Hunde sind ein beliebtes Tier bei Therapien (Foto: imago/Gerald Biebersdorf)
03.06.2015
Interview mit Tiertrainerin

"Eine Therapie ist kein Streichelzoo"

Wieso sprachbehinderte Menschen lieber mit Hunden als mit Menschen reden? Ganz einfach: Ein Hund sagt nicht dauernd "hä?". Sprachfehler sind ihm egal. Das ist nur ein Grund, warum Tiere in der Therapie eingesetzt werden, erklärt Sozialpädagogin Ingrid Stephan im Interview.

IM FOKUS: Sprachtherapie, Traumabehandlung oder Bewegungsschulung  - bei Ihrem Angebot sind stets Tiere dabei. Wie können diese Ihren Patienten helfen?

Stephan: Es gibt zahlreiche Studien, dass Tiere das Wohlbefinden von uns Menschen stärken. So fördert zum Beispiel das Streicheln die Ausschüttung des Glückshormons Oxytocin. Andere Untersuchungen zeigen, dass der Kontakt zu Tieren die soziale Kompetenz steigert: Man lernt, die Bedürfnisse anderer besser wahrzunehmen. Dieses Potential nutzt die tiergestützte Therapie. Das Ganze ist aber kein Streichelzoo: Es ist eine normale Therapie und je nach Diagnose mit einem Logopäden, Ergo- oder Physiotherapeuten. Das Tier ist nicht der Therapeut, es unterstützt aber den Erfolg der Therapie. Die Tiere helfen beim Heilen.

IM FOKUS: Bei Ihnen am Institut werden zwölf verschiedene Tierarten eingesetzt. Was kann ein Meerschweinchen, was ein Hund nicht kann?

Stephan: Die Tiere sind nicht bestimmten Krankheitsbildern zugeordnet. Man kann also nicht sagen: Für alle Menschen mit einer Essstörung nehmen wir ein Huhn, für alle mit einer körperlichen Einschränkung ein Pferd. Kleinere Tiere, wie ein Meerschweinchen, sind vor allem für Patienten geeignet, die eher ängstlich sind. Auch in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung kann man sie gut einsetzen. Da geht es dann eher ums Versorgen der Tiere. Bei Menschen mit Behinderung ist es ja oft so: Sie machen täglich die Erfahrung, dass sie auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Beim Versorgen eines Tieres sind die Patienten plötzlich in einer neuen Rolle: Jetzt sind sie es, die sich um andere kümmern. Das fördert das Selbstbewusstsein. Grundsätzlich sollen die Patienten selbst wählen können, mit welchem Tier sie arbeiten möchten.

IM FOKUS: Und was kann der Hund?

Stephan: Hunde sind oft sehr kommunikativ. Sie laufen meist freudig auf die Menschen zu und sind gerne in Bewegung. Das fördert dann auch den Bewegungsdrang der Menschen. Man denkt nicht mehr darüber nach, ob man schnell oder langsam laufen kann, sondern spielt einfach mit dem Hund. Für verschlossene Patienten dagegen eignen sich eher Lamas oder Alpakas. Das sind beides Tiere, die eher auf Distanz gehen. Sie lassen sich gerne streicheln, hüpfen aber nicht ständig um den Patienten herum.

IM FOKUS: Was können denn die Tiere bei einer Sprachtherapiebewirken?

Stephan: Für Menschen mit einer Sprachentwicklungsverzögerung ist es ziemlich nervig, wenn dauernd jemand sagt: "Ich habe dich nicht verstanden, kannst du das noch mal sagen?" Dann haben die Patienten irgendwann keine Lust mehr, überhaupt zu sprechen. Ein Tier sagt nicht dauernd "hä?". Es reagiert auf den Tonfall, die Behinderung ist dem Tier egal. Die Patienten sprechen nicht nur leichter mit dem Tier, das Tier regt vor allem Kinder zum Sprechen an, weil sie mehr über das Tier wissen wollen: wie es heißt, was es frisst, was es gerne mag und so weiter. Da ist dann die Neugierde oft stärker als die Angst nicht verstanden zu werden.

