1,4 Tonnen Papaya konnten vergangenes Jahr im Tropenhaus geerntet werden - auf einer Fläche von 600 Quadratmetern (Fotos: Julia Romlewski)
16.07.2015
Exotische Früchte

Papayas aus Oberfranken

Dem Klima zuliebe sollten wir heimisches Obst essen und keine Früchte aus Übersee. Aber was, wenn Bananen, Papayas und Mangos auch bei uns wachsen? Mitten in Oberfranken hat man einen Weg gefunden, die Früchte klimafreundlich anzubauen. Das geht verblüffend einfach. Von Julia Romlewski

Katrin Kaegebein beim Papaya-Ernten
Wenn Katrin Kaegebein ihren Arbeitstag beginnt, zieht sie sich an, als ginge es gleich in den brasilianischen Regenwald. Stimmt ja auch fast. An ihrem Arbeitsplatz in Kleintettau herrscht tropisches Klima. Darum läuft Kaegebein meist in T-Shirt und kurzer Hose herum. Pflückt mitten in Oberfranken Bananen, Mangos und Papayas. In einer Gegend, die zu den kältesten in Deutschland zählt. Im Winter schaut sie beim Ernten hinaus auf den verschneiten Frankenwald. Sie mag diese Kontraste.

Früher war hier deutsch-deutsches Grenzgebiet. Jeder in Kleintattau kommt früher oder später auf die Nähe zur früheren DDR zu sprechen. Damals, als sie quasi eingekesselt waren und weite Umwege in Kauf nehmen mussten, etwa wenn sie nach Coburg fahren wollten.

Ein bisschen ab vom Schuss ist das Örtchen am Rennsteig immer noch. Kein Zug hält hier. Dafür kommen seit einem Jahr jede Menge Busse mit insgesamt tausenden Besuchern an. Sie alle wollen den Garten Eden sehen. So heißt das Tropenhaus, in dem Kaegebein arbeitet.

Gepflegtes Paradies, es gibt im Garten Eden aber auch wilde Ecken
Dass Obst in Gewächshäusern gedeihen kann, auch in kälteren Gegenden, ist an sich nicht bemerkenswert. Es hat in Deutschland nur bislang keiner gemacht, weil die Energiekosten viel zu hoch sind. Es sei denn, man nutzt Energie, die ohnehin schon da ist: die Abwärme eines Unternehmens. Wohnhäuser werden so schon länger geheizt, auch Konzerne wie Audi nutzen Fernwärme aus.

Vor ein paar Jahren kam auch Carl-August Heinz auf die Idee mit der Fernwärme. Der Chef der Kleintettauer Traditionsfirma Heinz-Glas saß am Stammtisch und überlegte, wie er die Abwärme seiner Glasofen nutzen könnte, wie man mehr Besucher anlocken könnte, und wie sich beides am besten miteinander verbinden ließe. Schließlich kam man auf das Tropenhaus. Vorbilder dafür gibt es in der Schweiz.

Das Wasser aus der Glasfabrik kommt mit 35 Grad an
Katrin Kaegebein kann die Glasfabrik für Parfumflacons von ihrem grünen Idyll aus sehen. Unterirdische Rohre transportieren das 35 Grad warme Wasser rund 500 Meter ins Tropenhaus. Die Öfen in der Fabrik geben so viel Wärme ab, dass sie locker noch ein zweites Tropenhaus damit beheizen könnten. 55 bis 60 Prozent der Abwärme verbraucht das Tropenhaus im Winter. 3500 Quadratmeter werden insgesamt beheizt, das ist in etwa die Fläche eines Durchschnittskaufhauses. "Im Sommer sind es sogar nur fünf Prozent", sagt Ralf Schmitt, der Geschäftsführer des Tropenhauses.

Rollos unter dem Dach regulieren den Lichteinfall, so entstehen zwei verschiedene Klimazonen. Im Dauerwärmebereich wird es nie kälter als 18 Grad, im anderen Sektor darf es im Winter auch schon mal 14 Grad kühl sein. Da können sich die Pflanzen erholen. Im Schnitt hat es im Tropenhaus 20 bis 24 Grad, das ist nicht übermäßig heiß, aber die hohe Luftfeuchtigkeit ist schwer zu ertragen.

