Einzelne Kühe in den USA geben schon über 30.000 Liter Milch im Jahr, in Deutschland liegt der Durchschnitt bei 7.500 Litern. (Foto: Anja, pixelio)
02.09.2014
Hochleistungszucht

Wenn Leistung krank macht

Jeden Monat stirbt laut der Welternährungsorganisation FAO weltweit eine Nutztierrase aus. Den Platz nehmen Hochleistungsrassen ein. Diese sind zwar effizient, aber häufig krank. Von Magdalena Fröhlich

74 einheimische Nutztierrassen gibt es in Deutschland - davon sind gerade einmal 22 nicht gefährdet. Die anderen 52 Rassen sind vor allem bei Liebhabern zu Hause. Anders als bei Wildtieren, werden Nutztiere weder Opfer von Wilderern, die beispielsweise Jagd auf das Nashorn oder Tiger machen. Noch wird ihr Lebensraum zerstört, wie es etwa bei umherwandernden Arten wie Elefanten der Fall ist. Nutztiere haben ein anderes Schicksal: Kühe, Rinder, Schweine, Schafe oder Hühner werden einfach ersetzt. Und zwar ebenfalls durch Kühe, Schweine, Schafe, Hühner. Nur eben durch solche, die für die Landwirtschaft effizienter sind. Also mehr Milch, mehr Fleisch oder mehr Eier geben. Für diese Leistung sorgen spezielle Zuchtunternehmen. Sie wählen Tiere aus, die besonders viel Fleisch, Eier oder Milch geben. Das Sperma verkaufen sie dann weiter.

Ein Schweineeber auf einer Atrappe (Foto: Agrarfoto)
Bernhard Hörning, Professor für ökologische Tierhaltung an der Hochschule Eberswalde, erklärt: "Die Leistungssteigerung war begleitet durch einen Rückgang der genetischen Vielfalt." Bis zu 100.000  Nachfahren zeugt laut Schweineexperte Rudolf Wiedmann heute ein Eber, wenn er vier bis fünf Jahre genutzt wird. Dafür braucht er noch nicht einmal eine richtige Sau. Jeden Morgen besteigt das Tier eine Attrappe und gibt sein Sperma ab. Das wird dann in kleine Tuben gefüllt und per Post verschickt. Von Flensburg bis ins Allgäu befruchten Landwirte damit ihre Sauen. Jedes Mal, wenn der Landwirt neue Ferkel will, muss er neues Sperma bestellen. Weil es meist Hybridtiere sind, kann sie der Bauer nicht weiterzüchten.

Das Sperma geht in den Versand (Foto: Agrarfoto)
Hybrid das bedeutet, dass man zwei Inzuchtlinien miteinander kreuzt. Zuerst A und B . Und dann C und D. Dann wird das AB-Tier mit dem CD-Tier gepaart. Herauskommen Junge mit den Eigenschaften A, B, C und D - also ein Top-Tier mit allen vier Leistungsmerkmalen. Dieses würde zwar Junge bekommen können, aber da sähe es mit der Leistung dann nicht mehr so gut aus - A, B, C und D werden dann nicht mehr gemeinsam vererbt, sondern würden sich auf alle Nachkommen verteilen. Dieser Effekt heißt "Heterosis-Effekt" und meint, dass sich die gewünschten Eigenschaften nicht von Generation zu Generation weitervererben. Eine Generation top, die nächste eher flop. Einen Flop kann sich aber heute kein Landwirt leisten. Deshalb bestellt er Sperma aus dem Katalog.

Hier stehen dann Angaben wie 1:2,95. Für ein Kilo Schweinefleisch, muss der Bauer 2,95 Kilo Futter investieren - fast ein Kilo weniger als noch vor 20 Jahren. Das ist so ähnlich wie beim Autokauf: Man achtet darauf, wie viel Sprit der Wagen pro gefahrene Kilometer schluckt. Zu viel Sprit ist genauso schlecht wie zu viel Futter - das kostet schließlich. Auch noch wichtig für die Kaufentscheidung: Wie schnell geht’s von 0 auf 100?