IM FOKUS: Sie machen auch Biografie-Arbeit mit Tieren. Was bedeutet das?

Stephan: Einige unserer Tiere haben wir aus dem Tierheim, andere haben in ihrer Vergangenheit Gewalt erfahren, bevor sie zu uns gekommen sind. Auch einige unserer Patienten haben schlimme Erfahrungen gemacht, es gibt häufig Parallelen zu deren Lebensgeschichte. Wenn sie jetzt Tiere sehen, die aktiv sind und angstfrei auf andere zugehen, hilft das den Patienten. Sie merken: Eine schlimme Erfahrung muss nicht das ganze Leben bestimmen. Ganz wichtig ist auch die Erfahrung, dass die Tiere die Patienten annehmen, ohne sie zu bewerten.

IM FOKUS: Haben die Tiere eine bestimmte Ausbildung?

Stephan: Viele Menschen denken, "Therapiehund" sei eine eigene Rasse. Das stimmt aber nicht. Alle Haus- und Nutztiere sind grundsätzlich für die tiergestützte Therapie geeignet. Die Tiere müssen vor allem an Menschen gewöhnt  und kontaktfreudig sein.. Eine besondere Prüfung für Tiere, die in der Therapie eingesetzt werden sollen, gibt es aber nicht.

IM FOKUS: Es gibt ja einen ziemlichen Hype um das Schwimmen mit Delfinen. Was halten Sie davon?

Stephan: Das ist ja nur ein einmaliges Highlight, aber keine langfristige Therapie. Es gibt überhaupt keinen sinnvollen Grund, Wildtiere in der Therapie einzusetzen. Diese kann man bei uns nicht artgerecht halten.

IM FOKUS: Woran kann ich denn eine gute tiergestützte Therapie erkennen?

Stephan: Es gibt die Zertifizierungen der internationalen und europäischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie, ISAAT und ESAAT.  Auch auf der Website des Berufsverbandes der tiergestützten Therapie gibt es Adressen, an die man sich bedenkenlos wenden kann.

IM FOKUS: Wer entscheidet denn, ob die Therapie tiergestützt sein soll? Der Arzt?

Stephan: Nein, das ist Ihre Entscheidung. Sie können sich einen Logopäden, Physio- oder Ergotherapeuten suchen, der mit Tieren arbeitet. Vieles sind aber Selbstzahlerleistungen.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person
Ingrid Stephan ist Diplom-Sozialpädagogin, Tiertrainerin und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Berufsverbandes Tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen. Zudem unterrichtet sie am Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in der Schweiz sowie am österreichischen Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung, und bei der Fachtagung zur tiergestützten Intervention in Vlotho. Die Sozialpädagogin gibt zudem die Fachzeitschrift "tiergestützte" heraus.


Über das Institut
Ingrid Stephan leitet das Institut für soziales Lernen mit Tieren. Dort arbeiten Diplom-Sozialpädagogen, Ergotherapeuten und Tiertrainer mit unterschiedlichen Patienten: sowohl mit Soldaten mit Trauma-Erfahrungen, Schülern mit Lernschwierigkeiten und autistischen Zügen als auch mit älteren Patienten.
Das Institut bietet außerdem eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention an und arbeitet dabei mit Dozenten aus Wissenschaft und Praxis zusammen. Die Berufsbegleitende Weiterbildung Tiergestützte Pädagogik, Tiergestützte Therapie & Tiergestützte Fördermaßnahmen des Instituts für soziales Lernen mit Tieren ist 2007 als erstes Weiterbildungsinstitut in Europa durch die International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT) und die European Society for Animal Assisted Therapy (ESAAT) zertifiziert worden.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

www.lernen-mit-tieren.de

www.tiergestuetzte.org