Salat mit Hähnchenbrust - eine beliebte Kombination, weil das Fleisch als fettarm gilt. (Foto: westend61/imago)
20.10.2014
Hühner-Exporte nach Afrika

Esst das ganze Huhn!

43.000 Tonnen Hühnerfleisch exportierte Deutschland vergangenes Jahr nach Afrika. Weil das Fleisch aus industrieller Massentierhaltung ist, ist es billiger als das afrikanischer Tiere. Doch welchen Preis Afrika tatsächlich zahlt, erklärt Francisco Mari, Agrarexperte bei Brot für die Welt.

IM FOKUS: Herr Marí, immer mehr Geflügelfleisch wird nach Afrika exportiert. Warum eigentlich?

Marí: Wegen der Werbebotschaften mit geringem Fett- und hohen Eiweißgehalt wurde Geflügelfleisch immer beliebter. Überall werden neue Ställe und noch größere Schlachthäuser gebaut. Hier wird allerdings mehr Geflügelfleisch produziert, als wir essen. Wir essen nämlich nur das Brustfleisch – der Rest interessiert uns nicht.

IM FOKUS: Und dieser Rest wird nach Afrika verkauft?

Marí: Ja, aber nicht nur. Bis vor einigen Jahren wurden viele Hühnerteile auch in die Ukraine und nach Russland exportiert, dann haben diese Länder aber ihren eigenen Geflügelmarkt weiter ausgebaut. Seither geht immer mehr Fleisch aus der EU nach Afrika. Allein im Jahr 2012 waren das 465.000 Tonnen - gegenüber 2010 eine Steigerung um 64 Prozent.

IM FOKUS: Ist das für die Geflügel-Unternehmen nur eine billige "Entsorgung" von eigentlich guten Lebensmitteln oder auch ein profitables Geschäft?

Marí: An dieser Art der Entsorgung verdient die Geflügelindustrie: Vor der BSE-Krise im Jahr 2000 wurden Fleischteile, die nicht gegessen wurden, zu Tiermehl verarbeitet und anschließend an Rinder, Geflügel und andere Tiere verfüttert. Der Schlachthof hat für die Reste also sogar noch Geld bekommen. Jetzt ist es umgekehrt: Der Schlachthof muss für die Entsorgung bezahlen. Da ist es also lukrativer, das Fleisch nicht hier zu entsorgen, sondern nach Afrika zu verkaufen.

Der Markt für Geflügelfleisch

  • 2013 aßen die Deutschen 19,4 Kilo Geflügelfleisch, davon entfallen 11,7 Kilo auf Hähnchenfleisch.

  • Weil die Deutschen vor allem Brustfleisch essen, sind sie bereit für dieses Stück mehr als dreimal so viel wie für andere Fleischteile zu zahlen.

  • 1993 wurden Hühner zu 70 Prozent als ganzes Tier verkauft, heute werden Hühner zu 80 Prozent in Teilstücken angeboten.

  • In den letzten 14 Jahren hat sich die Geflügel­fleisch­produktion mehr als verdoppelt - von rund 370.300 auf nun 747.300 Tonnen.

  • Deutschland importierte 2011 500.000 Tonnen Geflügelfleisch, da die Menge an Brustfleisch hier nicht ausreicht.

  • Im Jahr 2000 exportierte Deutschland rund 5 Tonnen nach Afrika, heute sind es rund 43.000 Tonnen, die gesamte EU exportiert rund 500.000 Tonnen Geflügelfleisch nach Afrika.

IM FOKUS: Ein Kilo Hühnerfleisch aus Europa ist in Afrika ja weitaus billiger als das Fleisch von afrikanischen Hühnern. Wieso können die Unternehmen so einen niedrigen Preis verlangen?

Marí: Weil es kein echter Preis ist - weder in Afrika noch bei uns. Es gibt zwar keine extra Subventionen, wenn die Unternehmen nach Afrika exportieren wollen, aber sie bekommen hierzulande jede Menge Fördergelder: Für neue Schlachthöfe, für neue Stallbauten und letztendlich auch für die Prämien, die jeder Bauer pro Hektar aus dem EU-Fördertopf erhält, denn das macht natürlich auch das Futtergetreide billiger, denn die Tiere essen nicht ausschließlich Soja aus Übersee. Diese Subventionen gibt es in afrikanischen Ländern nicht.

IM FOKUS: Eigentlich klingt es ja ganz gut: Afrikanische Verbraucher müssen weniger Geld für Fleisch ausgeben.

Marí: Das täuscht. Vor dem Konkurrenzkampf mit dem EU-Fleisch konnten sich viele Menschen durch den Verkauf von Geflügel ernähren. In Ghana etwa lebt über die Hälfte der Menschen von der Landwirtschaft, dazu gehören meist auch Hühner. Wegen der Konkurrenz zu den billigen europäischen Hühnerteilen, hat sich das nicht mehr gelohnt - das einheimische, teurere Fleisch wollte niemand mehr kaufen. Deshalb gibt es in Ghana nahezu keine Bauern mehr, die auf Geflügelfleisch setzen. So haben viele Familien ihre Einkommensquelle verloren. Und da nun die einheimischen Hühner vom Markt sind, haben die europäischen Unternehmen einfach den Preis erhöht. Jetzt kostet in Ghana ein Kilo Geflügelfleisch rund 2,50 Euro - so viel, wie vorher ein ganzes, rund 1,5 Kilo schweres, einheimische Huhn gekostet hat. Die Aussage "billiges Fleisch für Afrika" ist also völlig falsch.