Beim Schwein heißt das nicht PS, sondern Wachstumswert. Heute nimmt es circa 880 Gramm am Tag zu. So heißt es bei der Leistungsprüfung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Mitte der 1980er Jahre waren es rund 600 Gramm, rund 30 Prozent weniger. "Einzelne Tiere sind schon kurz vor der Ein-Kilo-Marke", erklärt Hörning. Das ist dann fast genauso viel wie bei einem Rind. Man beachte den Größenunterschied.

Ein Huhn legt heute doppelt so viele Eier wie vor 50 Jahren

Man muss also viel weniger Futter ins Schwein stecken, um mehr Fleisch herauszuholen. Das klingt auf dem ersten Blick ganz gut - für den Bauern und fürs Klima: Weniger Futter bedeutet weniger Anbaufläche - Ressourcen wie Wasser und Land werden geschont. Beim zweiten Mal Hinsehen, sieht die Sache aber ganz anders aus. "Egal, welches Nutztier man als Beispiel nimmt - hohe Leistungen sind immer mit einem immensen Kraftfutteranteil verbunden", sagt Hörning. Wenn ein Huhn rund 300 statt 111 Eier wie noch im Jahr 1950 legt, dann reicht ihm dazu keine Handvoll Körner und die Würmer in der Erde.  Und wenn wie im Jahr 2011 Zeitungen titeln "9103 Liter: Milchleistungen märkischer Kühe fast verdoppelt" - und das binnen 20 Jahren, dann ist klar: So viel Energie steckt im Gras von der Weide einfach nicht. "Für diese enormen Leistungen müssen wir meist lateinamerikanisches Soja importieren. Die Rechnung mit dem Klima geht also vermutlich nicht auf", schlussfolgert Hörning. "Und der Bauer ist abhängig von wenigen Monopolisten und kann nicht mehr selbst darüber entscheiden, welche Eigenschaften ihn bei seinen Tieren wichtig sind und welche weniger." Vielmehr noch: "Die Höchstleistungen gehen zu Lasten der Tiergesundheit."

Die Narbe von einem Kaiserschnitt (Foto: imago)
Weil das Skelett nicht so schnell wachsen kann, wie die Muskeln der Tiere, leiden Schweine und Masthühner und -puten an Gelenkschäden. Kühen schmerzt oft ein entzündetes Euter und Legehennen brechen sich die Knochen, weil mehr Calcium in die Eierschale statt in die Knochen fließt. Das macht die Knochen brüchiger. All das liegt zwar auch daran, dass diese Tiere oft unter Massentierhaltungsbedingungen mit wenig Platz gehalten werden - aber eben auch an der Zucht. Die Krankheiten stecken den Turbo-Tieren also in den Genen. "Selbstverständlich spielen Umwelteinflüsse, also die Haltungsbedingungen eine große Rolle bei Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten. Trotzdem gibt es auch einen genetischen Zusammenhang zwischen Robustheit und Leistung", sagt Hörning. Überspitzt gesagt bedeutet das: Wir züchten kranke Tiere. Hörning hat herausgefunden: Je mehr Milch die Kuh gibt, desto schneller wird sie krank und umso höher steigen die Tierarztkosten.

Laut Hörning würde eine solche Leistungszucht sogar unter Paragraph 11b des Tierschutzgesetzes fallen: Das ist jener Paragraph, der Qualzucht beschreibt - und somit die Vorlage für ein Verbot solcher Turbozucht. Gerade bei Puten, die sich nicht mehr selbst fortpflanzen können - der Hahn ist für die Henne einfach zu schwer, sagt Hörning: "Wenn ein Tier nicht einmal mehr alleine Nachkommen zeugen kann, dann ist das wohl allemal kein normales Verhalten. Genauso sehe ich das bei extremen Fleischrinderrassen wie bei den Weißblauen Belgiern: Hier kommen fast alle Kälber per Kaiserschnitt zur Welt."