Mit dem Fischwasser der tropischen Buntbarsche wird gedüngt
Im Sommer reicht den Früchten die deutsche Sonne, nur die Fischbecken werden dann beheizt. Denn im Garten Eden wachsen nicht nur Pflanzen, in großen runden Bassins schwimmen auch tropische Buntbarsche herum, Tilapia genannt. Die mögen es schön warm. Mit dem Fischwasser düngen Schmitt und Kaegebein die Pflanzen - ein geschlossener Kreislauf. Einmal in der Woche kommt ein Fischer, schaut nach den Fischen und schlachtet manchmal welche für Besucher.

Technische Daten: Wer es genau wissen will

  • Klimazonen: Die Abwärme aus der Glasproduktion hat ganzjährig im Vorlauf eine Temperatur von 35 bis 38 Grad. Rund hundert Warmluftgebläse sorgen für eine Raumlufttemperatur von durchgehend 20 bis 24 Grad. Durch eine Twin-Roll-Wand lassen sich zwei unterschiedliche Klimazonen anlegen. "Jalousien" unter dem Dach beschatten die Pflanzen bei zu starker Sonneneinstrahlung, vermindern aber auch die Abstrahlung von Wärme und isolieren gegen die kühlere Luft im Giebel.

  • Abwärme: Die Abwärme aus der Glasfabrik (560kW) wird über drei Wärmetauscher (Motorkühlwasser, Motoröl, Abgas) an einen Heißwasserkreislauf abgegeben. Das 110 bis 120 Grad heiße Wasser treibt mit 500kW einen Kälteabsorber an, der den Kühlwasserkreislauf aus der Glashütte mit 250kW abkühlt. Nach dem Abkühlen bleibt jede Menge Niedertemperaturwärme übrig. Hinzu kommt Abwärme eines Durckluftverdichters, zusammen macht das etwa 1000kW. 

  • Düngung: Es laufen auch erste Versuche, die Böden im Tropenhaus nicht nur mit Fischwasser zu düngen, sondern durch Terra-Preta nach dem „Bokashi-Prinzip“. Hier werden pflanzliche und tierische Abfallstoffe in Tonnen vergärt. Der Aufbau erfolgt durch organischen Abfall in Kombination mit Pflanzenkohlen und Mikroorganismen. Dieses Substrat wird später wieder anteilig in den beanspruchten Boden eingearbeitet.

Nur zubereiten dürfen sie die Fische im Tropenhaus nicht selbst. "Wir dürfen leider nicht wirtschaftlich arbeiten", erklärt Leiter Schmitt. Als Forschungs- und Umwelteinrichtung ist das Tropenhaus 24 Jahre zweckgebunden, auch wenn das Gewächshaus schon seit einem Jahr keine öffentlichen Gelder mehr bekommt. Also wird es erst einmal nichts mit einer eigenen Gastronomie.

Schmeckt ein bisschen wie Karpfen: der Tropenfisch Tilapia
Trotzdem kann man in Kleintettau Tropenfisch probieren. Denn unverarbeitet dürfen sie Obst und Fische schon abgeben. Der Fisch wird also einfach die Straße hoch ins nächste Lokal gebracht, das zur Glasfabrik gehört. Die Köche im Glas-Café bereiten den Fisch dann frisch zu. Ein bisschen umständlich, aber so hilft man sich in Kleintettau gegenseitig. Alle haben was davon. Auch Restaurants in der Nähe bestellen ab und an Fisch.

Das ist zwar schön und gut, aber wenn man ihn ließe, könnte Schmitt in ganz anderen Dimensionen Fisch verkaufen. "Ich könnte 1,5 Tonnen liefern." Große Fischhändler kaufen allerdings lieber günstig woanders ein. Für einen Tilapia-Fisch aus dem Tropenhaus muss man im Glas-Café zwölf Euro hinlegen. Dafür ist der Fisch fangfrisch und hat einen lächerlich kurzen Transportweg hinter sich. Die Jungbrut stammt auch aus Deutschland.

Dennoch darf Schmitt den Tropenfisch nicht als bio verkaufen. Denn die EU-Ökoverordnung verbietet Fischanlagen mit geschlossenen Kreisläufen und ständiger Energiezufuhr von außen. Egal, wo die Energie herkommt. Auch für das tropische Obst war es schwierig, eine Zertifizierung zu bekommen. Ab März kommenden Jahres darf es aber als Bio-Ware verkauft werden.

