Wieder nicht die richtige Linse: Bevor Woldemar Mammel (rechts) die Alb Leisa fand, hat er zahlreiche Linsen untersucht (Foto: Thomas Stephan)
11.12.2013
Regionales aus St. Petersburg

Ein schwäbisch-russisches Linsen-Märchen

Aschenputtel und Woldemar Mammel haben eines gemeinsam: einen Haufen Arbeit mit Linsen. Bei beiden geht es um ein Märchen, das von Mammel ist wahr. Der Bauer von der schwäbischen Alb hat einen alten Schatz gefunden – eine Linse. Und zwar in Russland. Von Magdalena Fröhlich

Zarte Pflänzchen: Linsen sind extrem arbeitsaufwändig (Foto: Thomas Stephan)
Wenn jemand 20 Jahre lang nach Linsen sucht und sie ausgerechnet 2500 Kilometer entfernt in Russland findet, dann wirft das vor allem zwei Fragen auf: Warum will man überhaupt eine Linse retten? Und warum muss man dazu extra nach Russland fahren? Weil sie schmeckt und so was von urschwäbisch ist, würde Woldemar Mammel auf erstes antworten.

Der 71-Jährige aus Lauterach hat den schwäbischen Spätzle wieder zur einheimischen Beilage verholfen. Seit den 1950er Jahren kommen die Linsen aus aller Welt, aber nicht aus dem Ländle. Dank Mammel ist es inzwischen wieder umgekehrt, oder zumindest fast. Jetzt will alle Welt die Linsen von der schwäbischen Alb, die auf Älbler-Schwäbisch "Alb Leisa" heißen. "Alb" ist eben die Alb und "Leisa" bedeutet Linsen.

Mit den Linsen wird auch das Getreide geerntet (Foto: Thomas Stephan)

Die Antwort auf die zweite Frage, warum man wegen einer Linse nach Russland, genauer nach St. Petersburg fahren muss, ist da schon komplizierter. Woldemar Mammel baute seit den achtziger Jahren Linsen an - französische. Und das im Ländle. Es gab schlichtweg keine schwäbischen, noch nicht einmal mehr deutsche. Der Grund dafür: Wie bei Aschenputtel auch - machen Linsen richtig viel Arbeit. Sie brauchen eine andere Pflanze, die sie stützt, damit sie nicht umkippen und vom Regen platt gedrückt werden.

Deshalb pflanzt man sie gemeinsam mit einem Stützgetreide, zum Beispiel Hafer oder Gerste an. Beides muss nach der Ernte sortiert werden. Zuvor aber muss sie der Bauer trocknen. Außerdem kann man sie auch nur alle sechs Jahre auf demselben Acker anpflanzen - sonst machen sich zu viele Pflanzenkrankheiten breit.

Ziemlich anspruchsvoll, so eine Linse und ziemlich mühselig, die Arbeit, die man mit ihr hat. Doch wer will schon so einen Aufwand betreiben? Mit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit wurde der Anbau uninteressant. Und was nicht angebaut wird, dafür braucht man auch kein Saatgut. 1966 wurde der letzte Eintrag einer Linse aus dem Bundessortenregister gelöscht. So ist die Linse verschwunden. Vorerst.

Linsenanbau weltweit

  • Linsen kommen ursprünglich aus der südlichen Türkei und dem nördlichen Syrien.

  • Heute ist die Türkei das drittgrößte Linsenanbaugebiet, die größten sind Kanada und USA, gefolgt von Indien.

  • In diesen Ländern entfällt klimabedingt die aufwändige Warmlufttrocknung nach der Ernte.

  • In Deutschland kommen die meisten Linsen aus Kanada.

  • Linsen von der Alb decken nicht mal ein Prozent des Linsenbedarfs in Deutschland.

Dieser Eintrag aus dem Sortenregister stammte von Fritz Späth, den Mammel auch als "Erbsen- und Linsenkönig" bezeichnet. Er war der letzte, der die Hülsenfrüchte von der Alb züchtete. Jahrelang macht er zahlreiche Versuche, musste dann aber feststellen, dass sie nur rund 30 Jahre später niemand mehr wollte - und das obwohl Linsen jahrhundertelang auf der Alb die Hauptmahlzeit schlechthin waren. Er nannte sie einfach „Späths Alblinse I“ und „Späths Alblinse II“.