Angewandt wurde dieser Gesetzestext aber noch nicht. "Die Zuchtunternehmen sitzen ja meist im Ausland", so Hörning. "Der Qualzuchtparagraph existiert dort nicht." Auch in Deutschland sei eine Klage nicht einfach - für Tierschutzorganisationen gibt es nämlich kein Verbandsklagerecht, nach dem sich mehrere Verbände für eine gemeinsame Klage zusammenschließen können. Deshalb plädiert der Agrarwissenschaftler für Höchstgrenzen: Ab einer bestimmten Leistung muss Schluss sein. Im Ökolandbau gibt es diese schon. Masthühner dürfen hier beispielsweise erst nach einer bestimmten Zeitspanne geschlachtet werden und sie dürfen maximal 44 Gramm zunehmen - also rund 20 Gramm weniger als ein konventionelles Huhn. "Somit verringern wir Krankheiten, die auf eine extreme Leistungsanforderung zurückgehen", sagt Hörning.

Weniger Kraftfutter, weniger Leistung

Dennoch sieht er auch hier noch Schwachstellen: "Die Tiere bringen zwar weniger Leistung, weil sie nicht so viel Kraftfutter bekommen - dennoch stammen sie von den gleichen Zuchttieren ab, wie konventionelle Tiere." Das führt auch zu Inzuchtproblemen: Gerade einmal 10 bis 15 Bullen sind die Väter von rund 20 Prozent der Nachkommen einer Rasse. Top-Tiere liefern bis zu 700.000 Sperma-Portionen. Ein weiteres Problem: "Bei den Zuchtwertschätzungen geht es immer noch stark um Leistung. Faktoren wie die Fleischqualität, also etwa das intramuskuläre Fett, werden von den Unternehmen gar nicht angegeben. Außerdem wird etwa die Leistung von Milchkühen nur auf das Jahr gerechnet - nicht aber auf die gesamte Lebenszeit eines Tiers", so Hörning. Statt rund sechseinhalb Jahre werde eine Kuh heute nur viereinhalb Jahre alt. "Eine Kuh, die kurzzeitig viel Milch gibt, dann krank ist und zum Schlachter muss, kann weniger ökonomisch sein, als eine, die über mehr Jahre hinweg eine kleinere Menge Milch liefert. Das ist auch für das Tier gesünder", bemängelt er.

Einen Ausweg sieht er da unter anderem bei alten Nutztierrasen. Diese sind nicht nur auf ein Merkmal spezialisiert: Es gab keine extra Kühe, die man nur wegen des Fleisches und solche, die man nur der Milch wegen hielt. Eine Kuh schätzte man stets für beides. Bei den Hühnern war es genauso: Die sollten Eier legen und saftiges Fleisch ansetzen. Deshalb spricht man von Zweinutzungsrassen. Der Haken: Wenn ein Huhn zwar mehr Fleisch ansetzt und trotzdem viele Eier legt, reicht das noch nicht aus. Genauso ist es bei der Milch: Hier kann eine Kuh noch so ein guter Futterverwerter sein - es wird nie an die Leistung eines Hochleistungsrindes herankommen.

Deshalb hält Hörning eine spezielle Vermarktungsstrategie der Molkereien für eine gute Idee. Diese könnten speziell gekennzeichnete Milch alter Rassen anbieten und den Bauern damit einen Aufpreis zahlen. Bei den Hühnern sind einige Initiativen schon gestartet. In der Biobranche gibt es einen extra Fonds für die Hühnerzucht und selbst ein Zuchtunternehmen hat mittlerweile wieder ein Huhn im Angebot, das beides kann: Fleisch ansetzen und Eier legen. Wenn auch von beidem etwas weniger.

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