Das meiste kaufen die Besucher des Garten Eden. Nur wenig geht an Kunden draußen. "Beim Obst ist die Menge zu unsicher", sagt Schmitt. Einen bestimmten Erntezeitpunkt gibt es nicht. Im Garten Eden erntet man nach und nach, was gerade reif ist. Hier eine Papaya, dort eine Banane. Vergangenes Jahr kamen so 1,4 Tonnen Papaya, eine halbe Tonne Maracuja und 800 Kilo Bananen zusammen. Dazu noch kleinere Mengen Mango, Sternfrüchte, Grenadille und Lulo.

Auch im Tropenhaus kehrt allerdings Ende November der Winter ein. Dann erntet Gärtnerin Kaegebein nur noch Bananen und Papaya, die auch reif werden, wenn die Sonne nicht mehr scheint. Den anderen Pflanzen ist es im deutschen Winter dann doch zu dunkel.

Noch grün und unreif: Die Forschungsfrucht Lulo aus Südamerika
Jana Messinger steht vor einer Pflanze mit pelzigen Früchten und streichelt darüber. Die 28-Jährige studiert an der Uni Bayreuth Biologie und Botanik und promoviert gerade. Im Tropenhaus wird viel mit verschiedenen Sorten experimentiert. Man will herausfinden, welche Sorten sich am besten für den Anbau in Deutschland eignen. Es gibt allein 15 verschiedene Papayas und 17 verschiedene Bananensorten. Die pelzige Lulo ist Jana Messingers Forschungsprojekt und stammt ursprünglich aus Amerika. "Sie schmeckt süß-säuerlich und erinnert an eine Mischung aus Erdbeere, Kiwi und Stachelbeere."

Auch Amaranth wächst im Tropenhaus, Kaffee, Chili, sogar Patchouli. Reibt man an den Blättern der Pflanze, riecht es plötzlich wie in einer Parfumabteilung.

Eine Erdhummel fliegt vorbei, ein australischer Marienkäfer krabbelt über das Blatt einer verlausten Kaffeepflanze. Sie dienen als Bestäuber oder Blattlausvernichter. Denn Pestizide kommen im Garten Eden nicht zum Einsatz. Alles soll bio sein. Nur für die Maracuja hat man noch keinen passenden Bestäuber gefunden. Die Gärtnerinnen bestäuben die Pflanzen noch per Hand, das aber ist aufwändig. "Ich suche jetzt Holzbienen für die Maracuja", sagt Schmitt, der selbst Gärtnermeister ist. Damit könnte es klappen.

17 verschiedene Bananensorten wachsen im Tropenhaus
Katrin Kaegebein hat gerade Bananen gepflückt und neben die Gummistiefel aufgehängt. Klein sind sie, wie man sie aus dem Türkeiurlaub kennt, sie liegen angenehm in der Hand. Die Schale ist weich und biegsam, beim Schälen zieht das Bananenfleisch kaum Fäden. Vor dem Gewächshaus hat die 51-Jährige Kartoffeln angepflanzt. Die hat ein Besucher ihr geschenkt, der Kartoffelsorten sammelt. Asiatische Besucher nehmen gern Kardamomblätter aus dem Tropenhaus mit. Im Garten Eden, so scheint es, findet jeder was für sich.

Frisch geerntete Papaya
Ralf Schmitt wollte beweisen, dass es möglich ist, in Deutschland exotisches Obst in Bio-Qualität anzubauen, das die Verbraucher auch kaufen. Eine mittelgroße Bio-Papaya gibt er für 4,50 Euro ab. Bei einem Preis von einem Euro pro hundert Gramm ist sie damit etwa 45 Cent teurer als eine konventionelle Frucht im Supermarkt. Gewinne macht das Tropenhaus damit allerdings nicht. Die 4,50 Euro decken nur die Kosten.

Schmitt meint dennoch, dass ein richtiger Unternehmer, der nicht an Auflagen gebunden ist, die konventionelle Flugware unterbieten könnte. Durch Weiterverarbeitung von Obst und Fisch, Veredelung im Fachjargon, oder einen Restaurantbetrieb. Erste interessierte Investoren haben sich im Garten Eden schon umgeschaut. Bald könnte es Nachahmer geben.

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