Saatgut gab es nach dem Löschen des Eintrags 1966 keines mehr. Und selbst wenn es noch welches gäbe – keimfähig wäre das nicht mehr: Nach circa zehn Jahren wird aus dem Korn keine Pflanze mehr. Egal wie viel man gießt und hofft, aus dem Korn wird nichts mehr wachsen. Das ist auch der Grund, warum viele Nutzpflanzen vom Aussterben bedroht sind. Aber gut, dass die Linse ihre Fans hat. Und die wollten natürlich die original schwäbischen haben. Einige von ihnen quälte der Gedanke sogar bis tief in die Nacht: Wo bekommen wir die ursprünglichen von Fritz Späth her?

Linsen-Fan Klaus Lang erhält zwei Tütchen mit 350 Linsensamen aus St. Petersburg (Foto: Thomas Stephan)
Die Antwort kam – nach zig durchsuchten Scheunen, zahlreichen Anrufen bei Universitäten, der deutschen Genbank in Gatersleben, bei Forschungsinstituten - nachts per Email zu zwei Hobbygärtnern, Klaus Amer und Klaus Lang: Schwäbische Linsen - die gibt es in Russland! Genauer in der Vavilov-Genbank in St. Petersburg. Das ist die drittgrößte Genbank der Welt. Aber kann man einfach anklopfen und sagen: „Hallo, ich hätte gern ein paar Samen von Späths Alblinsen?“ Man kann. Zwei Tütchen hat Klaus Lang erhalten und gleich welche bei Woldemar Mammel vorbeigebracht. „In Russland, darauf hätte ich nun wirklich nicht getippt.“ 

Genbank sät Samen regelmäßig aus

So kamen also die schwäbischen Linsen von St. Petersburg zurück auf die Alb. Und die Bauern zum Danke sagen nach Russland. Weil eine Genbank alle paar Jahre die Samen neu aussät, sind sie auch noch keimfähig. Warum kamen die Linsen aber in den sechziger Jahren von der Alb nach Russland? Die Selbstversorgung durch eine möglichst große Sortenvielfalt zu sichern, spielte in den osteuropäischen Ländern offensichtlich eine viel wichtigere Rolle als hierzulande.

Unterm Hagelschutznetz: Woldemar Mammel untersucht seine Linsen (Foto:Thomas Stephan)
Bis man aber aus ein paar Körnern so viele Linsen zusammenbringt, um damit rund 400 Läden und 100 Gaststätten beliefern konnte, dauerte es rund drei Jahre. Erst einmal mussten die 700 Linsenkörner an den Tropf: Unter ausgeklügeltsten Bedingungen wurden sie im Glashaus einer Gärtnerei vermehrt. Dabei hatte jede Pflanze ihren eigenen Wasserschlauch bekommen. "Wie auf der Intensivstation, so gut wurden sie da umsorgt", sagt Mammel.

Das hat sich gelohnt: Ein Samenkorn brachte 400 bis 500 neue Körner hervor. „Hundertfache Vermehrung wäre biblisch gewesen, aber 500-fach! Auf dem Feld vermehren sich die Linsen normalerweise um das 20 bis 40-fache!" Als nächstes stand die Bewährungsprobe auf dem Acker an: Da hat man sie endlich, die Linse, und dann spielt das Wetter verrückt! So schnell wollten sich die Linsenbauern ihren Erfolg nicht verhageln lassen. Also spannten sie Hagelnetze auf, gerade rechtzeitig, als das Unwetter anrückte. Verhüllungskünstler Christo hätte es kaum besser hinbekommen.

"Eine Heidenarbeit“, wie Woldemar Mammel sagt. Und dabei wussten die Älbler noch nicht einmal wie ihre Entdeckung schmeckt. Der Spruch "Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen", bedeutet hier: "Erst wird gesät, dann wird gegessen." Wie gut sie schlussendlich schmecken, beweist der rasante Absatz - heute seien die Linsen oft schon im Frühjahr ausverkauft gewesen.

Anti-Bläh-Tricks von Blähungsforschern

Solche Titel gibt es tatsächlich! Sie beschäftigen sich unter anderem mit Nahrung für Raumfahrer:

  • Linsen mindestens neun Stunden in der dreifachen Menge Wasser einweichen. So werden viele der Mehrfachzucker abgebaut, die für die "heiße Luft" verantwortlich sind.