IM FOKUS: Die Menschen müssen in Afrika jetzt also sogar noch mehr zahlen, ehe Ende der neunziger Jahre die Exporte gestiegen sind?

Marí: Ja. Dies zerstört nicht nur die Einkommensquelle vieler Familien und verteuert die Preise, sondern ist auch für viele Salmonellenerkrankungen in Afrika verantwortlich.

IM FOKUS: Aber in der EU gibt es doch ein viel strengeres Lebensmittelhygienegesetz als in Afrika?

Marí: Aber es gibt kaum Kühlschränke und Gefriertruhen. Sobald das Fleisch vom Schiff ist, ist die Kühlkette unterbrochen. Normalerweise werden in Afrika einheimische Hühner lebend auf dem Markt verkauft und dort direkt geschlachtet und gerupft - da gibt es dieses Kühlproblem nicht.

IM FOKUS: Warum importieren dann überhaupt afrikanische Länder europäisches Fleisch?

Marí: Weil sie Mitglied bei der Welthandelsorganisation sind oder sich an anderen Handelsabkommen beteiligen. Sie könnten die EU höchstens wegen Dumping-Preisen verklagen, allerdings ist das sehr teuer. Ein solcher Fall hat noch nie stattgefunden. Wenige Länder wie Nigeria haben trotzdem eine Einfuhrsperre verhängt. Bislang wurde das geduldet. Allerdings tritt in wenigen Wochen das Westafrikanische Handelsabkommen EPA in Kraft - das wird die Situation wohl weiter verschärfen.

IM FOKUS: Gibt es dieses Problem eigentlich nur bei Hühnern?

Marí: Hier ist es zumindest bis jetzt am extremsten: Zum einen, weil Mitteleuropäer nur das Brustfleisch wollen und weil Geflügelfleisch schnell verderblich ist. Aus Rind- und Schweinefleisch wird außerdem mehr Wurst hergestellt. Außerdem wird Hühnerfleisch weniger zu Heimtierfutter verarbeitet, im Gegensatz zu Rind und Schwein. Dennoch wird genauso viel Schweinefleisch nach Afrika exportiert wie Hühnerfleisch, vor allem Schweinefüße und Innereien. Das wirkt sich aber weniger stark auf die Kleinbauern aus, weil diese dann wenigstens die besseren Teile des Schweins verkaufen können. Wenn das EU-Schweinefleisch aber billiger ist als das einheimische Hühner- oder Rindfleisch, wird es zum Problem. Und das ist inzwischen leider immer mehr der Fall.

IM FOKUS: Was muss denn passieren, damit sich das ändert und die Europäer nicht länger den afrikanischen Markt kaputt machen?

Marí: Für die Verbraucher gilt: Esst das ganze Huhn! Und vor allem keines aus Massentierhaltung. Denn die Intensivtiermast wird immer billiger bleiben als die ökologische Landwirtschaft. Ein Masthühnchen erreicht sein Gewicht heute in fünf Wochen, ein afrikanisches Huhn, das nicht auf diese Leistung gezüchtet ist, braucht mindestens doppelt solange. Wegen dieser Preisschlacht stehen auch immer mehr afrikanische Länder unter Druck, selbst auf Massentierhaltung umzusteigen. Das würde das Aus für noch mehr Kleinbauern bedeuten, etwa Rinderhirten. Denn dieser Prozess macht ja nicht beim Geflügel Halt. Und die EU muss Verantwortung zeigen: Es darf ihr nicht länger egal sein, dass an unseren Billig-Produkten Menschen krank  und einheimische Märkte zerstört werden. Diese Exporte zu stoppen wäre ein wichtiger Beitrag zur Entwicklungspolitik.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person

Francisco Marí ist seit 2009 Referent für Agrarhandel und Fischerei bei der Entwicklungshilfeorganisation Brot für die Welt. Zuvor war er für den evangelischen Entwicklungsdienst tätig.

Marí hat unter anderem in Kamerun für ein Projekt gearbeitet, bei dem mit deutschen Entwicklungsgeldern Küken an afrikanische Frauen verteilt wurden. So konnten sich diese eine Lebensgrundlage schaffen. Seit der extremen Steigerung der Agrarexporte sind diese Frauen wieder ohne Einkommen - ihre Hühner will niemand mehr kaufen. Gemeinsam mit Rudolf Buntzel hat er über das Thema "Hühnerfleischexporte nach Afrika" 2007 das Buch "Das globale Huhn" geschrieben.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Weblog von Francisco Marí: www.brot-fuer-die-welt.de

Infos zum Thema stellt auch der Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen (VEN) bereit: www.ven.de