer für Baumwolle aus ökologischem Landbau die Modeketten H&M, gefolgt von C&A.

100 Prozent Bio-Baumwolle - hier ist keine Gentechnik drin (Foto: imago/Niehoff)
Gentechnisch veränderte Baumwolle ist entweder gegenüber Schädlingen resistent, weil die Pflanze mittels eines eingebauten Gens Gifte gegen Fraßinsekten produziert. Eine andere Eigenschaft ist die Resistenz gegen das Pestizid Roundup Ready mit dem Wirkstoff Glyphosat. Das heißt: Die Bauern können das Feld damit spritzen, damit dort außer der gewünschten Pflanze, der Baumwolle, keine andere mehr wachsen kann. Die Firma, die das Saatgut verkauft, liefert das Pestizid gleich mit. So verdient sie doppelt daran. Bei den Landwirten führt dies allerdings zu einer Abhängigkeit von der Preispolitik dieser Unternehmen. In Indien ist laut Informationsdienst Gentechnik das Saatgut für gentechnisch veränderte Baumwolle viermal so teuer wie konventionelles. Fällt die Ernte einmal schlecht aus, sind die Bauern hoch verschuldet, weil sie kaum noch andere Einnahmen haben - sie haben meist nur auf Baumwolle gesetzt und keine anderen Kulturen mehr angebaut. Weil viele Bauern in Indien keinen Ausweg mehr aus ihren Schulden sahen, begingen zahlreiche von ihnen Suizid - indem sie die giftigen Pestizide schluckten.

Zu den sozialen Problemen kommen auch Umweltschäden durch Monokulturen und den Einsatz giftiger Spritzmittel. Denn obwohl die Pestizid-Menge zu Beginn sinkt, müssen später immer mehr Ackergifte eingesetzt werden. Der Grund: Die Unkräuter werden gegenüber Glyphosat resistent, der Landwirt muss mehr spritzen. In allen Ländern, in denen gentechnisch veränderte Pflanzen mit Resistenz gegen Glyphosat angebaut werden (neben Baumwolle ist das vor allem Soja), ist dessen Einsatz stark gestiegen: Binnen sechs Jahren hat sich dieser in den USA verdoppelt. Außerdem gab es 2013 laut US-Landwirtschaftsministerium auf über 28 Millionen Hektar Ackerfläche glyphosat-resistente Unkräuter - das ist mehr als doppelt so viel, wie die Ackerfläche in Deutschland insgesamt.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Quellen zu Gentechnik in Futtermitteln

Infos zu Futtermitteln auf einem gentechnikfreundlichen Portal: www.transgen.de

Greenpeace informiert über Futtermittel und vor allem zu Gentechnik bei McDonald's www.greenpeace.de

Einkaufsratgeber von Greenpeace zu Gentechnik in Futtermitteln www.greenpeace.de

Das Landwirtschaftsministerium hat aufgelistet, wie hoch weltweit der Anteil an GV-Pflanzen ist www.bmel.de

Quellen zu Enzymen und Co. in Lebensmitteln:

Infos zu Gentechnik in Enzymen, Aromastoffen und Vitaminen und wie diese gekennzeichnet werden: www.lebensmittelklarheit.de

Informationen zum Label "Ohne Gentechnik": www.ohnegentechnik.org

Positionen von Bäckern zum Label "Ohne Gentechnik": www.die-bäcker.org

Ein gentechnikfreundliches Portal zum Thema Gentechnik in Lebensmitteln: www.transgen.de und zum Thema Bier und Gentechnik: www.transgen.de

Quellen zu Textilien:

Infos zu Glyphosat: www.keine-gentechnik.de

Infos zu GV-Baumwolle: www.keine-gentechnik.de

Marktdaten zur Bio-Baumwolle: www.textilwirtschaft.de

ARD-Bericht und Zeit-Beitrag zur Selbstmordserie indischer Baumwoll-Bauern: www.daserste.de und www.blog.zeit.de

Die Zeitschrift Brigitte zum Thema grüne Mode: www.brigitte.de

Siegel für nachhaltige Mode: www.utopia.de

Umfangreiche Website von Kirsten Brodde über grüne Mode: www.kirstenbrodde.de

Hier gibt es Tipps für ökologische Kleidung: www.change-it.org