  • Das Einweichwasser muss man natürlich wegschütten.

  • Längeres Garen und Nachquellen soll übrigens auch helfen.

Argumente für die Linse weiß Mammel viele. Eines davon sind die sogenannten "essentiellen Aminosäuren", lebensnotwendige Eiweißbausteine für die Bildung aller menschlichen Proteine. Vielleicht ist es die subtile Art der Linse, uns zu sagen, was gut zusammenpasst: Nämlich Linsen und Getreide. Während die Linse das Getreide als Stützfrucht braucht, ist die Verbindung eine wertvolle Ergänzung in der Ernährung.

Auf der ganzen Welt gibt es Beispiele für Gerichte mit der Kombination Hülsenfrüchte plus Getreide. Zusammen mit Spätzle, also Weizenmehl, und Linsen in Süddeutschland isst man seit jeher Bohnen mit Mais in Amerika und Sojabohnen mit Reis in Ostasien. Eine optimale Kombination pflanzlicher Eiweiße - ganz ohne Fleisch. Kopfschüttelnd sagt Mammel: "Wir verbrauchen 83 Kilogramm Fleisch im Jahr aber essen noch nicht einmal ein Kilo Hülsenfrüchte! 1850 waren das noch 20 Kilo. Der schwäbische Linsensalat ist vermutlich wegen Reichtum ausgestorben."

Der Linsenacker: Lebensraum für bis zu 40 verschiedene Ackerwildkrautarten (Foto: Thomas Stephan)
Außerdem sind Linsen eine hervorragende Quelle für Kupfer, Phosphor, Zink, Magnesium, Eisen, B-Vitamine und Folsäure. Verständnislos sagt Mammel: "Die USA und Kanada setzen mittlerweile auf gesunde 'Zwangs-Ernährung'. Dort ist ein Zusatz von synthetischer Folsäure im Mehl gesetzlich vorgeschrieben. Und das in einem der größten Linsenanbaugebiete unserer Erde!"

Dann ist da noch der Geschmack der Alb Leisa: Warum die so gut schmecken? Weil es echte "Vollkornlinsen", also solche mit Schale sind. In dieser sitzen nämlich die meisten Aromen - und kleine Linsen, wie die Alb Leisa, haben eben einen höheren Schalenanteil.

Linsen haben wunderschöne Schmetterlingsblüten - allerdings sind sie nicht einmal so groß wie ein Fingernagel (Foto: Thomas Stephan)
Wer dann noch die Vielfalt auf einem Bio-Linsenacker mit Distelfaltern, Lerchen und 30 bis 40 verschiedenen Ackerwildkrautarten sieht, der kann sich vorstellen, warum der heimische Linsenanbau von Biobauern wiederbelebt worden ist. Und überhaupt seien Linsen einfach recht hübsch. Über die Blüten sagt Mammel schmeichelnd: "Als Linsenanbauer könnte man auf die Idee kommen mit Linsenbouquets in die Floristik einzusteigen." Die Schmetterlingsblüten sind für Blumensträuße jedoch viel zu klein, aber märchenhaft schön.

 

Vom Bio-Lehrer zum Bio-Bauer

Die Alb Leisa werden noch von Hand verpackt (Foto: Thomas Stephan)
Der Bioland-Hof Mammel wird seit 1975 als Familienbetrieb biologisch bewirtschaftet. Nachdem Woldemar Mammel als Biologie-Lehrer gearbeitet hatte, entschloss er sich, in die Biolandwirtschaft einzusteigen. Neben Linsen werden Kartoffeln, Feldgemüse und Getreide angebaut und eine Mutterkuhherde auf Naturschutzflächen gehalten. Heute führt Sohn Max mit seiner Frau Szilvia den Hof und Sohn Lutz Mammel die inzwischen eigenständige Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“.  Zu dieser gehören mittlerweile 70 Bio-Betriebe. Die Mitglieder müssen sich weder um die Trocknung und Sortierung noch um die Vermarktung kümmern - das übernimmt die zentrale Geschäftsstelle in Lauterach.

Die „Alb-Leisa“ gibt es in zahlreichen Läden und Restaurants in Baden-Württemberg und Bayerisch-Schwaben.

Verkaufsstellen und weitere Infos: www.alb-leisa.de

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.alb-leisa.de